Bauboom
Die Stadtflucht ist definitiv beendet

Nach der Flucht aufs Land in den 80er-Jahren setzt eine Gegenbewegung ein. Die Städte in der Region wachsen bevölkerungsmässig überdurchschnittlich.

Franz Schaible
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Der Wohnungsmarkt ist nicht überhitzt

Der Wohnungsmarkt ist nicht überhitzt

«Die städtischen Gebiete wachsen seit 1998 schneller als ländliche Regionen», schreibt das Bundesamt für Statistik in einer Studie zur Entwicklung der Wohnbevölkerung in der Schweiz. «Seit 1997 nimmt die Wohnbevölkerung in der Stadt Zürich wieder kontinuierlich zu. Die Stadt boomt. Innerhalb von zehn Jahren ist die Bevölkerung um über 20000 Personen gewachsen», heisst es auf der Homepage der grössten Schweizer Stadt.
Diese Trendumkehr trifft auch auf die meisten Städte in unserer Region zu. Sie sind im Vergleich zur jeweiligen Kantonsentwicklung bevölkerungsmässig überdurchschnittlich gewachsen. Das urbane Wohnumfeld sei wieder vermehrt gefragt, erklärt Solothurns Stadtschreiber Hansjörg Boll. «Die Stadt als Wohnraum hat eindeutig an Attraktivität gewonnen.» Dazu trage das vielfältige Angebot im Bereich Kultur, Sport, Einkaufen, Freizeit usw. bei. Zudem werde das Berufspendeln immer mehr zur Normalität. «Und das ist von einer Stadt aus einfacher als von einer ländlichen Region.»

Zentral gelegen und viele Arbeitsplätze
Für Thomas Rufener, Stadtpräsident von Langenthal, scheint «die Stadtflucht beendet zu sein». Auch er führt das Dienstleistungsangebot, erreichbar in kürzester Distanz, ins Feld. Das, eine gute Gesundheitsversorgung, Bildungsmöglichkeiten sowie das Angebot an Arbeitsplätzen seien für die Lebensqualität entscheidend. «Darin sehe ich eine grosse Chance für Städte als regionale Zentren.» Dazu brauche es geeigneten Wohnraum, und da sei in Langenthal zuletzt viel investiert worden. Es habe zwar keine «riesigen Neubauwohnflächen» mehr, der Trend gehe nun hin zum verdichteten Bauen. Rufener erwartet, dass der 2004 in kleinen Schritten eingesetzte Wachstumstrend auch künftig anhalten werde. Für Solothurn ist Hansjörg Boll ebenso zuversichtlich: «Angesichts der laufenden und geplanten Wohnbauprojekte werden wir die Marke von 16000 Einwohnern noch im laufenden Jahr knacken.»
Grenchen weist als einzige Stadt in der Region über zehn Jahre kein Bevölkerungswachstum auf. Das will Stadtschreiberin Luzia Meister nicht negativ werten. Denn der Rückgang der Einwohnerzahl der weiter zurückliegenden Jahre, der namentlich auf die Krise in der Uhrenindustrie und auf die Rezession der 90er-Jahre zurückzuführen sei, habe gestoppt respektive gar gekehrt werden können. «In den 70er-Jahren zählte Grenchen 20000 Einwohner.» An der Wirtschaftsentwicklung kann es jedenfalls nicht liegen, wurde doch Grenchen in mehreren Studien für das vergangene Jahrzehnt ein überdurchschnittliches Wachstum attestiert. Dies wirke sich aber nicht zwingend und unmittelbar auf die Einwohnerzahl aus, sagt Meister. Die hohe Mobilität generiere nicht nur Weg-, sondern eben auch viele Zupendler. Es fehle auch nicht an attraktiven Wohnlagen im Wohneigentumsbereich, und gute Mietwohnungen seien begehrt. «Imagemässig mögen aber bei Wohnungssuchenden die Folgen der letzten Rezession immer noch nachwirken», gesteht sie ein. In Grenchen werde «nachgerüstet»; es habe in den vergangenen 20 Jahren noch nie so viele Bauplätze wie heute gegeben.
Nicht nur tiefe steuersätze sind attraktiv
Wenig überraschend fiel das Wachstum in vielen steuergünstigen Gemeinden zweistellig aus. «Tiefe Steuersätze alleine genügen aber nicht, um neue Einwohner anzuziehen», sagt Peter Käch, Gemeindeschreiber von Niederönz. Die Oberaargauer Gemeinde wuchs um über 12 Prozent. Es müsse auch Bauland zur Verfügung stehen, was in Niederönz bald wieder der Fall sein werde. Dies im Gegensatz zu Feldbrunnen, wo die Bevölkerung um fast 18 Prozent zunahm. «Zurzeit steht in Feldbrunnen kein Bauland zur Verfügung», vermeldet die Gemeinde auf ihrer Homepage. Alle Anfragen müssten abschlägig beantwortet werden.
Ähnlich begehrt sind Gemeinden, die sehr gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen sind. Typische Beispiele sind die Orte entlang der RBSLinie zwischen Solothurn und Bern.
dagegen haben ausgesprochene Industriegemeinden in den vergangenen zehn Jahren Einwohner verloren, zum Beispiel Zuchwil. Für Gemeindepräsident Gilbert Ambühl ist «seine» Gemeinde aber als Wohnort nicht unattraktiv. Beispielsweise seien Verkehrslage und Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr «hervorragend» und das Infrastrukturangebot «weit überdurchschnittlich». Im Vergleich mit anderen Gemeinden sei aber weniger zusätzlicher Wohnraum neu erstellt worden. In den letzten fünf Jahren rund 100 neue Wohneinheiten, die, so Ambühl, alle sofort verkauft oder vermietet werden konnten. Andererseits gebe es Leerwohnungen in grossen Überbauungen aus den 60er- und 70er-Jahren, deren Standard den heutigen Ansprüchen nicht mehr genüge.
Auffallend ist, dass Gemeinden mit stagnierender oder rückläufiger Bevölkerung wie etwa Dulliken, Trimbach oder eben Zuchwil einen hohen Ausländeranteil aufweisen. «Da besteht sicherlich ein Zusammenhang. Wird doch der hohe Ausländeranteil mit Schwierigkeiten im sozialen Bereich und mit schlechter Schulqualität gleichgesetzt», sagt Ambühl. Allerdings gingen da Wahrnehmung und Realität auseinander. Zuchwil etwa habe nicht mehr Gewalt- und Vandalismusprobleme als andere Gemeinden, und die Schulen seien innovativ und verfügten über eine sehr gute Qualität. «Leider ist aber gegen ein schlechtes Image schwer anzukommen.» Besser hat es Gerlafingen: Trotz hohem Ausländeranteil wächst die Gemeinde stark.