Obergericht
Der Schläger vom Westbahnhof wird weiterhin stationär therapiert

Mit seinen 21 Jahren hat Marcel T.* bereits einiges auf dem Kerbholz. Im November 2007 hatte er mit zwei Kollegen am Westbahnhof in Solothurn einen 51-jährigen Drogenabhängigen brutal zusammengeschlagen und ausgeraubt.

Angèle Kopf Knipp
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Am Westbahnhof Solothurn wurde 2007 ein 51-jähriger Junkie von drei Jugendlichen brutal zusammengeschlagen. Oliver Menge

Am Westbahnhof Solothurn wurde 2007 ein 51-jähriger Junkie von drei Jugendlichen brutal zusammengeschlagen. Oliver Menge

Solothurner Zeitung

Das Opfer fiel auf die Gleise, wo es eine Weile reglos liegen blieb (wir berichteten). Glücklicherweise fuhr gerade kein Zug vorbei. Ein halbes Jahr später schlug Marcel T. am Hauptbahnhof Solothurn einen Passanten mit einem Schlagring nieder und traktier-te ihn mit Fusstritten. Für beide Taten wurde T. vom Amtsgericht Solothurn-Lebern zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren sowie zu einer stationären Massnahme verurteilt.

Marcel T. ist «deutlich ruhiger»

Zur Diskussion stand gestern vor Obergericht jedoch nicht die Freiheitsstrafe, sondern die stationäre Massnahme des seit Mai 2008 inhaftierten Schweizers. Er wollte die stationäre Therapie in eine ambulante umgewandelt sehen.

Die behandelnde Therapeutin sieht wichtige Fortschritte im Verhalten Marcel T.s. Sie sehe genau, dass er sich in einer «entscheidenden Phase» befinde, in welcher er noch viel Entwicklungspotenzial habe. Dies könne er aber nur in einem sozialen Rahmen und mit der Perspektive auf einen geregelten beruflichen Alltag verwirklichen.

«So jungen Menschen muss man einfach eine Chance geben», ist sie überzeugt. Eine jahrelange Therapie im geschlossenen Rahmen «höhle den Menschen aus» und mache ihn zu einem «Monster, welches voller Ressentiments und Hass steckt».

Auch die Gefängnismitarbeiter sehen Veränderungen im Verhalten des jungen Mannes. Er sei «deutlich ruhiger» und «weniger arrogant» als noch vor zwei Jahren. Selbst der Gutachter, welcher 2009 Marcel T.s dissoziale Persönlichkeitsstörung als die Hauptursache für seine «schwer therapiebare» Gewalttätigkeit erkannt hatte, konnte gestern vor Gericht seine «reifer gewordene Art» nicht bestreiten.

Dennoch hat sich seine Prognose kaum geändert. Dass Marcel T. in einem ungeschützten Rahmen rückfällig würde, steht für ihn fest. Der junge Mann zeige ausserdem immer noch keine Einsicht in Bezug auf sein psychisches Problem, was jegliche Therapie «deutlich erschwere».

Sein pessimistisches Urteil stützte der Gutachter vor allem auf Marcel T.s Unfähigkeit, die Frage nach der Art seiner dissozialen Störung in einer Selbsteinschätzung in Worte zu fassen. Dass man von einem Menschen mit einem – wie seine Therapeutin gestern präzisierte – «eher geringen kognitiven Potenzial» keine Reflexionen auf einer doch recht abstrakten Ebene erwarten darf, darauf spielte die Verteidigerin in ihrem Abschlussplädoyer an.

Sie erklärte, dass ihr Mandant die Fragen des Gutachters wohl einfach «nicht verstanden» habe, seine Fortschritte aber trotzdem offensichtlich seien.

Bei Rückfall droht Verwahrung

Marcel T. ist und bleibt jedoch ein junger Mann, dessen Vergangenheit schwer auf ihm lastet. So gab auch der Staatsanwalt zu bedenken, es sei zwar «tragisch», «so junge Menschen wegzusperren», die Umwandlung der stationären Massnahme in eine ambulante sei jedoch problematisch. Unter anderem befürchte er, Marcel T. «liebäugle» mit einer vorzeitigen Entlassung, wie sie durch eine Änderung in eine ambulante Therapieform möglich wäre. T.s Gefährlichkeit dürfe nicht vergessen werden, mahnte er, denn «Misserfolge oder Experimente» könne man sich wirklich nicht leisten.

Die Richter schliesslich stützen sich in ihrem Urteil vor allem auf die Einschätzungen des Gutachters, da sie die Aussage der Therapeutin als weniger objektiv empfanden, und entschieden sich für die stationäre Massnahme. Erfolgsaussichten seien zwar da, Marcel T.s Weg dahin aber noch weit. In der Ermahnung der Richter, dass «nie mehr etwas passieren» dürfe, schwang unmissverständlich die dem 21-Jährigen bei einem Rückfall drohende Verwahrung mit.

*Name von der Redaktion geändert

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