Solothurn
Cartoonist Mattiello: «Eigentlich bin ich ein Pessimist»

Ernst Mattiello, pensionierter Lehrer, Cartoonist und eben 70 geworden, zeigt im Vorfeld der Solothurner Literaturtage im Künstlerhaus S11 einen Überblick über seine Cartoons aus den letzten vier Jahren.

Fränzi Rütti-Saner
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Ernst Matiello: «Humor ist doch auch ein Reflex auf Tragisches.»

Ernst Matiello: «Humor ist doch auch ein Reflex auf Tragisches.»

Solothurner Zeitung

Herr Mattiello, ist das eigentlich die erste Übersichtsausstellung ihrer Cartoons?

Ernst Mattiello: Ja. Ich habe mich aber darauf konzentriert, Arbeiten, die seit 2008 entstanden sind, zu zeigen. Von nur ganz wenigen, die früher entstanden sind, habe ich die Idee aufgenommen und sie neu gezeichnet.

Welcher Dramaturgie folgt diese Ausstellung?

Ich habe die Zeichnungen nach Themen gegliedert, in jedem Stockwerk ein neuer Bereich: Politisches, Wirtschaftliches, Religiöses, Kulturelles. Dann das grosse Thema «Mann-Frau», Beziehungen, Lifestyle und Sport, Natur und Arbeitswelt.

Wie entsteht ein Cartoon von Ihnen rein zeichentechnisch?

Zuerst: Ich arbeite sehr diszipliniert. Ich habe die Tagesstruktur, die ich als Lehrer hatte, beibehalten und verbringe 7 oder 8 Stunden im Atelier. Ich habe eine Idee und fertige zunächst verschiedene Skizzen und dann eine Zeichnung an. Es folgt eine Reinzeichnung, die digital eingelesen wird. Am Computer bringe ich weitere Korrekturen an, vielleicht noch verschiedene Varianten. Das ergibt die Vorlage für den Print oder die elektronischen Medien. Dann fertige ich einen Inkjet-Druck an und unterteile diesen in verschiedene Ebenen. Mit einem Skalpell werden die Sujets ausgeschnitten und collageartig wieder zusammengestellt. Schliesslich werden sie koloriert. So entstehen von einer Zeichnung jeweils zehn eigene aber übereinstimmende Fassungen.

Ihre Cartoons sind in Zeitungen in der Schweiz, aber auch in Deutschland zu finden. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen dem Cartoonisten und den verschiedenen Redaktionen?

In deutschen Printmedien haben Karikaturen und Cartoons nach wie vor einen Platz, während in der Schweiz dieser Raum mehr und mehr von Kolumnen besetzt wird. Hingegen erwarten Schweizer Redaktoren, die noch Karikaturen publizieren wollen, vom Cartoonisten seine eigene Version der Geschichte. Ein neuer, weiterer Aspekt, der eingebracht werden soll. Ihre deutschen Kollegen haben meist ein bestimmtes Bild vor Augen und suchen dann ein passendes Sujet für ihre Geschichte aus. So erlebe ich das.

Ist es nicht schwierig, sozusagen auf Bestellung einen Cartoon zu schaffen?

Das ist tatsächlich ein sehr aufreibendes Business. Ich kenne viele Cartoonisten, die an solchem Druck fast zerbrochen sind. Ich selbst habe seltener solchen Druck erleben müssen, weil ich den Lehrerberuf als Haupterwerbszweig hatte. Doch braucht es manchmal etwas Druck, damit ein gutes Resultat entsteht.

Wie entwickeln Sie einen schlüssigen Cartoon. Gibt es da gedankliche Techniken?

Mattiello: Zunächst einmal: Ein Cartoon muss nicht à priori lustig sein. Oft entstehen, wenn man bestimmte Sachverhalte wortwörtlich nimmt, schon die absurdesten Ideen. Etwas ins Gegenteil verkehren, ist auch ein Weg. Wichtig ist: Beim Cartoon spielt sich immer ein Vorher und ein Nachher im Kopf ab. Er ist nicht wie ein künstlerisch gestaltetes Bild, das für sich spricht.

Wie kamen Sie denn dazu, Cartoonist oder Karikaturist zu werden?

Im Grunde bin ich ein pessimistischer Mensch und habe mich immer zeichnerisch mit Problemen auseinandergesetzt. Humor ist doch auch ein Reflex auf Tragisches. Ich wollte nicht Cartoonist werden, es hat sich so ergeben. Es hat auch viel mit mir selbst zu tun.

Betrachtet man ihren Stil, werden ihre Figuren immer reduzierter, radikaler.

Das stimmt. Gesichter haben mich nie interessiert. Die Geschichte ist wichtig. Eine gewisse Ästhetik muss aber auch sein, so wird es einfacher, die Aussage «an den Mann» zu bringen.

Gibt es denn Bereiche, die sie als Karikaturist nicht «anfassen»? Ich denke an den Karikaturenstreit vor einigen Jahren.

Grundsätzlich gibt es für Satire keine Grenze. Diesen Grundsatz vertrete ich. Allerdings zeichne ich persönlich über keine Bereiche, in denen ich mich nicht auskenne.

Und wie schaffen Sie es, immer wieder neue Cartoons zu «erfinden»? Geht ihnen der Stoff nicht aus?

Nie. Es gibt so viele Grausamkeiten, die sich jeden Tag ereignen. Auch Versteckte. Im Cartoon können sie sichtbar gemacht werden.