Verständigung
Alles Gute zum Tag der Muttersprache!

Heute ist Tag der Muttersprache. Und Kommunikation ist etwas Wundervolles – ob man nun dieselbe Sprache spricht oder nicht.

Christoph Neuenschwander
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Keine Sprachverwirrung im «Café Du und Ich»: Tigrinya ist die Muttersprache dieses Jungen, rund um ihn spricht man Deutsch.cnd

Keine Sprachverwirrung im «Café Du und Ich»: Tigrinya ist die Muttersprache dieses Jungen, rund um ihn spricht man Deutsch.cnd

Elisabeth Pfluger schlägt ihr kleines rotes Büchlein auf. Es ist ein wenig verbleicht. Eine seltene Kostbarkeit hält sie da in Händen: Josef Reinharts flammendes Plädoyer für die Einheit Solothurns und die Vielfalt des Solothurnerdeutschen aus dem Jahr 1934. Der Text endet mit dem Aufruf: «Zämestoh fürs Ganze, mit Liebi und mit Stolz – und mit dr Muetersproch!»

Was ist Ihre Muttersprache, Frau Pfluger? Die Volkskundlerin und Solothurner Mundartautorin antwortet, ohne zu zögern: «Gäuerdütsch». Und diesen Dialekt behält sie so rein wie möglich, das ist Familientradition. Unbeirrt sagt sie «eisder», anstatt «immer» oder «gäng». Doch eisder bemerkt sie auch wieder – am deutlichsten nahe der Berner Grenze –, dass die Solothurner sich vom Dialekt des Nachbarkantons beeinflussen lassen. Eisder häufiger sagen wir «es geit», statt «es goht».

Heute ist der 21. Februar, internationaler Tag der Muttersprache. Er soll laut Unesco «auf die Bedeutung der Muttersprache als Ausdruck der kulturellen Identität aufmerksam machen.» Gehen wir der Frage also genauer auf den Grund: Was heisst denn Muttersprache?

«Drrrrr»

Solothurner Weststadt. Zehn Frauen, ein Mann und vier Kinder haben sich im «Café Du und Ich» im City West versammelt. Zusammen sprechen sie acht verschiedene Muttersprachen: Somalisch, Französisch, Schweizerdeutsch, Elsässerdeutsch, Ukrainisch, Tigrinya (aus Eritrea), Mazedonisches Albanisch und Kosovo-Albanisch. Sie treffen sich regelmässig, um miteinander zu diskutieren. Auf Deutsch. Über alles Mögliche. Die Somalierin erzählt gerade von ihrer Nähmaschine. «Kinder immer Hosen kaputt. Ich schneide, und ...» Sie deutet mit einer Fussbewegung den Tritt auf ein Pedal an. «Drrrrr. So einfach.» Alle lachen, jeder hat ihre Worte verstanden. So funktioniert das mit der Kommunikation. So einfach, eben.

Ist dieses Zusammentreffen von Muttersprachen immer so leicht? Man verständige sich gelegentlich mit Händen und Füssen, sagt Arbresha Ibrahimi, Gastgeberin des «Café Du und Ich», aber die Teilnehmer des Integrationsprojekts lernen viel voneinander. «Sie haben hier keinen Druck. Es ist nicht wie in einem Kurs oder in der Schule.»

Lindita Klaiqi aus dem Kosovo lebt seit sieben Jahren in der Schweiz. Das «Café Du und Ich» besucht sie seit einem halben Jahr. «Es ist manchmal schon schwierig, wenn man sich nicht einfach mit allen in seiner Muttersprache verständigen kann.» Aber beklagen will sie sich nicht. Das Schweizerdeutsch bereite ihr zwar noch Probleme. «Aber mir gefällt die Sprache.»

Anwesend ist auch Karima Meier, Fachverantwortliche Integration beim Alten Spital. Ihre Mutter ist Schweizerin, der Vater Marokkaner. Arabisch spreche sie aber kaum, sagt sie. «Ich wollte als Kind auch gar nicht Arabisch lernen. Ich habe mich immer als Schweizerin gefühlt und wollte auch so wahrgenommen werden.»

Mario Cavoli, der Elsässer, muttersprachlos, weil die Vorfahren alle möglichen Arten von Deutsch gesprochen hätten, geniesst das multikulturelle Café. «Was mich hier fasziniert, sind die verschiedenen Melodien der Sprachen.»

Beim Streiten im Nachteil

Diversität lässt sich auch im kleinen Rahmen zelebrieren: in den Dialekten. Andererseits lässt es sich auch wunderbar darüber Witze reissen. Elisabeth Pfluger kann ein Lied davon Singen. «In Wangen bei Olten machte man sich über uns Härkinger lustig. Und wir uns über sie.» Vor allem, weil die Wangener das «NG» als «ND» aussprachen. Man trieb es auf die Spitze: «Z Wande unde hei d Chinder Finderhäntschen aa.» Auch die Oltner kamen mit ihrem «Bahnhofbüffeemix» unter die Räder.

Mit mehr als nur Neckereien haben es mitunter die Mitarbeiterinnen auf den Beratungsstellen für binationale Beziehungen in Olten und Solothurn zu tun. «Schon alleine, dass ein Paar zwei verschiedene Muttersprachen spricht, kann zu Missverständnissen und Konflikten führen», sagt Leiterin Esther Hubacher. Manche Paare würden sich auf eine Drittsprache einigen, damit beide dieselben Voraussetzungen haben. «Aber wenn immer die Muttersprache des einen Partners gesprochen wird, ist der andere – gerade auch beim Streiten – im Nachteil.»

Wie wurde noch in der Bibel der Turmbau zu Babel verhindert? «Lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren.» Beklagen wir nicht die Verwirrung, geniessen wir die Vielfalt!