Literaturtage
Das geschriebene und gesprochene Bild

Mit dem Solothurner Urs Jaeggi füllen die Literaturtage das Stadttheater fast bis auf den letzten Platz.

Eva Buhrfeind
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Hanspeter Baertschi

Er freue sich, wieder einmal hier zu sein an den Literaturtagen, er sei gern in Solothurn, seiner Heimatstadt, merkte Urs Jaeggi sichtlich bewegt an. Und dann noch im Stadttheater, wo er vor 60 Jahren Theaterkritiken geschrieben hat. Ein Heimspiel nannte es Moderator Christoph Kuhn, auch er hat hier einst Theaterkritiken geschrieben, wenn auch lediglich vor 50 Jahren.

Mann mit vielen «Heimaten»

«Heimspiele» heisst auch Jaeggis neuster Prosaband, Geschichten über Menschen, Randfiguren eines irrealen Ensembles, dessen «Welten aus den Fugen geraten» sind. «Ein furioses, wildes Buch», wie es Christoph Kuhn kurz umriss. Und Urs Jaeggi, 1931 geboren, emeritierter Professor für Soziologie in Bern, Bochum, New York und viele Jahre in Berlin, Fachautor, Essayist, Schriftsteller, bildender Künstler und immer wieder gern gesehener Gast an den Solothurner Literaturtagen, ist ein Reisender zwischen den Kulturen.

«Er kennt viele Heimaten», stellte Christoph Kuhn fest. Aber Urs Jaeggi, der nun in Berlin und Mexiko-Stadt lebt, kennt auch viele Kulturen und Menschen, Lebenssituationen und fragile Perspektiven. Und er weiss um die assoziative Kraft des Wortes und der Zeichen.

In «Heimspiele» erzählt er zum Beispiel von Hans, dessen Vater ein Wiener und jüdischer Klavierbauer war, aber doch kein Jude. Hans also war vor den Nazis geflüchtet und in New York gelandet. Nicht als Randfigur, sondern recht erfolgreich, und doch als Figur, die bewegt, die das aktuelle Thema des Fremdseins und -bleibens in der neuen Heimat erklingen lässt.

Urs Jaeggi erzählt ruhig, bedächtig, lässt in der Geschichte einen Fotografen, der am Fenster sitzend den Morgen erwartet, vielleicht sein Alter Ego, eine Geschichte formen, die das Leben des Hans imaginiert und realisiert. Unaufgeregt mäandert diese Geschichte zwischen den verschiedenen Erzähler-Ich-Ebenen, durch die Zeiten im Hier bis in den Rückblick, vom historischen Geschehen wieder nach New York. Hans, ihn gab es wirklich und Urs Jaeggi hat ihn auch gekannt in New York, kommt einem näher, entzieht sich wieder, bleibt stets präsent, selbst wenn sich die Jetzt-Zeiten ineinanderschieben. Die Sprache ist prägnant, mal einfach, dann erzählerisch, beschreibend. Wer ist der Erzähler, wann ist Hans der Erzähler, was ist aus dem Vater geworden, der geflohen ist? Ist diese Geschichte ein Monolog, sind es doch verschiedene Erzählperspektiven? Da muss auch Christoph Kuhn nachfragen: «Wer spricht. Wie nahe ist die Figur? Die Realität?»

Für Urs Jaeggi, den bild- und zeichenhaft erzählenden Soziologen, der das Existentielle der Gesellschaft so trefflich ausformuliert, ohne zu fabulieren, sind es Realitäten, die auch imaginiert werden. Bild werdende Wirklichkeiten, die der Schriftsteller ineinanderflicht und der Imagination Raum lässt.

Da forderte Christoph Kuhns Frage nach Urs Jaeggis Definition des Buchtitels «Durcheinandergesellschaft» den Autor zu einem ebenso kurzen wie gesellschafts- und zeitkritischen Epilog heraus. Doch angesichts der Brisanz des Themas gab es noch ein paar Ausschnitte aus dem Kapitel «Hans» – und das war auch gut so.

Weitere Auftritte: Heute Sonntag, 12.40 Uhr, Musik für einen Gast, Cantina del Vino. 15 Uhr, Aussenpodium Klosterplatz.