Alltag im Gefängnis
Arbeitsplätze, die keiner begehrt – und doch Perspektiven bieten

Auch in der schlimmsten Wirtschaftskrise – diese Arbeitsplätze wünscht sich niemand. Im Solothurner Untersuchungsgefängnis erledigen Insassen in einer kleinen Werkstatt Aufträge aus der Industrie. Ein Besuch.

Franz Schaible
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Motivierter Werkstatt-Leiter:

Motivierter Werkstatt-Leiter:

Solothurner Zeitung

Die Bedingungen sind klar: keine Fotos und keine Gespräche mit den Insassen, keine Fotos der Werkstätte, die deren Standort innerhalb des Gefängnisgebäudes preisgibt. Urs Rötheli, Leiter des Untersuchungsgefängnisses Solothurn, und René Gunzinger, Leiter Heimindustrie, führen durch das Labyrinth von Gängen und verschlossenen Türen in die Werkstatt. «Oberste Priorität hat immer die Sicherheit», begründet Rötheli die baulichen Massnahmen.

Keine Kalender, keine persönlichen Gegenstände

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Werkstatt kaum von einem normalen metallverarbeitenden Betrieb in der Region. Der Maschinenpark besteht aus Fräsmaschinen, Drehbänken und Bohrmaschinen, verschiedenste Werkzeuge liegen bereit, auf Paletten sind unterschiedlichste Teile zur späteren Bearbeitung gelagert. Aber alle Fenster sind mit schweren Gittern gesichert, die Türe bleibt geschlossen, es hängen keine Kalender, keine persönlichen Gegenstände liegen herum. Der Raum hat etwas Bedrückendes, die viel zitierte Gefängnisluft ist fühlbar.

Die Insassen allerdings schätzen die Möglichkeit sehr, hier zu arbeiten, wie der 52-jährige Urs Rötheli die Ausgangslage schildert. Er leitet seit vier Jahren das UG Solothurn. Die Alternative dazu sei nämlich wenig attraktiv: 23 Stunden in der 12 Quadratmeter grossen Zelle eingesperrt, 1 Stunde «Ausgang» im Innenhof.

Willkommene Abwechslung

«Die meisten Inhaftierten sind deshalb sehr motiviert. Die Arbeit verspricht eine willkommene Abwechslung im tristen Alltag», berichtet der 47-jährige René Gunzinger direkt von der Front. Die Insassen profitierten gleich mehrfach vom Job während des Gefängnisaufenthaltes. «Sie können sich handwerkliche Fähigkeiten aneignen, lernen sich besser zu integrieren, erhalten eine Perspektive und erfahren als Person Wertschätzung.»

Gerade Letzteres sei für die Psyche enorm wichtig. Viele Insassen seien am Boden zerstört und sähen keine Zukunft mehr. «Hier können wir mit der Werkstatt einen positiven Beitrag leisten», sagt der gelernte Polymechaniker mit Zusatzausbildungen in Sozialarbeit nicht ohne Stolz. Für viele sei es zudem wichtig, dass sie eine Tagesstruktur erhalten. Die Werkstatt kennt geregelte Arbeitszeiten, von 7.30 bis 11.30 Uhr und von 13.30 bis 16.15 Uhr.

Die Insassen erhalten auch ein kleines Arbeitsentgelt – früher Pekulium oder Gefangenenlohn genannt – von maximal 25 Franken pro Tag. Ein Drittel davon gehe auf «ein unantastbares Sperrkonto», welches erst nach der Entlassung ausbezahlt werde, präzisiert Rötheli.

Zur Arbeit verpflichtet

Für die Arbeit in der Werkstatt würden ausschliesslich arbeitsfähige und arbeitswillige Insassen eingesetzt. Es gebe gar eine Warteliste, denn maximal könnten 15 Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden, während das meistens «ausgebuchte» UG über insgesamt 50 Zellenplätze verfügt. Einen weiteren Grund für die Warteliste nennt Rötheli. «Wir haben nicht nur Insassen in Untersuchungshaft, sondern auch solche im Vollzug.» Und Letztere sind von Gesetzes wegen zur Arbeit verpflichtet. «Unser Auftrag ist es, ihnen einen entsprechenden Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen.»

«Wir bieten einfache und bezahlbare Arbeitsleistungen an», erläutert Gunzinger das «Geschäftsprinzip». Gemeint sind eben repetitive Tätigkeiten wie Bohren, Drehen, Fräsen auf konventionellen Maschinen – CNC-gesteuerte Anlagen fehlen im Maschinenpark –, Verpacken grösserer Serien oder auch von Weihnachtskarten sowie von Kontrollarbeiten. Er spricht von einer Win-win-Situation: «Der Auftraggeber profitiert von der kostengünstigen Auslagerung von intern zu teuren Arbeiten, der Insasse profitiert von einer sinnvollen Beschäftigung.»

Als anspruchsvollste Herausforderung beim Betrieb der Werkstätte bezeichnen Gunzinger wie Rötheli die erwähnte oberste Priorität der Sicherheit. Sie sprechen von «einer Gratwanderung zwischen Sicherheit und Resozialisierung». Das Spektrum der möglichen und erwiesenen Vergehen reiche vom einfachsten bis zum schwersten Delikt, und die Ethnien seien unterschiedlich. «Wir müssen die Insassen also genau beurteilen und abwägen, wer mit Schraubenzieher, Feilen oder Messer arbeiten darf und wer nicht. Die Sicherheit geht immer vor.»

Neue Perspektive für Gefangene

Nach mehreren Sicherheitsschleusen erhält der Besucher beim Gefängniseingang seinen zuvor abgegebenen Personalausweis zurück. Sinn und Zweck der Arbeitsplätze in der Gefängniswerkstatt sind unbestritten. Trotzdem. Wer draussen ist, wünscht sich, nie dort arbeiten zu müssen.

René Gunzinger sieht das auch so. «Aber für mich persönlich und als Leiter der Werkstatt ist es eine sinnvolle Tätigkeit. Wir versuchen, den Menschen in einer schwierigen Situation eine neue Perspektive zu verschaffen.»