Ist die grosse Aufmerksamkeit rund um die Papstwahl nicht eine grosse Chance für die Kirche? Der Bischof von Basel, Felix Gmür, sagt, was er darüber und über den Glauben denkt.

Der grosse Medienrummel rund um die Papstwahl liegt noch nicht lange zurück: Die katholische Kirche scheint attraktiver als man landläufig meint. Wie erklären Sie sich die grosse Aufmerksamkeit?

Bischof Felix Gmür: Die Aufmerksamkeit war deshalb so gross, weil ein Papst das erste Mal seit 700 Jahren sein Amt freiwillig abgegeben hat. Das war das eigentlich Neue. Und deshalb konnte man sich mehrere Wochen auf die Papstwahl vorbereiten, was eine umfangreiche Berichterstattung zur Folge hatte.

Ist diese Aufmerksamkeit nicht eine Chance für die katholische Kirche?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es gut, dass Exponenten der Kirche in der Öffentlichkeit stehen. Andererseits aber, und das hat der neue Papst auch deutlich gesagt, geht es nicht um ihn, sondern um Jesus Christus und unseren christlichen Glauben. Er ist sozusagen nur das Vehikel dafür.

Die Kirchen aber, in denen dieser christliche Glaube gepredigt wird, bleiben häufig halb leer; und zwar die katholischen und reformierten Kirchen. Weshalb?

Ich kann keine schlüssige Antwort geben, wie das wahrscheinlich niemand kann. Das Phänomen betrifft vor allem Westeuropa, die sogenannten säkularisierten Gesellschaften. Auffallend ist, dass Nordamerika, und damit auch eine säkularisierte Gesellschaft, weniger betroffen ist. Offenbar ist das Religiöse, so wie es bei den Leuten ankommt, fast zu überinstitutionalisiert. Es handelt sich hier ja nicht um eine Krise des Glaubens. Für viele Leute spielt der Glauben an sich eine wichtige Rolle. Es ist vielmehr eine Krise der Institution, eine Krise des institutionalisierten Glaubens. Und da ist es wichtig und richtig, dass sich unsere institutionalisierten Religionen wieder auf das «Kerngeschäft» besinnen, nämlich die Vermittlung des christlichen Glaubens.

Haben die Kirchen dieses «Kerngeschäft» vernachlässigt?

Das will ich so nicht sagen. Aber wir haben zu viel darum herum gebaut. Früher wurde man in der Schweiz als Katholik oder als Reformierter geboren. Im Kanton Bern etwa galt jemand bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts automatisch als reformiert, es sei denn, er hat dies ausdrücklich verneint. Die Einheit von religiösem Bekenntnis und der Gesellschaft, die den Staat ausmacht, die gibt es heute nicht mehr. Aber unsere Institutionen sind auf dieser Einheit aufgebaut. Sie funktionieren so, als würden wir heute immer noch in einer rein christlichen und vor allem konfessionell definierten Welt leben.

Die Kirchen müssen also wieder vermehrt den christlichen Glauben erklären. Worin besteht denn die christliche Kernbotschaft?

Gott hat uns gern. Und Gott hat diese Liebe zu uns Menschen durch das Leben und den Tod sowie die Auferstehung von Jesus Christi verbürgt. Bis in den tiefsten Abgrund hat Gott den Menschen gern und lässt ihn dort nicht im Stich. Das gibt für das Leben Kraft, Trost und Hoffnung.

Was kann das Christentum für Menschen in einer modernen, säkularen Gesellschaft bedeuten?

Es macht den Menschen einen Vorschlag, wie sie ihr Leben sinnvoll gestalten können. Das Christentum geht davon aus, dass jeder Mensch in einer dreifachen Beziehung steht; in einer Beziehung zu sich selbst, zu seinem Mitmenschen und zu Gott. Diese drei Beziehungen gestalten sich am sinnvollsten, wenn sie unter dem Stern der Liebe stehen. Diese drei Beziehungen bedingen sich auch gegenseitig. Diese Liebe heisst zum Beispiel auch, dass ich mich darüber freuen kann, dass es meinem Mitmenschen gut geht und dass ich ihn in seinen Bemühungen um ein gutes Leben unterstütze.

