Auf den ersten Blick war erkennbar, dass der gestrige 1.-Mai-Umzug in Solothurn kein gewöhnlicher war. Nicht nur fiel die rekordhohe Präsenz von rund 1000 Teilnehmenden ins Auge. An der Spitze des Umzuges dominierte die Farbe blau. Denn gut 300 «Papieri»-Männer und Frauen, Freunde und Angehörige marschierten in firmenblauen Sappi-Shirts des südafrikanischen Konzerns mit, der die Schliessung der 149-jährigen Fabrik anvisiert. Auf Plakaten war ihre Botschaft klar und deutlich festgehalten: «Hände weg von unserer Papieri.»

Appell an jeden Einzelnen

Aus aktuellem Anlass hielt denn auch Hans-Ulrich Kilchhofer, Präsident der «Papieri»-Kaderkommission, nach dem Umzug eine engagierte Ansprache. Er vermied es dabei, unreflektiert Sündenböcke für die drohende Schliessung der Papierfabrik zu benennen. Vielmehr appellierte er an das Engagement jedes Einzelnen. In der Vergangenheit sei es auch in der «Papieri» mal nach oben, dann wieder nach unten gegangen. «Und um uns herum wurde die eine oder andere Fabrik geschlossen, fit getrimmt, Produktionen ausgelagert und Personal abgebaut.» Viele hätten sich nicht zu grosse Sorgen gemacht, es habe ja immer die anderen Betriebe getroffen.

Bis zum 31. März, als das Sappi-Management die Schliessung androhte. Es stelle sich nun die Frage, «haben wir im Vorfeld genug gemacht?» Zu oft habe man sich von der Politik verabschiedet, sei bei wichtigen Abstimmungen zu Hause geblieben und habe die politische Arbeit und Gewerkschaftspolitik durch andere machen lassen. «Wir müssen deshalb wieder kämpfen für den Arbeitsplatz Schweiz. Auch jene, die noch einen haben», sagte Kilchhofer. Man könne nicht nur Leistung konsumieren, man müsse auch Leistung erbringen. «Wir müssen uns alle in gewerkschaftlichen und in parteipolitischen Angelegenheiten mehr engagieren.» Und: «Wir werden weiter für den Erhalt der ‹Papieri› kämpfen – bis zum Schluss.»

«Wir haben grossen Respekt»

Volle Unterstützung erhielt die Belegschaft in den weiteren Ansprachen von Markus Baumann, Präsident des Gewerkschaftsbund Kanton Solothurn und Franziska Roth, Kantonsrätin und Vizepräsidentin SP Kanton Solothurn. «Wir haben grossen Respekt vor dem Engagement, welches ihr an den Tag legt», sagte Baumann. Es gelte, die Kräfte zu bündeln und um jeden Arbeitsplatz, die Würde sowie die Fabrik zu kämpfen. Sie hätten ein Vorzeigewerk aufgebaut, effizient und umweltgerecht, worauf sie stolz sein könnten. «Kämpft entschlossen weiter, denn es ist Eure ‹Papieri›.»

Roth wies zudem auf «gesundheitliche Probleme der Schweiz» hin. Sie sprach dabei unter anderem die Arbeitsarmut an. «130000 Menschen leben in der Schweiz, die einen Vollzeitjob machen und trotzdem nicht genügend Geld verdienen, um davon leben zu können.» Und unter der Armutsgrenze lebten sogar 380000 Menschen. So dürfe es nicht weitergehen. «Die Schweiz kann und muss es sich leisten, keine Armut zu haben. Mit Mindestlöhnen und einer guten Bildung für alle kann dieser Armuts-Virus vernichtet werden.»