St-Ursen-Kathedrale

Das sagt die Schwester des Brandstifters

Die Schwester des Brandstifters in der St.-Ursen-Kathedrale Solothurn meldet sich in einem Brief zu Wort - und zeigt Betroffenheit. «Liebend gerne würde ich mich bei der Kirche für ihn entschuldigen», so die Frau.

«Mit zittrigen Händen geschrieben». Mit diesen einleitenden Worten erreichte die Redaktion dieser Zeitung vor wenigen Tagen ein Brief aus dem Tessin. Die Schreiberin gibt sich darin als eine Schwester des Brandstifters der St.-Ursen-Kathedrale in Solothurn zu erkennen.

Es sei ihr wichtig, einiges richtig zu stellen, schreibt Frau W. und schildert kurz ihre Herkunftsfamilie. Zusammen mit sechs anderen Geschwistern sei sie aufgewachsen, ihr leiblicher Vater verliess ihre Mutter und seine fünf Kinder relativ früh, doch die Mutter fand einen neuen Lebenspartner; die Kinder einen Stiefvater. Zwei Stiefgeschwister kamen dazu. «Unsere Familie, die weiss Gott eine Rechtschaffene genannt werden konnte, hat nun ausgerechnet in unserem jüngsten Bruder ein ‹schwarzes Schaf› hervorgebracht», schreibt Frau W. «Wir können absolut nicht mehr stolz auf unseren ‹Erfinder› sein.»

Gemäss ihrer Einschätzung fühle sich A. nur wohl, wenn von ihm gesprochen und geschrieben werde. Wohl ein Auswuchs seines Minderwertigkeitsgefühls, analysiert sie. «Was habe ich doch in der Vergangenheit nicht alles versucht, seine sturen Meinungen etwas zu mildern. Habe mit ihm bis in die Morgenstunden diskutiert, eine Menge Briefe geschrieben. Was hat daraus resultiert?» fragt sie mit Resignation. «Schlagzeilen der schlimmsten Art. Wir alle Geschwister hatten ein etwas unterdotiertes Selbstwertgefühl. Unser jüngster Bruder muss jedoch am meisten davon abbekommen haben.»

«Er ist auf den Kopf gefallen»

«Zugegeben, wir wussten, dass A. auf den Kopf gefallen ist, und das im wahrsten Sinn des Wortes», beschreibt Frau W., und sie schildert einen Vorfall aus der Kindheit, beim dem der kleine Bruder von grosser Höhe herunterfiel und ein paar Minuten bewusstlos liegen blieb. «Ich habe diesen Vorfall nie vergessen, und immer, wenn A. etwas Sonderbares tat, dachte ich, dass er eben auf den Kopf gefallen ist.»

Schlimm sei es für sie und ihre Geschwister immer gewesen, mit zu erleben, dass A., trotz Berufsausbildung zum Elektriker, nie lange bei einer Arbeitsstelle bleiben konnte. «Er verwickelte sich immer wieder in Streitigkeiten, oft auch, weil er sich für andere einsetzte, die - wie er meinte - ungerecht behandelt wurden. Schliesslich machte er sich als Erfinder selbstständig und bekam für einige seiner Arbeiten auch Auszeichnungen.» Er sei wirklich ein Erfinder gewesen und kein nur «Selbsternannter», wie dies in den Medien gesagt worden sei. «Er hat einige gute Dinge erfunden, nur war er nie fähig, sie auch richtig zu vermarkten.»

Religion war immer ein heikles Thema

Ein heikles Thema in seinem Leben sei immer die Religion gewesen. Als Grund sieht Frau W., dass A. als kleiner Junge miterleben musste, - übrigens wie alle anderen Geschwister auch - dass die Glaubensgemeinschaft, in der die Kinder aufwuchsen, sich zerstritt. Es sei dies die Neuapostolische Kirche gewesen. Einige Mitglieder - auch ihre Familie - spalteten sich ab und nannten sich nun Vereinigung apostolischer Christen. Den Kindern wurde verboten, sich mit ihren ehemaligen Bekannten und Freunden der Neuapostolischen Kirche zu treffen. «Dieses Erlebnis hat - das weiss ich - meinen Bruder sehr geprägt. A. wollte im Prinzip immer, dass alle Menschen den gleichen Glauben haben sollten.» Sie selbst, wie auch ihre anderen Geschwister, lebten heute sehr frei und hätten keine Probleme mit dem Glauben. «Ich lasse die Leute so leben, wie sie leben wollen. Jedem das seine, ohne zu urteilen.»

«Manchmal denke ich», so Frau W., «dass sich mein Bruder mit seinem Hobby, das er mit ‹Denken› angibt, selber verrückt gemacht hat.» Völlig aus der Bahn geworfen habe ihn wohl der Tod des ältesten Bruders vor 20 Jahren, indem neben der Trauer auch noch eine Erbstreiterei unter den Geschwistern losging und A. mit der ehemaligen Freundin des verstorbenen Bruders zusammenlebte. Dazu kam seine Bekanntschaft mit Herrn X., der mit ihm und der Freundin im ehemaligen Elternhaus lebte.

Herr X. und die Freundin von A. wurden ein Paar, «und uns allen ist bis heute unerklärlich, warum A. bis heute mit dieser Frau Kontakt hat, obwohl er inzwischen selbst eine wunderbare Frau hat.» Über die Probleme mit Herrn X., den A. als «Stalker» bezeichnet, wisse sie nur, dass A. wirklich um sein Leben bangte. «Dass er nachts nicht mehr schlief und von Telefonaten mitten in der Nacht und Briefen schlimmster Art belästigt wurde, bis mein Bruder beim Psychiater landete».

Konflikt gipfelte in einem Prozess

Der Konflikt mit X. gipfelte in einem Prozess, bei dem A. wegen Drohungen und einem tätlichen Angriff zu 10 Tagen Gefängnis bedingt verurteilt wurde. Dass ihr Bruder im Grunde kein bösartiger Mensch sei, beweise doch die Tatsache, dass A. sich selbst bei der Polizei anzeigte, als er gegen X. handgreiflich geworden war. «Es tut mir einfach sehr leid für das, was mein Bruder getan hat», schreibt Frau W. zum Schluss. Das zu erleben, habe sie erschüttert und mache sie traurig. «Liebend gerne würde ich mich bei der Kirche für ihn entschuldigen. Ich konnte eben nicht meines Bruders Hüter sein.»

Auch sie selbst hatte in der Vergangenheit schwierige Jahre zu bewältigen. Eine zu früh eingegangene Ehe, eine unglückliche zweite Ehe, einige Krankheiten, der Verlust eines Auges sowie die Bewältigung traumatischer Kindheits- und Jugenderlebnisse hätten sie geprägt. Heute lebe sie sehr zufrieden und habe aber im Jahr 1998 ihre Lebensgeschichte in einem Buch aufgearbeitet. «Vielleicht interessiert dieses Buch Personen, die gerne Einblick in die Familie des ‹Brandstifters und Kirchenhassers› hätten. Ich bete zu Gott, dass alles wieder gut wird. Die Kathedrale wieder schön wird. Der Hass der zwei Feinde, die einmal Freunde waren, soll zu stillem Frieden werden.» A. solle gesund werden in seinem «verkehrten Denken» und seine offensichtlich kranke Psyche geheilt werden. «A., du tust mir nur noch leid. Dennoch bleibst du mein Bruder.»

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