Rauschpilze
Die etwas anderen Pilzli bleiben heute stehen

Zeitweise waren Rauschpilze bei Konsumenten heiss begehrt. Scharenweise suchten einige vor Jahren noch nach Rauschpilzen im Solothurner Jura. Doch der Hype ist vorbei. Mittlerweile rücken andere Substanzen in den Vordergrund, wie ein Experte sagt.

Julian Perrenoud
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Nicht zum Verzehr geeignet: Der Fliegenpilz (Archiv)

Nicht zum Verzehr geeignet: Der Fliegenpilz (Archiv)

Keystone

Die Region blickt auf eine gute Pilzsaison zurück. Entsprechend viele Sammler kamen auf ihre Rechnung. Während Steinpilz und Co. auf grosses Interesse stiessen, blieben andere Hütchenträger meist stehen: Jene nämlich, die nach ihrem Genuss beim Konsumenten berauschende Wirkung entwickeln. Diese Pilze, die auch im Solothurner Jura wachsen, stellten noch vor ein paar Jahren ein grosses Problem in der Drogendebatte dar.

Roger Liggenstorfer

Roger Liggenstorfer

Solothurner Zeitung

In den 80er- und 90er-Jahren waren Regen und Nebel am Jura nur Vorboten davon, was noch folgen sollte – scharenweise pilgerten zwischen September und November die Menschen den Hang hoch, um auf den Weiden nach berauschenden Pilzen zu suchen. Eine ausufernde Zeit war es, in der die Drogenpolitik der Realität hinterherhinkte. Die fehlende Aufklärung förderte den Missbrauch der psychoaktiven Pilze und Hanfprodukte, Händler fanden offene Türen vor, konnten ihre Produkte auf einem quasi legalen Markt verkaufen. Rahmenbedingungen und Informationen wie bei legalen Produkten fehlten, niemand wusste, in welche Richtung sich die Drogenpolitik bewegte. In Solothurn standen gegen 10 Hanfläden, in Biel an die 50 so genannter Smart- und Headshops.

Eine der ältesten Drogen

«Bei der Prävention sind viele Chancen vergeben worden», erinnert sich Roger Liggenstorfer, der zehn Jahre lang als Präsident von Eve & Rave Schweiz mithalf, über Halluzinogene und Partydrogen zu informieren. Die Medien, die intensiv darüber berichteten, hätten die Suche nach Pilzen und immer neuen Substanzen geradezu angestachelt. Diese Art Pilze gebe es überall auf der Welt – von Sibirien bis Australien, der Westküste Amerikas bis Japan, von der Meereshöhe bis 2400 Meter die Berge hoch. Sie zählen zu den ältesten Drogen der Menschheit, schon vor Jahrtausenden galten sie als bewusstseinserweiternd und spirituell erleuchtend.

Ganz oben auf der Liste hiesiger Sammler stand der fingergrosse Spitzkegelige Kahlkopf, den sie entweder gleich roh oder getrocknet verzehrten. Das Halluzinogen löst Symptome aus, «die das Bewusstsein schärfen, es zuweilen verzerren», heisst es in einschlägigen Beschreibungen. Dabei können Schwindelgefühle auftreten, Benommenheit, Herzrasen oder Übelkeit. Die Wirkung hält drei bis fünf Stunden an. Doch diese Reise durch eine andere Welt ist riskant, gerade bei falscher Dosierung können die Pilze bei psychotisch veranlagten Menschen bleibende Schäden verursachen.

Das Interesse sinkt

Der allherbstliche Marsch in den Jura, ein absoluter Hype früherer Generationen, doch sind psychoaktive Pilze in der heutigen Gesellschaft noch aktuell? «Kaum», sagt Liggenstorfer nüchtern. Zwar informieren sich bei seinem Verlag in Solothurn, der sich mit der Thematik auseinandersetzt, nach wie vor Konsumenten, «aber es sind weniger geworden». Einerseits habe die Politik das Pilz-Problem ganz oben auf ihre Traktandenliste gesetzt und seither den Handel bekämpft, andererseits seien neue Substanzen in den Vordergrund gerückt: Designerdrogen wie auch Kokain – oder legale Drogen wie Alkohol und die Spielsucht.

Roger Liggenstorfer ist Gründer und Leiter des Solothurner Nachtschatten-Verlags, Mitinhaber der Absinthe-Bar Die Grüne Fee. Neben Büchern zu psychoaktiven Substanzen will er 2012 ein Buch über den Alkoholkonsum publizieren.

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