Seit geraumer Zeit sorgen Sie nicht nur als Musiker und Produzent für Schlagzeilen, sondern auch mit pointierten politischen Stellungnahmen. Weshalb dieses plötzliche politische Engagement?

Chris von Rohr: Ich denke, im Alter wird man nicht nur philosophischer, sondern auch politischer. Das hat sicher auch mit den Sorgen um die Zukunft der Kinder und der Gesellschaft an sich zu tun. Das kam ganz natürlich in den letzten Jahren. Ich habe viel gelesen und diskutiert und etwas genauer hingeschaut als früher, als andere Dinge mehr im Vordergrund standen.

Mit Ihrem Ja zur Ausschaffungsinitiative rücken Sie in die Nähe der SVP. Weshalb dieser Wandel vom wilden Linken zu einem Vorkämpfer der Rechten?

Parteiennähe kenne ich nicht. Es gibt Themen, die die SVP aufgreift, die auch mir am Herzen liegen und die die andern Parteien schlicht verschlafen oder unterschätzt haben. Ich teile aber nicht alle SVP-Standpunkte. Und klar war ich als einer in «Sozisaft-Town-Geborener» auch mal Linker, aber nicht lange. Ich merkte schnell, dass diese Spezies genau das tut, was sie früher bei anderen kritisierte: mehr Staat, überbordende Regulierung und das mit dem Portemonnaie der anderen – so kann man die Ungerechtigkeit dieser Welt aber nicht bekämpfen. Dazu kommt: Soziales, pseudo-hochtrabendes Getue mit dem Kulturcüpli zwischen den Fingern war uns in der Rockszene schon immer suspekt. Das ist nicht Rock ’n’ Roll, sondern subventionierte, lustlose Träumer-Politik. Willst du einem Benachteiligten helfen, gib ihm nicht den Fisch, sondern die Fischrute, damit er sich selbst helfen kann.

Wo stehen Sie denn politisch?

Dort wo mich mein Herz und mein gesunder Menschenverstand hinführen. Diese Geldgier und zunehmende Egogesellschaft gibt zu denken. Wir leben nicht mehr in der freien Natur, wo jeder jeden frisst. Den wirklich Bedürftigen und Schwachen muss sinnvoll geholfen werden. Trotzdem glaube ich an die Kraft des Individuums, denn eines ist klar: So viel Elend wie der Kommunismus angerichtet hat und immer noch anrichtet, ist unfassbar. Man muss nur reisen, dann weiss man Bescheid. Wo nur der Staat das Sagen hat, herrscht Korruption, Menschenverachtung und Elend. Die bringen nicht mal anständiges Klopapier auf die Reihe.

Wie reagieren Ihre engsten Musikerkollegen auf Ihr politisches Coming-out?

Sehr gut. Die machen sich auch Sorgen und Gedanken zu unserem Land, wenigstens die, dies genau wissen wollen. Genauer gesagt: Wir sollten uns breit informieren. Jedes Problem hat mehrere Seiten. Auf die fadengerade, unabhängige, genaue Recherche kommt es an. Das tun heute wegen des grossen Zeitdrucks leider nur noch wenige.

Befürchten Sie nicht, dass «Krokus»-Konzerte plötzlich zu einem Anziehungspunkt für Rechtsradikale werden?

Wie bitte? Unsere Fans leben in der echten Welt, an der Basis und gehen arbeiten. Die wissen, wo der Schuh drückt. Nur weil viele sagen, dass wir ein Integrations- und zunehmendes Migrationsproblem haben und unsere Sozialwerke von den falschen ausgetrickst werden, heisst das noch lange nicht, dass man rechtsradikal ist. Ich bitte Sie! Genau dieses Vorurteil hat jahrelang einen echten, gesunden Diskurs zu dem Thema verhindert und fördert heute diese sinnlosen Hassdiskussionen. Hätte Bern dieses Thema früher ernst genommen, müsste die SVP auch nicht diese provokativen Plakate aufhängen, die mir auch nicht passen. Die Probleme müssen endlich ungeschönt, offen auf den Tisch und gelöst werden, wie das in anderen Ländern, zum Beispiel in Kanada, auch gemacht wird. Schauen Sie nur mal, was in Deutschland zurzeit abgeht. Da wurde jahrelang geschlampt, verdrängt und getrödelt. Jetzt herrscht Chaos.

Es ist bekannt, dass Sie Christoph Blocher in Herrliberg einen Besuch abgestattet haben...

Mich hat der Mensch hinter diesem polarisierenden Politiker interessiert. Sein Weg und seine Nehmerqualitäten. Die Lust am Dissonanten, die ihn im Lande der Harmonie zum Giganten gemacht hat. Solche Figuren interessieren mich mehr, als die Wendehälse und Weisswestenträger, die aus Karrieregründen nirgends anecken wollen.

Was hat Sie an Blocher besonders beeindruckt?

Abgesehen von seinem unglaublichen Werdegang: Der Mann kann zuhören, präzise interessant diskutieren, und er hat viel Humor. Eine Mischung, die mir gefällt.

Steigen Sie für die SVP in den nationalen Wahlkampf ein?

Nein, solange ich professionell Musik mache, kommt für mich der Schritt in die Politik nicht infrage. Das braucht viel Zeit und Nerven, wenn man es ernsthaft machen will. Mein Motto war schon immer: don’t verzettel yourself.

Sie kritisieren, Richter würden den «Willen des Stimmvolkes» aushebeln...

Die meisten sind sich einig: Wir haben ein Problem im Vollzug. Ich sprach vor allem vom Bundesverwaltungsgericht. Macht man sich schlau und verfolgt gewisse Fälle, dann liegt die Vermutung sehr nahe, dass da nicht alles mit rechten, unparteiischen Dingen zugeht. Ich bin von Haus aus kein misstrauischer Mensch. Aber blöd bin ich deswegen nicht. Da muss und wird was passieren.

Glauben Sie, dass die Mehrheit immer recht hat?

Sicher nicht. Das ist auch im Showbusiness, das übrigens sehr dem Politgeschäft ähnelt, nicht so. Ein Bestseller ist noch lange nicht wirklich gute Musik. Aber zurück zur Politik: Es gibt Themen, die eine Mehrheit im Volk beschäftigen und die sollte man ernst nehmen und nicht hinterrücks mit fiesem Taktikgeplänkel zu bodigen versuchen. Das kommt nie gut, denn die Bürger dieses Landes haben ein feines Gespür dafür, ob sie von oben ernst genommen oder schlicht verschaukelt werden.

Mitarbeit:Andreas Toggweiler und Fränzi Rütti-Saner.