Aufgewühlt und emotional berichten sie über den Stand der Dinge bei der von der Schliessung bedrohten Papierfabrik in Biberist. Desillusioniert sind die engagierten Arbeitnehmervertretenden aber nicht. Es hätten sich bereits weit über 150 Mitarbeitende mit Lösungsvorschlägen gemeldet, vom Hilfsarbeiter bis hin zum Kadermitglied.

Besonders erfreut sind sie über die Unterstützung durch die anderen Sappi-Papierfabriken und legen eine Resolution des European Work Councils, dem europäischen Betriebsrat von Sappi Europe, auf den Tisch. Der Plan zur Schliessung «hat bei der gesamten Belegschaft von Sappi Europa tiefe Bestürzung und Empörung hervorgerufen», heisst es im Protest- und Forderungsschreiben. Es wurde am Dienstag in Brüssel Sappi-CEO Berry Wiersum übergeben, der vor Wochenfrist die Hiobsbotschaft überbrachte.

Gekauft, um zu schliessen

Die Ergebnisse, welche Biberist in den letzten beiden Jahren abgeliefert habe, hätten laut dem Betriebsrat bislang nicht zu gravierenden Bedenken Anlass gegeben. Die Belegschaft sei wie bereits in der Vergangenheit bereit, für den Standort einzutreten und weit mehr zu leisten, als in irgendwelchen Verträgen stehe. «Es kann nicht sein, dass Sappi die Papierwerke nur gekauft hat, um diese nach einer gewissen Beobachtungszeit wieder zu schliessen.» Eine Konsolidierung des europäischen Papiermarktes könne nicht mit dem punktuellen Abstellen einzelner Betriebe erreicht werden. Der Sappi-Betriebsrat fordert den Konzern auf, die Fortführung des Standortes weiter zu prüfen oder zumindest den Verkauf des Werkes zu erwägen.

Ethikkodex: «Nur Phrasen»

Wiersum habe beim Treffen erneut den Standort über den grünen Klee gelobt, weiss Kathrin Schär. «Aber sie wollen uns trotzdem schliessen.» Das stösst auch dem 51-jährigen Hans-Ulrich Kilchhofer sauer auf. «Ich arbeite nun seit 26 Jahren in der ‹Papieri›. In dieser langen Zeit mussten wir viele schwierige Phasen durchstehen und mit tiefen Renditen arbeiten. Aber wir haben immer gemeinsam eine Lösung gefunden.» Kirchhofer ist Teamleiter logistische Dienste und Lehrmeister.

Die «Papieri» gelte mit ihrem technischen Know-how tatsächlich als Vorbild für andere Werke. Zudem sei man «ein guter Arbeitgeber», habe gar den Sozialpreis des Kantons Solothurn gewonnen. Auch im Bereich Ökologie (Dampfenergie, Abwasser und Entsorgung) verdiene Biberist Anerkennung. Vor diesem Hintergrund entpuppe sich der als «Firmen-Bibel» verkaufte «Sappi-Ethikkodex» nur als Phrasendrescherei. Kirchhofer zitiert daraus: «Das Unternehmen ist vorbildlicher Arbeitgeber», «Wir schützen die Umwelt», «Wir berücksichtigen die Erwartungen der Gemeinden, in denen wir tätig sind.»

Als «grösste Sauerei» bezeichnet Kirchhofer das von Sappi verhängte Verbot einer direkt konkurrenzierenden Papierproduktion. «Was sollen wir dann auf den Papiermaschinen machen? Etwa Pizzas oder Spaghetti?»

150 Jahre «Papieri» im 2012

Das erwähnte grosse Engagement aller Mitarbeitenden bei der Suche nach Lösungen zeige, dass der Betrieb «lebt und noch nicht gestorben ist», meint die 52-jähriger Kathrin Schär, die seit 18 Jahren dabei ist, aktuell in der Telefonzentrale und Empfang. «Wir geben nicht auf und denken noch nicht an den Sozialplan. Schliesslich wollen wir 2012 das 150-jährige Bestehen der ‹Papieri› feiern.»