Pflegeelterm
Das braucht es, um sich auf ein Pflegekind einlassen zu können

Die Fachstelle kompass betreut im Kanton Solothurn zurzeit 29 Kinder und Jugendliche, die von ihren leiblichen Eltern getrennt leben. Und die Fachstelle sucht weitere Pflegeelternpaare. Worauf lassen sich diese ein? Welche Voraussetzungen müssen sie mitbringen?

Gabriela Willimann* (Text)und Patrick Lüthy (Bild)
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Die Fachstelle kompass begleitet im Kanton Solothurn seit 18 Jahren Pflegekinder und ihre Familien. Aktuell betreut sie 29 Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. kompass sucht weitere tragfähige Familien, welche Kindern und Jugendlichen vorübergehend oder längerfristig ein zweites Zuhause bieten.

«Diese Aufgabe verlangt von uns die Bereitschaft, uns immer wieder auf Neues einzulassen, zu lernen und uns in unserer Aufgabe leiten und begleiten zu lassen.» Die Pflegeeltern Susanne und Daniel Müller (Name geändert) wissen, wovon sie sprechen. Sind sie doch seit elf Jahren bei der Fachstelle kompass angestellt und haben im Laufe der Jahre mehrere Kinder und Jugendliche für kürzere oder längere Zeit bei sich aufgenommen. Das war nicht immer einfach.

Andere Anforderungen als eigene Kinder

Die heute zwölfjährige Lea (Name geändert) brauchte, als sie vor drei Jahren in die Pflegefamilie kam, viel Zeit, um sich am neuen Ort einzuleben. Vieles im Leben und im Alltag der Pflegefamilie war ihr fremd. So etwa das gemeinsame Essen am Tisch, das Interesse an ihrer Person, die Familienregeln. Früher, als Lea noch in ihrer eigenen Familie lebte, musste sie oft für sich selber sorgen. Ihre Mutter, die immer wieder unter schweren Depressionen litt, war dazu nicht immer in der Lage. Lea war es gewohnt, vieles selber zu entscheiden. Um Konflikten aus dem Weg zu gehen, liess die Mutter Lea oft gewähren. In die Schule kam Lea häufig zu spät, Hausaufgaben machte sie selten. In seiner Freizeit war das Mädchen oft sich selber überlassen. Leas Vater lebte in einer anderen Stadt. Sie kannte ihn nur von Fotos. Als ein Klinikaufenthalt der Mutter unumgänglich wurde, entschied die zuständige Behörde, die damals 9-Jährige in einer Pflegefamilie zu platzieren.

Für Susanne und Daniel, die zwei eigene Kinder haben, hat sich mit der Ankunft von Lea der Familienalltag stark verändert. Die Familie musste neu entstehen, alle Mitglieder mussten ihren Platz finden. «Es ging auch darum, uns von eigenen Erwartungen zu verabschieden, denn Lea stellte andere Anforderungen an uns als die eigenen Kinder. Ihre Wutanfälle und Aggressionen zu Beginn der Platzierung waren eine grosse Herausforderung und brachten das Familiensystem oft ins Wanken. Dank unseres langen Atems und der Unterstützung durch die Fachpersonen von kompass gelang es, Leas Verhalten zu verstehen und Schritt für Schritt eine Beziehung zu ihr aufzubauen.»

Lea hat gelernt, mit der Unterstützung von therapeutischen Gesprächen, die Krankheit ihrer Mutter zu verstehen und besser damit umzugehen. Sie verbringt vierzehntäglich ein Wochenende bei ihr und freut sich jeweils auf die Zeit mit ihrer Mama. Lea geht es gut, auch wenn es für sie nicht immer einfach ist, mit zwei Familien zu leben.

Viel Aufmerksamkeit

Damit sich ein Pflegekind gut entwickeln kann, braucht es einen Rahmen, in dem es sich angenommen und getragen fühlt und der ihm ermöglicht, unbeschwert Kind zu sein. Pflegekinder brauchen viel Aufmerksamkeit und eine klare und gleichzeitig liebevolle Begleitung. Dazu gehört eine individuelle Betreuung, die sich an den Grundbedürfnissen und Entwicklungsmöglichkeiten orientiert. Wie das Beispiel von Lea zeigt, bringen Pflegekinder ihre besondere Situation häufig durch auffällige Verhaltensweisen zum Ausdruck. Der Umgang damit erfordert von den erwachsenen Bezugspersonen viel Verständnis und Geduld. Stabile Beziehungen und emotionale Sicherheit sind weitere wichtige Voraussetzungen für eine hoffnungsvolle Zukunft des Pflegekindes.

Das Wichtigste, das Pflegeeltern mitbringen sollten, sind aus der Sicht der Fachstelle kompass die innere Bereitschaft, sich auf ein Pflegekind mit «Herz und Verstand» einzulassen, Freude am Umgang mit Kindern, emotionale Wärme und Offenheit. Neben ausreichendem Wohnraum, einer finanziell gesicherten Situation und genügend Zeit für das Pflegekind, sind vor allem persönliche Fähigkeiten erforderlich. Dazu gehören Einfühlungsvermögen, Belastbarkeit, Flexibilität und die Bereitschaft, eigenes Verhalten zu reflektieren. Wichtig ist zudem die Akzeptanz anderer Lebensformen und Wertvorstellungen. Es gehört zum Auftrag von Pflegeeltern, den Kindern dabei behilflich zu sein, ihre komplizierte Lebenssituation, zwei Familien zu haben, zu verstehen und damit zurechtzukommen. Wenn die Pflegeeltern die Herkunftsfamilie des Kindes respektieren und ihr einen Platz in seinem Leben geben, hilft dies dem Kind, ein positives Selbstbild zu entwickeln.

Die Pflegeeltern werden vor einer ersten Platzierung sorgfältig abgeklärt und bei Eignung von der Fachstelle kompass angestellt. Die Fachstellenmitarbeitenden begleiten und beraten die kompass-Pflegeeltern an 365 Tagen im Jahr in allen Fragen der Betreuung und Erziehung des Pflegekindes sowie der speziellen Situation als Pflegefamilie. Sie sind Ansprechperson für das Kind, die Herkunftsfamilie sowie alle involvierten Stellen und Behörden, sodass die Pflegeeltern sich auf die Aufgabe der Begleitung des Pflegekindes konzentrieren können. Die Pflegeeltern nehmen an Weiterbildungsveranstaltungen teil und tauschen sich regelmässig bei Intervisionstreffen mit anderen Pflegeeltern aus. Während einer Platzierung erhalten die Pflegeeltern einen Betreuungslohn. Zusätzlich werden Aufwendungen für Kost und Logis des Pflegekindes, Nebenkosten und allfällige weitere Spesen vergütet.

*Gabriela Willimann ist als Koordinatorin Platzierung in Familien bei der Fachstelle kompass tätig.

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