Der Brunnen vor der Scheune plätschert nur noch zaghaft vor sich hin. Wenig Regen macht sich auf dem Hesselberg schnell bemerkbar, denn der Bauernhof ob Oensingen lebt einzig von zwei natürlichen Quellen. «Wir hatten diesen Sommer zu wenig Wasser», sagt Beatrice Hengartner vom Hesselberg. Jetzt will die Gemeinde eine Wasserleitung bauen. Am 12. Dezember kommt der Kredit vor die Gemeindeversammlung. In den nächsten Wochen wird bereits ein Provisorium verlegt.

Familie darf Wasser trinken, Kühe aber nicht

Die anhaltende Trockenheit hat ihre Spuren hinterlassen: Seit einigen Tagen muss Wasser auf den Hesselberg transportiert werden. Im Dorf unten stellen Hengartners Fässer vor den Hydranten. Mitarbeiter des Werkhofes füllen sie. Für die sechsköpfige Familie hat der Zwang zum Wassersparen einige Auswirkungen. Mit vier Kindern die Wäsche zu organisieren, wird zur logistischen Meisterleistung. In zwei Metern Tiefe liegt die Hauptquelle. Ist der Boden trocken, braucht es zuerst eine Anlaufzeit, bis das Wasser genügend tief in die Erde sickert und die Quelle wieder Wasser liefert. Ein kurzer Regenschauer nützt nichts.

Ein weiterer Grund für den Bau der Wasserleitung kommt von der Lebensmittelkontrolle. Die Milchgerätschaften müssen mit einwandfreiem Trinkwasser betrieben werden. Bei Schmelzwasser kann es auf dem Hesselberg jedoch in seltenen Fällen eine trübe Färbung im Quellwasser geben. Auch wenn bei der Milch, die Stephan Hengartner abliefert, sämtliche Hygienewerte und Qualitätsstandards eingehalten werden, und die Familie von demselben Wasser lebt, wird das trübe Wasser beanstandet – und ist bei der Milchproduktion nicht erlaubt.

Zudem benötigt der Milchwirtschaftsbetrieb eine Versorgungssicherheit. Solange Hengartner nie weiss, mit wie viel Wasser er rechnen kann, ist diese nicht gewährleistet. Vierter Grund für den Leitungsbau ist schliesslich die Gebäudeversicherung, die für den Fall eines Brandes einen Löschwassertank auf dem Hesselberg fordert. Denn der nächste Hydrant liegt weit unten beim Chutloch nahe an der Umfahrungsstrasse.

Gemeinde übernimmt Kosten

Eigentlich würden Perimeterbeiträge für die Grundeigentümer fällig. Darauf verzichtet die Gemeinde jedoch, denn die finanziellen Lasten könnte der Bergbauernbetrieb nicht stemmen. Die Notwendigkeit der Leitung ist bei der Gemeinde unbestritten. «Es gibt sehr wenige Bauernhöfe im Kanton Solothurn, die nicht angeschlossen sind», sagt Andreas Affolter, Bereichsleiter Tiefbau in Oensingen. «Jeder hat das Recht, Wasser zu haben», erklärt auch Gemeindepräsident Markus Flury. Die momentane Situation sei nicht tragbar. «Das Wasser der Quelle ist zu sehr rückläufig.» Die Gemeinde ist deshalb daran, eine Notleitung zu bauen. Sobald es das Wetter wieder zulässt, soll mit der Hauptleitung begonnen werden – vorausgesetzt, dass die Gemeindeversammlung am 12. Dezember zustimmt.

Sinnvoll und wichtig ist das Projekt auch für Christian Ledermann vom Amt für Landwirtschaft. «Wir haben in den letzten dreissig Jahren sehr viele Betriebe unterstützt. Sonst hätten viele Bauern im Jura mit der momentanen Trockenheit ein Problem.» Es gebe nur noch sehr wenige Bauernbetriebe ohne direkten Anschluss an die Wasserleitungen. 90000 Franken kostet die Trinkwasserleitung. Hinzu kommen 35000 Franken für den 30 Kubikmeter grossen Löschwassertank. Davon übernimmt die Gebäudeversicherung 10500 Franken. Das Amt für Landwirtschaft bezahlt nach Projekteingabe rund 40000 Franken als Förderung für Strukturprojekte in der Landwirtschaft. Für die Gemeinde bleiben 73100 Franken. Die Hofbesitzer müssen ein Prozent der Gebäudeversicherungssumme als Anschlussgebühr bezahlen – immer noch ein fünfstelliger Betrag.

Kein Profit für Ferienhausbesitzer

Die Gemeinde hat auch sichergestellt, dass nur die Landwirtschaft von der bezahlten Wasserleitung profitiert. Sollte der Hof einmal nicht mehr als Bauernbetrieb genutzt werden, muss der künftige Besitzer die Anschlussbeiträge nachbezahlen. Damit wird verhindert, dass ein möglicher Ferienhausbesitzer später einmal von der Leistung der Gemeinden profitiert.

Vom Haus an der Hesselbergstrasse 4 soll das Wasser zum Hof gezogen werden. Die Leitung verläuft zuerst auf dem Mergelweg, führt anschliessend über den abfallenden Strassenteil und zieht sich schliesslich weiter durch den Wald und über die Weide bis zum Bauernhof. Dazu braucht es im Haus eine Druckerhöhungsanlage, welche 60 Liter pro Minute leistet.