Theater
All und Alltag – Raum und Raumpflege

Das zweite Stück des deutschen Theater-Shootingstars Felicia Zeller, «Gespräche mit Astronauten», feierte in Solothurn seine Schweizer Erstaufführung.

Angelica Schorre
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Max Kraus und Florentine Krafft, Studierende der Hochschule der Künste ZHdK, überzeugten bei der Schweizer Erstaufführung in ihren Rollen. Edouard Rieben

Max Kraus und Florentine Krafft, Studierende der Hochschule der Künste ZHdK, überzeugten bei der Schweizer Erstaufführung in ihren Rollen. Edouard Rieben

Solothurner Zeitung

Gespräche mit Astronauten sind schwierig. Zumindest dann, wenn diese auf der Umlaufbahn um eigene Lebenserwartungen und – oft notgedrungen – ums eigene Ego kreisen. Und das tun die Frauen, Männer und Kinder in Felicia Zellers Schauspiel «Gespräche mit Astronauten». Die Männer zirkeln ganz konkret, übergeordneten Ideen zugewandt, dabei durchaus vernachlässigbar durch Raum und All.

Raum und All konkretisieren sich auf dem «Mutterraumschiff Erde» zu Raumpflege und Alltag: Die Raum- und Kinderpflege obliegen den Au-pairs aus Ländern wie «Rostland», «Mogelei» und «Schlamperei», die in der «Schwatz» ihr Glück suchen. Dabei haben sie nicht die Absicht, Kindergärtnerin zu werden, sondern etwa Modedesignerin oder Ingenieurin.

Die mit nervig-traurigen Kindern bedachten Karrierefrauen versuchen ihren Alltag zwischen Sitzungen, Pressekonferenzen, Muttergefühlen (am Handy: «Hier spricht dein Einschlaf-Schaf») und eben Au-pairs zu managen. Klar geraten die Erwartungen der jungen, lebenshungrigen, gerissenen und die der älteren, ziemlich frustrierten, um immer gutes Durchatmen bemühten Frauen auf Kollisionskurs. Dazwischen oder daneben: die Kinder.

Die deutsche Autorin Felicia Zeller erzählt keine Geschichte. Sie reiht Momentaufnahmen an, auf und über Momentaufnahmen, lässt dabei die Sprache von jeglichem Zügel, die so ekliptisch, kalauernd, aber sinnlich bleibend durch Au-pair-, Karriere- und Kinderwelten galoppiert. Au-pair: «Das Fenster hat ein Zimmer ... Ich fange ein neues Leben.» Karrierefrau: «Ich verlasse mich. – Hm, das muss ich überprüfen.» Oder: «Ich will alles rauslassen, die ganze Sau.» – «Mami hat jetzt Qualitätszeit und Olanka hat jetzt frei und du kommst jetzt her.» – «Im Eimer. Alles im Eimer, mein ganzes Leben, dein Leben kann sein im Eimer sein.» Mann zu Au-pair: «Hilf! Bitte, ich bitte dich, bette dich! Entschuldigung, jetzt habe ich mich versprochen. Bete dich, muss das heissen, ich bete dich an.»

Die Inszenierung lässt das Stück «Gespräche mit Astronauten» aber nicht zu einem Klamauk verkommen. Gefühle wie Ausgeliefertsein, Heimweh, Wut kommen mal leise, mal laut daher, werden aber meist, wie das ferngesteuerte Spielzeugauto zu Beginn des Stücks, brutal an die Wand gefahren.

Denn wirkliche Gespräche sind nicht möglich, nur Gespräche mit sich auf ihrer eigenen Umlaufbahn befindenden «Astronauten» – da kann man genauso gut ins Leere rufen, nach Hause zurückkehren oder Karriere machen.

Das Schauspiel – eine Schweizer Erstaufführung, das 2010 am Nationaltheater in Mannheim seine Uraufführung erlebte – wird zum grössten Teil von Studierenden der Zürcher Hochschule für Kunst gespielt und inszeniert: hervorragend und überzeugend.

«Gespräche mit Astronauten» Weitere Aufführungen: Di, 20.9., 19.30; Sa, 1.10., 19.00; Fr, 28.10., 19.30; Mi, 30.11., 19.30. Dauer: 1 Stunde 30 Minuten (ohne Pause).