Dorftheater
Die Bühnenversion von Martin Suters Film ist spritzig wie Champagner

«Giulias Verschwinden» kommt im Dorftheater Utzenstorf als Bühnenversion leichtfüssig daher.

Gundi Klemm (text und Bild)
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Die Freundesrunde stösst auf Giulia an, die aber an ihrem 50. Geburtstag eine überraschende Entscheidung fällt.

Die Freundesrunde stösst auf Giulia an, die aber an ihrem 50. Geburtstag eine überraschende Entscheidung fällt.

Gundi Klemm

Wie mögen sie es im Ensemble Dorftheater hinkriegen, die dichte Atmosphäre des gefeierten Martin-Suter-Films ohne erkennbare Verluste auf die Bühne zu bringen? Denn bekanntlich verfügt die szenische Aufbereitung mit filmischen Mitteln schon allein in der Variabilität der Einstellungen über bedeutend grössere Spielräume als ein Theater.

Können sich die Hauptfiguren Giulia (Rosemarie Steiner) und John (Peter Lüdi) im Vergleich mit den brillanten Schauspielern Corinna Harfouch und Bruno Ganz profilieren? Denn die Mehrzahl der Premierenbeteiligten im Publikum hatte sicher den mit Preisen ausgezeichneten Film unter der Regie von Christoph Schaub im Kopf und konnte daher beurteilen, ob die Umsetzung durch Regisseur Charles Benoit in der Dialektfassung von Werner Suter gelungen ist.

Die allgemeine, mit kräftigem Schlussbeifall untermauerte Meinung lautete: Die Aufführung ist geglückt und hinterlässt ein «Spritzig-wie-Champagner»-Gefühl. Auf einige Szenen des Filmdrehbuchs wurde verzichtet, deren Inhalt aber aus dem Zusammenhang des Bühnenspiels gut verstanden wird.

Im Film wie im Stück geht es um das Älter-Werden, das Menschen in der zweiten Lebenshälfte bekanntlich zu sehr unterschiedlichen Bewältigungsstrategien veranlasst.

Giulia beispielsweise ist unterwegs zur Feier ihres 50. Geburtstags, der im etwa gleich alten Freundeskreis in einem Restaurant begangen werden soll. Während der Strassenbahnfahrt dorthin rüttelt sie die Bemerkung einer neben ihr sitzenden Frau auf: «Uns Ältere nimmt man nicht mehr wahr, wir sind unsichtbar und vergessen.»

Symbolhaft löste sich daraufhin im Film sogar Giulias Fenster-Spiegelbild in nichts auf. Aber ihre Unlust, ihren Fünfzigsten zu feiern und mit ihren Freunden zusammen zu sein, deren Sprüche und Marotten sie schon lange kennt, verführt sie zu einem spontanen Einkaufsbummel. Hier lernt sie ganz zufällig John aus Hamburg kennen, dessen verbal zur Schau getragene heitere Lebensphilosophie sie verlockt, mit ihm eine Bar zu besuchen.

Derweil wartet die sechsköpfige Geburtstagsgesellschaft und vertreibt sich – humorvoll, oder spitz-ironisch schwadronierend – die Zeit. In einer parallelen Handlung erlebt man die Geburtstagsfeier der achtzigjährigen Léonie, die sich so erfrischend rebellisch über alle Konventionen und auch über das «verhasste» chorische Geburtstagsständchen hinwegsetzt und ihre bünzlige Tochter zum «Fremdschämen» bringt. Später trifft sie samt Verlobtem auch im Restaurant der Geburtstagsrunde ein, wo ein weiteres Trio Platz genommen hat.

Schon im Tram hatte Giulia das Gespräch zweier pubertär schwatzender Teenager mitverfolgt, welches Geschenk sie einem Freund machen wollten. Dass die beiden es danach in einem Geschäft gestohlen haben und damit die Polizei auf den Plan riefen, kombiniert das Publikum schnell.

Die üble gegenseitige Beschimpfung, die sich Eltern beim Abholen ihrer Tochter liefern, endet schliesslich beim hoffentlich entspannten gemeinsamen Versöhnungsessen im Lokal. Für die dort ausharrende Geburtstagsgesellschaft, die noch auf Giulia wartet, ist das Dinner schon beendet, als die Verspätete auftaucht und wieder blitzschnell verschwindet. Sie hat beschlossen, mutig ihrem Herzen zu folgen, aus ihrem jetzigen Leben auszubrechen ...

Regisseur Charles Benoit, der die Mitglieder des Dorftheaters durch zahlreiche Produktionen begleitete, hat ein überzeugendes 17-köpfiges Ensemble zusammengestellt. Alle Rollen gewinnen durch glaubwürdige Ausstrahlung.

Viel Vergnügen bereitet die mundartliche Textübertragung von Werner Suter, der eine wohltuende Balance zwischen der Dialektsprache und mit John und Lena zwei hochdeutsch angelegten Protagonisten findet.

Regelrecht «süffig» gefällt die von Peter Siegenthaler live gespielte Klaviermusik. Egal, wie alt man ist: Das Theater verlässt man getröstet, denn dem Alter lässt sich doch so manches Schnippchen schlagen.

Aufführungen im Kirchgemeindesaal bei der Mehrzweckhalle Utzenstorf jeweils 20 Uhr. Vorstellungen vom 6. bis 30. Mai. Vorverkauf Gast-Reisen Tel. 032 666 40 85 oder www.dorf-theater.ch – Tickets.