Steht die Idee von einem liebenden Gott nicht im Widerspruch zur Ungerechtigkeit in der Welt?

Es gibt hier eine doppelte Antwort. Die erste ist, dass sich jeder Leidende im leidenden Gottessohn erkennen kann. Das heisst: Gott ist absolut solidarisch mit den Leidenden, er ist einfach da. Wir merken selber, wie schwer das ist, einfach da zu sein, und das Leiden auszuhalten. Genau das aber macht Gott. Die andere Antwort ist: Wir Christen sind aufgefordert, gerade wegen unseres Glaubens gegen Missstände etwas zu unternehmen. Ich erinnere daran, dass das Christentum das Spitalwesen erfunden hat. Auch hier kommen beide Seiten des Christentums zum Ausdruck: Man ist bei den Kranken und versucht gleichzeitig, diese zu heilen.

Die Kirche hat also einen politischen Auftrag?

Natürlich, die Kirche kann sich gar nicht dem Politischen entziehen. Die Kirche ist für die Menschen da, und die Menschen leben in dieser Welt. Die Kirche ist automatisch Partei, sagt Karl Barth. Das heisst aber nicht, dass sie immer Partei ergreift. Sie muss den Finger auf wunde Punkte legen, bei denen sie findet, dass sie dem Evangelium widersprechen.

Wo stellen Sie wunde Punkte fest?

Ich habe das Gefühl, dass die Schweiz auf der Ebene der Politik noch nicht richtig begriffen hat, dass wir ein Teil der Welt sind und nicht bloss eine Insel. Global denkt die Schweiz vor allem dort, wo es um die ökonomischen Rahmenbedingungen geht. Aber es gibt auch menschliche und soziale Rahmenbedingungen. Wenn Menschen aus dem Ausland zu uns kommen, heisst das nicht, dass sie einfach nur von uns profitieren wollen. Sie fliehen auch vor schlechten Lebensbedingungen. Die Schweiz, die von ihren weltweiten wirtschaftlichen Aktivitäten profitiert, könnte sich vermehrt für eine Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen einsetzen. Die nordeuropäischen Länder engagieren sich hier zum Beispiel mit einem bedeutend höheren Anteil ihres Bruttosozialprodukts.

Warum sind Sie eigentlich so sicher, dass es Gott gibt?

Sicher bin ich durch meinen Glauben, weil ich da Gott erfahre. Der grosse Knackpunkt des christlichen Glaubens ist ja die Auferstehung. Was aber hat die ersten Jünger so sicher gemacht, dass diese tatsächlich stattgefunden hat? Der auferstandene Jesus hat sich ihnen gezeigt. Die ersten Zeugnisse kamen dabei von Frauen. Diese galten in der damaligen patriarchalen Gesellschaft als unglaubwürdig und dennoch hat man ihrem Zeugnis vertraut. Dadurch bekommt dieses Zeugnis eine besondere Glaubwürdigkeit.

Wie spüren Sie Gott in Ihrem Leben ganz persönlich?

Ich spüre Gott überall dort, wo ich das Gefühl habe, dass etwas Gutes passiert, das nicht einfach von selbst geschehen kann. Und ich spüre Gott im Gebet, indem ich also mit ihm reden kann. Diese Möglichkeit, einen Dialog zu führen, ist eine Eigenheit der Religion gegenüber anderen Überzeugungen. Manchmal muss ich auch auf Antworten warten. Im Dialog mit Gott ist die ganze Bandbreite möglicher Kommunikations-Erfahrungen denkbar.

Irritierend für viele ist, dass sich die Katholische Kirche so schwer tut mit einer gemeinsamen Abendmahlsfeier von Katholiken und Reformierten. Wann geht hier endlich etwas weiter?

