Regionale Wirtschaft
Alarmstufe Rot: Kriselnder Euro frisst die Marge auf

Die exportorientierte Industrie in der Region Solothurn/Oberaargau leidet unter dem Zerfall des Euro. Eine Lohnanbindung an die europäische Gemeinschaftswährung ist jedoch kein Thema.

Franz Schaible
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Euro drückt auf die Marge

Euro drückt auf die Marge

Solothurner Zeitung

Die in der Region stark vertretene Exportindustrie muss mit einem neuen Phänomen fertig werden: Die Auftragsbücher sind dank der guten Weltkonjunktur randvoll, aber unter dem Strich bleibt immer weniger übrig.

Zum Beispiel bei der Aeschlimann AG in Lüsslingen. «Nach einem erfreulichen Start konnten wir im ersten Quartal 2010 schwarze Zahlen schreiben. Der starke Franken habe in den restlichen drei Quartalen aber alles wieder zunichtegemacht», erklärt Rudolf Rebholz, Co-Chef des Décolletagebetriebs mit rund 160 Angestellten. Im Klartext heisst das: Obwohl die Produktion auf Hochtouren läuft, schrieb das traditionsreiche Unternehmen über das ganze Jahr 2010 einen Verlust.

In Zahlen: Aeschlimann steigerte den Umsatz 2010 gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent auf 29 Millionen Franken. Auf der Ertragsseite sieht es hingegen düster aus. «Die Marge in unserem Sektor ist ohnehin sehr dünn. Wechselkursverluste von zehn und mehr Prozent liegen da gar nicht drin.»

98 Prozent geht in den Euro-Raum

Die wichtige Rolle des Wechselkurses erklärt der Präzisionsteilehersteller mit dem Exportanteil von 50 Prozent. «Und davon gehen 98 Prozent in den Euroraum.» Der starke Franken respektive der schwache Euro verteuert die Produkte und schwächt damit längerfristig auch die Konkurrenzfähigkeit. «Der Preisdruck unserer Konkurrenten aus dem Euroraum verstärkt sich zunehmend.» Nur dank der Fertigungstiefe und der hohen Qualität könnten die Kunden glücklicherweise nicht von einer Stunde zur anderen den Lieferanten wechseln.

Ebenfalls der Langenthaler Textilhersteller Création Baumann muss dem Wechselkurs Tribut zollen. «Der starke Franken macht uns zunehmend zu schaffen. Für die Textilindustrie insgesamt ist die Währungssituation dramatisch, und der Preisdruck ist gewaltig», erklärte Firmenchef Philippe Baumann kürzlich an der Bilanzmedienkonferenz (wir berichteten). Den gesamten Währungsverlust allein für 2010 beziffert er auf 2,5 bis 3 Millionen Franken.

Nachteil gegenüber der deutschen Konkurrenz

Mit einer Exportquote zwischen 90 und 95 Prozent ist auch die Bellacher Schleifmaschinenherstellerin Agathon AG den Wechselkursen ausgeliefert. Hauptmärkte seien sowohl der Euro- wie der Dollarraum inklusive Asien, erklärt Geschäftsführer Walter Pfluger. Er spricht von «einem Handicap gegenüber der deutschen Konkurrenz» und dass «die Agathon-Maschinen in Asien extrem teuer geworden sind».

Aber die Auswirkungen des starken Frankens gegenüber beiden Währungen seien dank guten Margen vorerst noch verkraftbar. So sei es gelungen, 2010 nicht nur den Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 50 Prozent zu steigern, sondern auch gleichzeitig wieder einen Gewinn zu erwirtschaften. Auch das laufende Geschäftsjahr sei gut angelaufen. Pfluger blickt aber weiter voraus. «Falls sowohl Euro- wie Dollarkurs auf dem aktuell tiefen Niveau verharren werden, dann wird die Situation für uns immer schwieriger.» Der Dollar hat gegenüber dem Franken innert Jahresfrist 27 Prozent an Wert verloren, der Euro 13 Prozent.

Löhne nicht an den Euro anbinden

Wie viele andere Unternehmen auch, versuchen die Managements der Aeschlimann AG und der Agathon AG Gegensteuer zu geben. Man kauft möglichst viele Rohstoffe, Vorprodukte und Werkzeuge im wechselkursbedingt günstigeren Euroraum ein. «Das hilft mit, die Kursverluste beim Export auszubalancieren», sagt stellvertretend Walter Pfluger.

Zudem sichere man sich gegen Währungsrisiken ab. «Aber das nützt nur bei sinkenden Kursen. Wenn sich nun der Euro auf dem heutigen Niveau stabilisiert, gibt es nichts mehr abzusichern.» «Sparen, sparen» hat sich Rudolf Rebholz zudem auf die Fahne geschrieben. «Wir versuchen alles, um die Kosten zu reduzieren. So etwa beim Strom- und Ölverbrauch. Aber einmal ist die Zitrone ausgepresst.» Im Weiteren verhandelt Aeschlimann mit den grösseren Kunden. «Wir wollen auf gütlichem Weg höhere Verkaufspreise aushandeln. Der Ausgang ist noch ungewiss.»

Eine Auslagerung der Produktion in den Euroraum sei «bislang kein Thema», sagt Agathon-Chef Pfluger, und «für uns ‹noch› keine Alternative», sagt Aeschlimann-Chef Rebholz. Keinen Applaus findet der Emmentaler Verpackungshersteller Mopac, der die Löhne aller 260 Angestellten an den Eurokurs anbinden will. Rebholz: «Man kann die Mitarbeitenden nicht wegen des Wechselkurses mit einer Lohnreduktion bestrafen.»