Gastarbeiter aus Italien

Aus ein paar Jahren in der Schweiz wurde ein ganzes Leben

Vor 50 Jahren war die Situation für italienische Arbeiter nicht rosig, trotzdem blieben viele und bauten sich durch harte Arbeit in der Schweiz eine Existenz auf.

Ich hätte nie gedacht, dass ich für immer bleiben würde.» – Der mittlerweile 72-jährige Angelo Faraci aus Trimbach emigrierte im Jahr 1961 von Licata (Sizilien) in die Schweiz, die zu jener Zeit massenweise ausländische Arbeiter rekrutierte.

Getrieben wurde der damals 19-Jährige von der Not und vom Bedürfnis nach einer besseren Zukunftsperspektive. «Und ein bisschen auch von Neugierde und Abenteuerlust», gibt er schmunzelnd zu. Dank eines Cousins, der bereits in der Schweiz arbeitete, erhielt er einen fixen Arbeitsvertrag bei der Verbandsmolkerei Olten (Miba).

«Ich fing als Flaschenwascher an und landete schliesslich bei der Lieferung», sagt er stolz. «Ich habe mich durch jede Abteilung gearbeitet und kannte mich schliesslich in der ganzen Firma gut aus.» Dies bescherte ihm einige Überstunden. Was ihm aber nicht viel ausmachte, denn Überstunden wurden ausbezahlt.

Und wegen des Geldes war er ja gekommen. «Ursprünglich hatte ich geplant, nur höchstens ein paar Jahre hier zu arbeiten, Geld auf die Seite zu legen und wieder zurück nach Italien zu gehen. Aus den geplanten Jahren wurde aber schliesslich ein ganzes Leben», sagt Faraci.

«Ich hatte Glück», sagt er. Sein Arbeitgeber habe ihn als Arbeitskraft respektiert und geschätzt. Und auch über seine damalige Unterkunft könne er sich nicht beklagen. «Im Gegensatz zu anderen Gastarbeitern wohnte ich nicht in einer Baracke», erzählt er. Ein lediger Arbeitskollege bot ihm für 50 Franken im Monat ein Dachzimmer in seinem Haus an der Aarburgerstrasse in Olten an.

Küche, Bad und Wohnzimmer teilte er mit dem Schweizer Vermieter. «Ich durfte sogar fernsehen», sagt Faraci. «Er hat mich wie einen Sohn behandelt», sagt er bewegt. Trotz allem fühlte sich Faraci nicht immer wohl in der Region. «Das Schimpfwort ‹Tschingg› war an der Tagesordnung», bedauert er. «Am Arbeitsplatz und in der Freizeit.» Am Sonntag, seinem einzigen freien Tag, traf er sich mit anderen italienischen Arbeitern.

«Der Anfang war hart. Ich vermisste meine Familie sehr», erinnert sich Faraci. Besucht habe er sie damals so oft er nur konnte. Jedes Mal sei es aber ein Unterfangen gewesen. «An der Grenze wurden wir vor der Einreise medizinisch untersucht und geröntgt. Weil es häufig viele Italiener waren, die beispielsweise nach den Festtagen wieder zurück in die Schweiz wollten, musste man stundenlang warten», so Faraci.

Deshalb habe er nicht selten den Anschlusszug verpasst: «Wenn es dann spätabends keine Zugverbindungen mehr gab, liessen sie uns an der Grenze in Baracken schlafen», erzählt er. Es friert ihn heute noch.

Mit der Zeit hat sich der Südländer aber an die Kälte gewöhnt. Unter anderem dank der Wärme einer zweiten Person. Sechs Jahre nach ihm zog nämlich seine damals frischgebackene italienische Ehefrau in die Schweiz. Und dann kam das erste, das zweite, das dritte und das vierte Kind auf die Welt.

«Das änderte alles.» Wegen der Kinder entschied sich das Paar, sich hier definitiv niederzulassen.» Heute wohnt Faraci mit seiner Frau in einem Einfamilienhaus in Trimbach. Italien kommt für ihn nicht mehr als Wohnort infrage. Trotzdem meint er: «Italien bleibt meine Heimat.»

Im gleichen Jahr wie Faraci zog auch Ulder Ligi aus einem Dorf in der Nähe von Ancona in den nördlichen Nachbarstaat. «Ich suchte nach Arbeit», so Ligi. Die Schiffswerkstatt, in der der damals 23-Jährige arbeitete, beschäftigte ihre Arbeiter nur auf Aufgebot. Eine bessere Stelle war nicht in Sicht.

«Glücklicherweise hatte ich einen Freund, der bereits in der Schweiz arbeitete», sagt Ligi. Über jenen Freund konnte er sich für eine Stelle bei der Motorwagenfabrik in Olten bewerben. «Ich erhielt den Arbeitsplatz sofort.» Den fixen Arbeitsvertrag als Maschinenmechaniker, die Aufenthaltsbewilligung und die restlichen nötigen Dokumente habe er per Post erhalten. «Ich musste nur noch den Koffer packen.»

In der Schweiz angekommen, bot der Arbeitgeber seinen eingewanderten Mitarbeitern in einem der Firma nahegelegenen Haus für 30 Franken pro Monat ein Zimmer an (damals verdiente er zwischen Fr. 2.30 und Fr. 3.30 pro Stunde). «Wir hatten einmal in der Woche sogar eine Putzfrau», schwärmt der 76-Jährige. Er habe sich immer wohl gefühlt. Wenn mal das Wort «Tschingg» fiel, ignorierte er es. «Ich konzentrierte mich auf die Arbeit.» Dies merkten seine Vorgesetzten und schätzten ihn umso mehr. «Ihren Respekt habe ich mir als Chrampfer durch meinen Fleiss verdient», ist er überzeugt.

Nicht nur bei der Arbeit gab er 100 Prozent, sondern auch in seiner freien Zeit. «Ich wollte die vielen Möglichkeiten, die das Land bot, ausnutzen», sagt er. So engagierte er sich in seinem ersten Arbeitsjahr in der Schweiz gleich in der Gewerkschaft SMUV und wurde auch Betriebskommissionsmitglied. Auch beim Patronat ITAL war er aktiv und präsidierte den Blutspendeverein AVIS.

Die häufigsten Sorgen, mit denen sich die italienischen Gastarbeiter an Ligi wandten, betrafen meistens den Lohn. Aber nicht nur. Vor dem Italien-Abkommen (siehe Box) gab es Arbeiter, die über den Sommer ihre Kinder ins Land schmuggelten und in Baracken versteckt hielten. «Hätte die Polizei sie gesehen, wären die Kinder ausgeschafft worden», erzählt Ligi. Die Bedingungen änderten sich durch das Unterzeichnen des Italien-Abkommens. Dafür und generell für bessere Arbeitsrechte organisierte Ligi damals Demonstrationen und Info-Abende. «Das Abkommen war für uns eine grosse Errungenschaft.»

Seit knapp 20 Jahren hat Ligi den Schweizer Pass. Die Schweiz ist, wie er sagt, seine zweite Heimat. «Für die Einbürgerung habe ich für mich und meine Frau 11 000 Franken bezahlt – aber das war es mir wert», sagt Ligi. «Man muss mitbestimmen können, sonst ist man nur ein halber Bürger.»

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