Bei der Frage des Abendmahls oder der Eucharistie unterscheiden sich Katholiken und Reformierte am stärksten voneinander. Es geht hier um theologisch schwierige Sachverhalte, die man zuerst klären muss, bevor beide Seiten eine gemeinsame Abendmahlfeier kohärent und glaubwürdig vertreten können. Im ökumenischen Prozess lautet die Kernfrage: Ist diese gemeinsame Abendmahlfeier der Anfang oder der Schlusspunkt des Weges, der zur Einheit führt? Die katholische Kirche sagt, dass das gemeinsame Abendmahl das Ziel des gemeinsamen Weges ist und nicht dessen Anfang bilden kann.

Der ökumenische Prozess scheint ins Stocken zu geraten – oder nicht?

Als grossen Fortschritt werte ich, dass die Konfessionen miteinander reden und bestehende Probleme offen besprechen können. Zudem bin ich der Überzeugung, dass wir all das, was wir gemeinsam machen können, auch gemeinsam machen müssen. Das betrifft die meisten Bereiche im Leben von Christinnen und Christen. Hier müssen wir weitere Fortschritte machen. In Deutschland scheint dafür ein grösseres Bewusstsein vorhanden zu sein. Es ist wichtig, dass die Kirche gegenüber der Öffentlichkeit mit einer Stimme spricht. Einig müssen wir uns zum Beispiel darin werden, wie wir gemeinsam christliche Werte verteidigen können. Etwa bei Fragen, die den Beginn und das Ende des Lebens betreffen oder auch die Integration von Migranten. Die Kirchen und Pfarreien machen viel in diesen Bereichen, aber sie machen es zu wenig gemeinsam.

Mit einer schweizweit lancierten Initiative bringen Seelsorgende ihre Sorge zum Ausdruck, dass die kirchliche Lehre und die Arbeit an der Basis auseinanderdriften. Haben Sie Verständnis dafür?

Ich verstehe gewisse Sorgen und ich verstehe auch das Anliegen, dass wir solche Fragen gemeinsam angehen sollen. Noch bis Ende Mai führe ich insgesamt fünf Gespräche mit Seelsorgenden aus dem Bistum Basel durch. Im Anschluss werden wir dann miteinander klären, wie es weitergehen soll. Auch bei dieser Initiative aber irritiert mich, dass sich die Leute immer über Themen ärgern, bei denen niemanden von uns, mich eingeschlossen, eine Entscheidbefugnis hat. Ich sage nicht, dass diese Fragen nicht wichtig sind. Aber das, was wir selber ändern können, tritt vielfach in den Hintergrund.

Das Pflichtzölibat für Priester ist eine dieser Fragen. Halten Sie hier einen Neuansatz für denkbar?

Hier ist zweifellos ein Neuansatz denkbar. Es gibt zwei Berufungen: eine Berufung zum Priestertum und eine Berufung zum Zölibat. Das Zölibat ist dabei eine gute Form, um das Priestertum zu leben, aber es ist nicht die einzige Form. Das zeigt auch ein Blick ins Evangelium: Die Ehelosigkeit ist hier ein theologischer Rat, aber kein Müssen. Wann und wie die Kirche einem solchen Neuansatz folgt, liegt aber nicht in meiner Kompetenz.

Sie betonen den Dialog. Was halten Sie von der Idee, im bischöflichen Ordinariat und im zugehörigen Park Anlässe für die Öffentlichkeit durchzuführen?

Ich habe gewisse Ideen zu neuen Dialog-Formen. Ich habe zum Beispiel auch schon über ein kulturelles Happening im Park des Ordinariats nachgedacht. Solche Ideen lassen sich aber nicht von heute auf morgen umsetzen. Wir müssen uns auch immer fragen, wie Aufwand und Ertrag einander gegenüberstehen. Und zudem muss es immer unser Ziel sein, Menschen zu Gott zu führen.