Falsche Doktoren
Der medizinische Direktor der Solothurner Spitäler über falsche Doktoren

Für Peter Dür, Ärztlicher Direktor der Solothurner Spitäler AG (soH), sind falsch angeschriebene Ärzte sehr ärgerlich. Wichtiger als akademische Titel seien aber medizinische Erfahrung, Fach- und Sozialkompetenz.

Andreas Toggweiler
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Peter Dür arbeitet zeitweise auch noch als Lungenarzt im Kantonsspital Olten

Peter Dür arbeitet zeitweise auch noch als Lungenarzt im Kantonsspital Olten

Bruno Kissling

Herr Dür, wie lautet der Titel Ihrer Dissertation?

Peter Dür: Doppeltumore beim Hodenkarzinom.

Aber heute sind Sie Pneumologe (Lungenarzt), oder?

Ja. Und Facharzt für innere Medizin. Dazu habe ich einen Fähigkeitsausweis als Sportmediziner. Ich habe aber während meiner Ausbildung auch auf der Urologie des Unispitals Zürich gearbeitet und mein Doktorvater, der damalige Chefarzt der Urologie, hat mir dieses Thema vorgeschlagen. Damals war es noch eher möglich, die Doktorarbeit gegen Ende des Studiums zu machen. Ich habe denn auch meine Dissertation im Jahr nach dem Staatsexamen abgeben können. Heute kann man die Diss frühstens ein Jahr nach dem Staatsexamen einreichen und muss für diese Zeit in der Uni eingeschrieben bleiben. Zu den Stimmen, die sagen, man könnte die Dissertation abschaffen, sage ich: es gibt immer noch viele Ärzte, die gerne dissertieren, auch wenn der Aufwand dafür zunimmt.

Warum? Man sagt doch, eine Medizin-Dissertation sei vergleichsweise einfach...

Weil die Doktorväter heute immer höhere Ansprüche stellen. Und dies während der Assistenzarztzeit, die ohnehin beruflich anstrengend ist. Allerdings ist für einen Facharzttitel heute eine Dissertation nicht mehr zwingend. Es gibt Ärzte mit zwei Facharzttiteln, die keine Dissertation haben. Uns bei der soH interessiert deshalb bei der Anstellung von Ärzten vor allem die gute Ausbildung, die Erfahrung und die Sozialkompetenz. Sie sind uns wichtiger als eine Dissertation. Für den Patienten ist es wichtig, dass er sich kompetent und freundlich behandelt fühlt. Das soll nach der Entlassung aus dem Spital in Erinnerung bleiben.

Warum aber gab es bei der soH eine grössere Anzahl - es heisst rund 20 - Ärzte, die irrtümlich mit einem Doktortitel am Namensschild herumliefen?

Es war ein Problem der Schnittstelle zwischen dem Personalsystem, wo alles richtig erfasst war, und der Herstellung unter anderem von Badges und Stempeln. Dort gab es Fehler.

Wer als Arzt falsch angeschrieben war, hätte sich eigentlich wehren müssen ...

Das gab es schon. Anderen war es offenbar egal. Sie dachten sich wohl, eigentlich bin ich ja Doktor. Wir schreiben auf dem Badge vor dem Namen nämlich nur das Dr. und nicht Dr. med. Das entschuldigt allerdings eine Nichtreaktion nicht. Oft kommt es hingegen vor, dass Personen als Assistenzärzte in die soH eintreten und in dieser Zeit den Doktortitel erwerben. Immerhin sind 164 von unseren rund 350 Ärzten Assistenzärzte. Wir müssen künftig diesen Prozessablauf bei der Badgeherstellung optimieren.

Patienten haben auch ein Anrecht darauf, nicht irregeführt zu werden. Oder wollen sie das selber, weil sie einem Dr. mehr vertrauen?

Das glaube ich nicht. Was wir feststellen ist, dass sich Patienten dafür interessieren, welche Kaderstufe jemand hat, also ob er Assistenzarzt, Oberarzt, Leitender Arzt oder Chefarzt ist. Zu beachten ist aber, dass auch ein Assistenzarzt bereits mehrere Jahre Erfahrung haben kann. Die ärztliche Funktion ist auf den Badges immer angeschrieben. Der Patient hat damit auch die Sicherheit, dass er in jedem Fall einer medizinisch gut ausgebildeten Person gegenübersteht.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein ...

Ja. Wir haben aber auch immer mehr Personal aus dem Ausland. Wir haben festgestellt, dass die Titel, welche die Leute mitbringen, teilweise nicht vergleichbar sind mit Titeln in der Schweiz. Man streitet sich beispielsweise, ob der österreichische Dr. med. univ. mit unserem Dr. med. vergleichbar sei. Manche sagen ja, wir meinen aktuell nein. Das ist eine weitere Fehlerquelle bei der Beschriftung. Künftig, wenn noch mehr Leute aus den neuen EU-Ländern des Ostens kommen, muss man ihre Diplome zuerst übersetzen. Es wird schwieriger werden, die Qualität ihrer medizinischen Ausbildung einzuschätzen.

Da müsste es doch schweizerische Richtlinien geben.

Die gibt es, aber nur teilweise. Das Problem, dass sich so irgend jemand als Arzt ausgeben kann, der es eben nicht ist, ist deshalb viel schwerwiegender, als eine fehlende Dissertation. Wir sind jedenfalls beim Prüfen der Diplome sehr streng.

Warum kommen so viele Ärzte aus dem Ausland?

Wir haben in der Schweiz den numerus clausus (beschränkte Zulassung zum Medizinstudium, Anm. d. Red). Dazu hat der Arztberuf in den letzten Jahren an Attraktivität verloren. Stichworte sind der Spardruck im Gesundheitswesen, Prestigeverlust und unregelmässige Arbeitszeiten. Viele Frauen, die Ärztinnen werden, arbeiten zudem nur Teilzeit. Die Zeiten, als ein Hausarzt auf dem Land aus Idealismus 80 Stunden pro Woche arbeitete, sind passé. Der Ärztemangel muss durch ausländische Fachkräfte kompensiert werden.

Was machen die Spitäler, um medizinisches Personal zu rekrutieren?

Man muss ein attraktives Berufsumfeld anbieten können. Die SoH bietet beispielsweise in Solothurn und Olten Krippenplätze fürs Personal an. Wir nehmen auch unseren Aus- und Weiterbildungsauftrag sehr ernst. Man kann bei uns als Assistenzarzt eine breite und attraktive Weiterbildung absolvieren. Die Patienten können sicher sein, dass wir unsere Ärzte immer ihrem Weiterbildungsniveau entsprechend einsetzen.