Lehrstellen
Auf dem Bau wollen zu wenige anpacken

War der Lehrstellenmangel in den vergangenen Jahren das grosse Thema, gibt es zunehmend Betriebe, die nicht mehr genügend qualifizierte Lehrlinge finden, auch in Solothurn.

Lucien Fluri
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Solothurner Zeitung

War der Lehrstellenmangel in den vergangenen Jahren das grosse Thema, gibt es zunehmend Betriebe, die nicht mehr genügend qualifizierte Lehrlinge finden. «Das Pendel hat auf die andere Seite umgeschlagen», sagt Renato Delfini, Leiter Berufs- und Studienberatung beim Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen (ABMH). «Der Fachkräftemangel wird immer mehr zu einem Thema.» Dahinter steckt auch der demografische Wandel.

Die Zahl der Schulabgänger geht aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge zurück. Erste Auswirkungen sind bereits spürbar: «Personalplanung ist zu einem Thema geworden. Die Betriebe fragen sich: Wie kann man die guten Leute längerfristig an sich binden», erklärt Delfini.

Die Unterschiede sind je nach Branche aber gross: In den Pflegeberufen ist die Nachfrage nach Lehrstellen so hoch, dass jede Stelle doppelt besetzt werden könnte. Auf dem Bau hingegen haben die Betriebe Schwierigkeiten, alle Lehrstellen zu besetzen. Zu den beliebtesten Berufen gehört nach wie vor das KV, aber auch Zeichnerberufe und Lehrstellen im Hightech-Bereich wie Informatiker oder Elektroniker sind gefragt.

Stabile Situation im Kanton

Bis Mitte Juli sind 2148 Lehrverträge abgeschlossen worden, rund 200 werden nach Delfinis Schätzung noch hinzukommen. Die Zahlen liegen somit ziemlich genau auf Vorjahresniveau. «Die Lehrstellensituation im Kanton Solothurn ist extrem stabil – und dies auf hohem Niveau», erklärt der Leiter der kantonalen Berufs- und Studienberatung. Dafür nennt er zwei Gründe: «Die guten wirtschaftlichen Prognosen und das Erkennen des Fachkräftemangels haben zu einer sehr hohen Ausbildungsbereitschaft bei den Betrieben geführt.» Am meisten Lehrstellen bieten die Solothurner Spitäler AG an, gefolgt von der kantonalen Verwaltung.

Sorgen bereiten dem Amtsleiter junge Frauen mit geringem schulischem Rucksack. Zunehmend fehlen handwerklich-gestalterische Grundberufe. Klassische Kleingewerbebetriebe wie Schumacher oder Schneidereien sind verschwunden, es gibt immer weniger praktische Einsatzmöglichkeiten. Delfini: «Rein handwerkliche Tätigkeiten sind immer mehr automatisiert worden». Zudem richtet sich die Erweiterung der Ausbildung im Attestbereich mehrheitlich an junge Männer. «Dies liegt in der Natur des Handwerkes», so Delfini. «Es ist nicht so, dass eine Frau das nicht machen kann. Aber viele wollen es nicht.»

Einige gehen trotzdem leer aus

Noch bis Anfang September können Lehrverträge abgeschlossen werden – und noch in fast allen Berufsfeldern sind Lehrstellen ausgeschrieben. 209 offene Lehrstellen listet das ABMH auf seiner Homepage auf. Trotzdem: Sowohl bei den Lehrlingen als auch bei den Betrieben wird es einige geben, die leer ausgehen. Mit 60 bis 70 unbesetzten Ausbildungsplätzen rechnet Delfini; 2010 waren es 85. «Auf dem Bau sowie im Gastro- und Lebensmittelbereich gibt es immer wieder unbesetzte Lehrstellen. Die Arbeitszeiten erschweren die sozialen Kontakte durch den Tag. Viele Junge wollen dies nicht.»

Fest steht auch: Nicht alle Schulabgänger werden bis Anfang September eine Lehrstelle haben. Mit rund 100 Schulabgängern, die am letzten Schultag ohne Anschlusslösung dastehen, rechnet das ABMH – 152 waren es letztes Jahr. Während der Sommerpause findet noch rund die Hälfte eine Lehrstelle oder entscheidet sich für ein Brückenangebot, das heisst ein einjähriges Berufseinstiegsprogramm. Letztlich werden aber 30 bis 40 Jugendliche mit leeren Händen dastehen. Diese werden durch spezielle Programme der Arbeitslosenversicherung betreut.

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