Soll ein Psychiater, der in einer sektenhaften Gemeinschaft alternative Sichtweisen der Psychiatrie mitträgt, auf eine garantierte Anstellung im staatlichen Gesundheitswesen pochen können? Oder wollen wir einen Lehrer dulden, der sich rein privat zu Kindern körperlich hingezogen fühlt? Was ist in diesem Zusammenhang Privatsache? Welcher Arbeitgeber muss was akzeptieren und welchen Spielraum hat er dabei? Wann kann, darf, muss der Staat eingreifen?

All diese Fragen hängen mit einem Mann zusammen: Samuel Widmer, Psychiater in der Nähe von Solothurn und geistiges wie körperliches Zentrum der «Kirschblütengemeinschaft». Der Mediziner mit guruähnlicher Ausstrahlung hat mittlerweile rund 100 Gleichgesinnte mit ebenso vielen Kindern um sich geschart. Da Widmer in der Vergangenheit legal mit Drogen praktiziert hat und auch ein fleissiger Mann des geschriebenen Wortes ist, haben seine Gedanken zu «ehrbarem Inzest», Bigamie und freier Liebe mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Raum die Fantasie vieler Menschen beflügelt.

Widmer ruhte bisher in sich selbst. Doch nun droht er Berufskollegen, die wenig, bis gar nichts von seiner Lehre halten, mit Verleumdungsklagen. Seinen Jüngern (was sie überhaupt nicht seien) ist gar der Kragen geplatzt. Diese Woche haben sie publik gemacht, dass sie wegen der Widmerschen Nähe an ihren Arbeitsstellen Probleme hätten. Wir gehen davon aus, dass dies nicht die Automechaniker unter ihnen betrifft. Kommende Woche wollen die Betroffenen deshalb in Solothurn auf die Strasse gehen. Eine friedliche Demo teilweise vermummter Kirschblüten-Weisskittel – ohne schwarzen Block.

Eine weitere Frage: Ist es nicht etwas gar weltfremd anzunehmen, dass eine umstrittene Lebensweise keinen Widerspruch auslöst? Nicht beim Automechaniker, sondern in den hochsensiblen Bereichen Medizin und Pädagogik. Wenn der Automechaniker seinen privaten Ansatz von Nähe und Distanz gegenüber den Motoren eigenwillig definiert, bleibt dies folgenlos. Bei der Arbeit mit Abhängigen, Hilfesuchenden und Kranken dagegen gilt ganz einfach Nulltoleranz.

Ein abschreckendes Beispiel lieferte der Zürcher Seelendoktor Emil Pinter. In seinem Buch «Nähe und Distanz in der Psychiatrie» hat er 1994 die Haltung vertreten, dass seine sexuelle Nähe zu Patienten einen heilsamen medizinischen Akt darstelle. Die Umsetzung in der Praxis ist ihm zum Verhängnis geworden.

Die Kirschblütler dürfen selbstverständlich demonstrieren. Sie dürfen jedoch auch vom Misstrauen und vom Gegenwind nicht wirklich überrascht sein. Dies gilt selbst für eine Mutter, der die freie Liebe offenbar fünf Kinder beschert hat und die nun bei der Jobsuche als Ärztin die Mitleidskarte zückt.