Diese brisanten Fragen waren wohl der Grund, weshalb die Aula des Bürgerspitals aus allen Nähten platzte, als der Spitexverband Kanton Solothurn und der Verband Solothurner Einwohnergemeinden zusammen mit Beratungsfirmen eine Tagung für Gemeinde- und Spitexvertreter durchführte.

Kurt Altermatt, Direktor der Solothurner Spitäler AG soH, liess gegenüber den 165 Tagungsbesuchern keinen Zweifel daran, dass ab 2012 mit der Einführung der neuen Spitalfinanzierung und den Fallkostenpauschalen DRG (vgl. Kasten rechts) einschneidende Änderungen auf das Schweizer Gesundheitswesen zukommen. «Die Spitäler werden durch Fallpauschalen mit politisch motivierten tiefen Preisen klar unter Druck gesetzt», sagte Altermatt. Es bestehe die Notwendigkeit, die Patienten möglichst schnell zu behandeln. «Dies hat zweifellos Auswirkungen auf die Spitex.»

Mehr Fragen als Antworten

Die Spitalaufenthaltsdauer sinke allerdings auch aufgrund des medizinischen Fortschritts. Für Standardeingriffe wie Blinddarmoperationen oder auch Geburten sei DRG ein wirksamer Ansatz. «Im stationären Bereich gibt es aber mehr Fragen als Antworten», meinte Altermatt. Stichworte sind Rehabilitation, Psychiatrie und Langzeitpflege.

Probleme bei der Rehabilitation sollen mit der neuen, ärztlich verordneten Akut- und Übergangspflege verhindert werden. Sie dauert maximal 14 Tage und kann im Spital, in einem Heim oder zu Hause durch die Spitex erfolgen. Kathrin Horlacher, Leiterin Pflegeentwicklung bei der soH, erläuterte die Bedingungen und Zielsetzungen. Wichtig sei, dass die Patienten zu Hause leben wollen sowie bereit und fähig seien, eine gewisse Unabhängigkeit zu erlernen. «Die Spitex-Aufgabe soll etwas für Generalisten bleiben», ergänzte Markus Gutknecht, Leiter Spitex Region Olten. Weiterbildung werde aber nötig sein.

Sigrun Kuhn-Hopp, Präsidentin Spitex Kanton Solothurn, präsentierte Zahlen zur Struktur der rund
40 Spitex-Organisationen im Kanton. 2009 wurden 6507 Personen gepflegt oder 2,6 Prozent der Bevölkerung. Diese sei im Schweizer Vergleich wenig und ein Hinweis, dass die familieninterne Unterstützung noch vergleichsweise intakt sei. Die jährlichen Spitex-Kosten betrugen 2009 dennoch gut 40 Mio. Fr. Den neuen Herausforderungen will der Verband mit einer neuen Strategie begegnen. Elemente sind beispielsweise die Überprüfung der Organisationsgrösse, um einen 24-h-Service anbieten zu können, sowie Ausbildung und Qualitätssicherung.

Solothurner Modell gefährdet

Marcel Châtelain, Chef des Amtes für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn, erläuterte die Abgrenzung der Leistungen Akut- und Übergangspflege (ausgelagerte Spitalleistung), Heimpflege und ambulante Pflege (Spitex). Das Solothurner Modell, das bei Leistungen zwischen Pflege und Betreuung unterscheide, und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Patienten berücksichtige, lasse sich nicht mehr aufrechterhalten. «Die Leute wollen ihr Geld offenbar lieber vererben, als für ihre Pflege brauchen und die Allgemeinheit zahlen lassen», sagte Châtelain. Auf die öffentliche Hand würden somit jährliche Mehrkosten von 20 bis 40 Mio. Fr. zukommen (vgl. Artikel Seite 27).

«Bestrebungen von Bund, Kanton, Krankenkassen und Leistungserbringern, die Einwohnergemeinden in die Rolle der unmündigen Zahlstelle zu drängen, waren weitgehend erfolgreich», sagte Ulrich Bucher, Geschäftsführer des Gemeindeverbands. Denn für die ungedeckten Kosten der Spitex haben die Gemeinden aufzukommen. Im Jahr 2000 betrug der Gemeindeanteil noch 13,3 Prozent, 2009 waren es laut Bucher 31,3 Prozent, Tendenz steigend. Er plädierte dafür, den Gemeinden genug Spielraum für die Entwicklung ihrer Spitex-Organisationen zu lassen. «Ein teurer 24-h-Betrieb ist wohl längst nicht überall nötig.» Anderseits könne gerade auch ein gutes Spitex-Angebot eine Trumpfkarte im Standortwettbewerb darstellen.