Integration
Das Stellwerk hilft Migranten beruflich Fuss zu fassen

Das Stellwerk Solothurn für fremdsprachige Stellensuchende unterstützt Menschen mit Migrationshintergrund dabei, in der Schweiz beruflich Fuss fassen zu können. Besnike Halimi - selbst Migrantin - erzählt von ihrer Arbeit als Beraterin.

Christof Ramser
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AZ

Die Abendsonne scheint durch die Jalousien ins Büro des Stellwerks Solothurn. Die ansonsten gelassen wirkende Besnike Halimi lehnt sich auf ihrem Sessel etwas unbehaglich zur Seite und zieht ihre Augenbrauen zusammen.«Darüber möchte ich lieber nicht sprechen», sagt sie und meint damit ihre Flucht aus dem Kosovo im Mai 1994. Zu lange sei die Vorgeschichte, zu emotional ihre Erinnerungen.
Seit über zehn Jahren betreut Halimi Stellensuchende, seit viereinhalb Jahren im Stellwerk für Fremdsprachige. Ihre Immigration ist eine Erfolgsgeschichte, auch wenn sie das selber etwas kritischer

Berufliche Integration ist soziale Integration

Das Stellwerk in Solothurn ist ein Coaching-Programm, welches Stellensuchende begleitet und unterstützt. Drei verschiedene Standorte in der Stadt bieten jeweils spezialisierte Dienstleistungen an. So richtet sich das Stellwerk Solothurn West an Personen mit einer mindestens dreijährigen Ausbildung. Im Stellwerk Solothurn Ost greift man Leuten mit praktischer Arbeitserfahrung oder Attestausbildung unter die Arme.
Im Stellwerk Solothurn für Fremdsprachige werden schliesslich Menschen mit Migrationshintergrund betreut. Die Kernaufgaben der Berater sind dabei, den Klienten praktische und theoretische Fertigkeiten für die Stellensuche mitzugeben, ihre Bewerbungstechniken zu verbessern und ihnen beim Finden eines Arbeitsplatzes zu helfen. (cnd)

Ein schwieriger Start

Mit 16 Jahren wanderte Besnike Halimi in die Schweiz aus. Sie folgte mit Mutter und Geschwistern dem Vater, der bereits als anerkannter Flüchtling hier lebte. Betreut wurde die Familie von der Caritas des Kantons Solothurn. «Karin Schaumburger, unsere Sozialarbeiterin, hat sich damals wirklich gut um uns gekümmert», erzählt Halimi. «Sie war sehr um meine Psyche und meine Seele besorgt. Und sie hat in die Wege geleitet, dass ich ein Jahr lang einen Integrationskurs besuchen konnte.»

Alle Länder und Kulturen

Besnike Halimi arbeitet beim Stellwerk als Beraterin für Fremdsprachige. «Unsere Klienten finden oft den Zugang zu mir leichter, weil ich eine ähnliche Vergangenheit habe wie sie», erzählt die gebürtige Kosovarin. Oft sei die Sprache die grösste Hürde, die überwunden werden müsse. Es sei aber immer schön, wenn man den Leuten helfen kann, sich zu integrieren, denn berufliche Integration habe viel mit sozialer Integration zu tun.
Unter den Klienten finden sich Menschen aus allen möglichen Ländern und Kulturen, aus verschiedensten sozialen Schichten und mit unterschiedlichen Bildungsständen. «Wir begleiten alle möglichen Leute, vom Uniabgänger bis zum Ungelernten», so Halimi. In Gruppenkursen und persönlichen Gesprächen geht die Beraterin auf die individuellen Wünsche der Klienten ein und behandelt diverse Themen, die bei der Suche nach einer Stelle weiterhelfen. (cnd)

Die Lehrerin dieses Kurses, Madeleine Schluep, vereinbarte an der Kantonsschule einen Termin für Halimi, die bereits im Kosovo mit dem Gymnasium angefangen hatte. Sie durfte den Unterricht zwei Wochen lang auf Probe besuchen und wurde schliesslich angenommen. «Aber ich hatte Mühe dort», erinnert sich die inzwischen 33-Jährige. «Ich konnte noch nicht mit meinem alten Leben abschliessen, verstand die Schweizer Kultur nicht und fühlte mich weder integriert, noch akzeptiert.» Von einem Teil der Klassenkameraden wurde das junge Mädchen, dem das Schweizerdeutsch noch schwerfiel, gehänselt. Heute könnte sie damit umgehen, schätzt sie. «Aber damals war das alles zu viel für mich. Ich kam mit der Kanti - eigentlich mit meinem ganzen Leben - einfach nicht klar.»

Wer rastet, der rostet

Die Kosovarin brach das Gymnasium ab und jobbte anschliessend als Hilfsarbeiterin in einem Büro, bis sie eine KV-Lehrstelle bei der Caritas fand. Von da an lief es gut für Halimi: Nach der Lehre machte sie eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachfrau und arbeitete im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in Solothurn; darauf folgte eine Weiterbildung zur Human Resources-Fachfrau, nach fünfeinhalb Jahren beim RAV wechselte sie zum Stellwerk und erst gerade hat sie die Grundausbildung zur Erwachsenenbildnerin abgeschlossen.
Schulisch läuft also immer etwas. «Die ganzen Weiterbildungen mache ich wohl auch, um ein Defizit aufzuholen», gesteht die engagierte Kosovarin. Denn darüber, dass sie die Kantonsschule und so ihren Traum vom Studium aufgegeben hat, ist sie nie ganz hinweg gekommen.

Heute lebt Halimi mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Grenchen. Sie liebt ihre Arbeit, weil sie auf diese Weise Menschen helfen kann, die in einer ähnlichen Situation sind, wie sie es einst war. «Es ist immer wieder schön, wenn Leute hier Fuss fassen können und eine Stelle finden. Das trägt auch viel zur Integration bei, denn berufliche und soziale Integration liegen nahe beieinander», erklärt sie.

Der Kontakt zu ihren Schulfreunden im Kosovo ist versandet. Die meisten ihrer Verwandten leben aber noch dort und sie versucht, diese regelmässig zu besuchen. «Mir ist es auch wichtig», sagt Halimi, «dass meine Kinder das Land ihrer Eltern kennen lernen. Ihre Heimat ist zwar die Schweiz, aber ihre Wurzeln liegen im Kosovo.»

Die Suche nach der Heimat

Auf die Frage, wo denn ihre eigene Heimat sei, verstummt Halimi für eine Weile. «Heimat ist der Ort, wo ich akzeptiert und geliebt werde», antwortet sie schliesslich. «Wo man mir die Möglichkeit bietet, weiterzukommen. Wo ich Schutz und Wärme finde. Und das ist heute hier wie auch im Kosovo der Fall - früher war das anders.» Sie denkt nochmals über jene Frage nach, die sie seit 17 Jahren verfolgt, und sagt dann: «Beruflich ist meine Heimat in der Schweiz. Emotional auch ein Stück weit, da ich mich hier verliebt und hier geheiratet habe. Meine Kinder sind hier zur Welt gekommen. Aber meine ganzen Kindheitserinnerungen stammen aus dem Kosovo. Und da spielt viel Nostalgie mit. Ich habe dort vieles verpasst, das ich niemals nachholen kann.»