Selzach
Die Fabrik von Christ & Heiri ist auferstanden

Im Selzacher Unternehmen Christ & Heiri werden wieder Zahnräder auf Hochtouren produziert. Im vergangenen Sommer erlitt die erst vor anderthalb Jahren gebaute Fabrik bei einem Brand Totalschaden

franz schaible
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Arno Heiri kann wieder lachen – in der neu gebauten Fabrik wird wieder gearbeitet. Hanspeter Bärtschi

Arno Heiri kann wieder lachen – in der neu gebauten Fabrik wird wieder gearbeitet. Hanspeter Bärtschi

Solothurner Zeitung

Auch ein Jahr nach dem verheerenden Brand seiner Fabrik kommen bei Unternehmer Arno Heiri die Emotionen hoch. Er legt Fotos auf den Tisch, die im Juni 2010 national für Schlagzeilen sorgten. Der traditionsreiche Verzahnungsbetrieb Christ & Heiri AG in Selzach stand innert kürzester Zeit in Vollbrand, ein Flammenmeer und riesige Rauchwolken waren weithin sichtbar. Die erst vor anderthalb Jahren gebaute neue Fabrik erlitt Totalschaden. Heute, ein Jahr später, steht die Fabrik wieder. Der 59-jährige Arno Heiri liess sie am gleichen Ort – praktisch im Massstab 1:1 – wieder aufbauen.

«Es war ein Extremerlebnis»

Seine damaligen Gefühle seien schwierig zu umschrieben. «Es war ein Extremerlebnis. Ich wusste weder ein noch aus. Wer das nicht am eigenen Leib erfahren hat, kann das wohl kaum ganz nachvollziehen», blickt er zurück. Ein Brandfall sei undenkbar gewesen. Denn die gesamte Fabrik inklusive elektrischer Installationen und Maschinenpark sei auf dem modernsten Stand gewesen. Doch das Undenkbare ist Realität geworden.

«Innert weniger Tage musste ich mich entscheiden. Bleibt die Firma tot oder wage ich einen Neuanfang?» Nach der Anerkennung der Versicherungsgesellschaft auf Totalschaden sei die Verlockung schon da gewesen, das Versicherungsgeld zu kassieren und sich ins Privatleben zurückzuziehen. «Doch ich habe mich für den Neuaufbau und damit für den schwierigeren Weg mit grossen Risiken entschieden.» Arno Heiri, der das vor 64 Jahren gegründete Unternehmen in zweiter Generation führt, macht dafür zwei Hauptgründe geltend:

Kunden: In umgehend aufgenommenen Gesprächen mit den wichtigsten Kunden hätten diese zugesichert, weiterhin mit der Christ&Heiri zusammenzuarbeiten. Das sei die Grundvoraussetzung für den Neustart gewesen. «Es gab aber keine schriftlichen Abmachungen, sondern basierte auf mündlichen Zusicherungen.»

Mitarbeitende: Die 20 Angestellten hätten keine Garantie gehabt, einen anderen Arbeitsort zu finden. «Die Mitarbeitenden, darunter viele langjährige, sind immer zu mir und zur Unternehmung gestanden. Ich wollte ihnen etwas zurückgeben, denn für den Brandfall traf sie keine Schuld.» Deshalb seien Entlassungen kein Thema gewesen. Selbst die Möglichkeit der Kurzarbeit wurde nicht genutzt. «Auch in diesem Fall hätten die Betroffenen eine Lohneinbusse hinnehmen müssen. Das wollte ich vermeiden, alle Angestellten hatten immer den vollen Lohn.» Zudem sei auch die «neue» Unternehmung auf das hohe Know-how der Angestellten angewiesen. «Und ich wollte nicht riskieren, das zu verlieren.»

Hilfe von Dritten

Aber ohne Hilfe von Aussen wäre das Konzept von Arno Heiri – Neuanfang und Halten der Angestellten – nicht aufgegangen. Der Selzacher Zulieferer musste nämlich die Versorgung der Kunden mit verzahnten Teilen gewähren. Heiri erwähnt insbesondere die Rolf Hänggi AG in Grenchen, die nach dem Brand die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stellte. «Für den Neustart der Produktion konnten wir uns in einem leer stehenden Gebäude einmieten.» Der grösste Teil der Produktion habe aber an Firmen in der Region und teilweise auch in Süddeutschland vergeben werden müssen. «Nur so konnten wir bestehende Lieferverträge einhalten.»

Seit einigen Wochen läuft die Produktion im Neubau mit denselben Angestellten wieder auf Hochtouren. «Die bestehenden Kunden haben uns die Stange gehalten und wir sind voll ausgelastet», meldet Heiri. Pro Jahr verlassen zig Millionen Klein- und Kleinstteile die Produktion. Der Verzahnungsbetrieb beliefert die Autoindustrie, den Apparatebau, die Uhrenindustrie und die Medizinaltechnik mit «Zahnrädli». 60 Prozent gehen in den Export, vorab nach Europa, aber auch nach China oder in die USA.

Was banal tönt, ist aber Hightech. Die Genauigkeit der produzierten Ritzel und Schnecken liegt im Bereich von wenigen Tausendstel Millimeter. Und wie klein ein Kleinstteil sein kann, demonstriert Arno Heiri an einem winzigen Zahnrad für die Uhrenindustrie. Erst unter dem starken Mikroskop ist zu sehen, dass das Teil mit einem Durchmesser von 0,6 Millimeter mit sieben Zähnen versehen ist. Um die Aufträge, die nicht selten Serien in Millionenstückzahl umfassen, auch erledigen zu können, ist der Automatisierungsgrad sehr hoch. In Reih und Glied stehen die Bearbeitungsmaschinen bereit – im Endausbau werden es über 60 sein. Diese laufen jeden Tag während 24 Stunden, über Nacht in so genannten Geisterschichten, also ohne Personal.

Ausgelaugt, aber auch stolz

Ein Jahr nach dem Brand fühlt sich Arno Heiri ziemlich ausgelaugt und auch stolz. «Es war ein extrem steiler und schwieriger Weg», sagt er auf dem Betriebsrundgang. «Aber es hat sich gelohnt.»