Tessin
Zu Gast in der Regenstube der Schweiz

Hochwasser und Hangrutsche haben vier Menschen das Leben gekostet – ein Augenschein in der verregneten «Sonnenstube»

Gerhard Lob, Lugano/Locarno
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Felder glänzen wie Spiegel: Die Wassermassen des Lago Maggiore haben sich bis in die Magadino-Ebene ergossen. Gabriele Putzu/Keystone

Felder glänzen wie Spiegel: Die Wassermassen des Lago Maggiore haben sich bis in die Magadino-Ebene ergossen. Gabriele Putzu/Keystone

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Es regnete wieder einmal in Strömen gestern. Doch für die beiden Zivilschützer gibt es kein Erbarmen. Sie stehen vor den Gittern, die die Hauptstrasse von Lugano nach Davesco versperren. «Wir dürfen keinen durchlassen», sagen die beiden Männer, während die Tropfen lautstark auf ihre Gummimäntel prasseln. In der Nähe rauscht der Cassarate vorbei, normalerweise ein beschaulicher Bach, jetzt aber ein Fluss mit weiss-schäumenden Wassermassen.

Die Absperrung befindet sich am Fusse der Via Ponte di Valle, nur wenige hundert Meter von der Stelle entfernt, in der in der Nacht auf Sonntag ein Hangrutsch ein ganzes Mehrfamilienhaus dem Boden gleichgemacht hat. Zwei junge Mütter im Alter von 34 und 38 Jahren starben, der 44-jährige Lebensgefährte einer der beiden Frauen schwebt noch in Lebensgefahr. Er wurde von Spürhunden in der fatalen Nacht unter Trümmern gefunden.

«Es ist einfach eine Tragödie», sagt die Serviertochter des «Canvetto Ponte di Valle», einem Restaurant, das just am Taleingang steht. Mitbekommen hat man hier nichts. Denn der Hangrutsch ereignete sich gegen 2.30 Uhr morgens. Da war das Lokal geschlossen, am Sonntag öffnete man erst am Nachmittag. «Wir haben alles auch nur in der Zeitung gelesen oder am Fernsehen gesehen.»

Warum war das Haus bewohnt?

Noch immer wird über den genauen Hergang des Unglücks gerätselt. Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet. Denn das Wohnhaus stand allein in einer Gewerbezone mit mehreren Betrieben. «Eigentlich hätten dort nur Personen leben können, die als Abwart oder für einen Sicherungsdienst tätig sind», sagt Luganos Stadtpräsident Marco Borradori. Warum also war das Haus normal bewohnt?

Viele Fragen sind offen. Und deshalb kamen gestern nur Sachverständige und Geologen an die Unglücksstelle. Wegen der Spurensicherung und des anhaltenden Regens hat man noch nicht einmal damit begonnen, Schlamm und Geröll von der Strasse zu räumen. Bergseitig kann man bis zu einer Halle vordringen, deren nachgebende Stützmauer offenbar die Kettenreaktion mitsamt Erdrutsch ausgelöst hat. Hier versperren Polizeibänder den Weg, auch bei nahe gelegenen Villen, die bedrohlich nahe über dem steil abfallenden Talhang thronen.

Noch steht man im Tessin unter Schock, insbesondere weil es sich um das zweite dramatische Ereignis innert weniger Tage handelte. Im Malcantone war eine 30-jährige Mutter mit ihrer dreijährigen Tochter gestorben, als ein Hangrutsch deren Wohnhaus mitriss. Die Natur, so scheint es, ist ausser Rand und Band geraten. Dabei schienen Naturereignisse dieser Art mit Toten einer vergangenen Epoche anzugehören.

«Der Herr muss für Licht sorgen»

Im «Canvetto Ponte di Valle» studieren einige Gäste die Todesanzeigen der beiden jungen Frauen, die bereits in den Tessiner Tageszeitungen erschienen sind. Morgen werden sie in Lugano bestattet, eine nach der anderen. Angesichts dieser Schicksale hat auch der Bischof von Lugano, Valerio Lazzeri, grosse Mühe, die richtigen Worte zu finden. Im «Giornale del Popolo», der Tageszeitung der Diözese, spricht er vom «Herrn, der nun im Stillen seiner Präsenz für Licht und Wärme sorgen muss».

Vom nass-feuchten Lugano fahren wir derweil nach Locarno, wo die Unwetter und anhaltenden Regenfälle eine zweite Front kennen: das Hochwasser. Der Lago Maggiore ist schon vor Tagen über die Ufer getreten. Die Wassermassen haben sich weit in die Magadino-Ebene ergossen. Ganze Felder glänzen wie Spiegel. Vor dem Hangar des Flugplatzes Magadino hat sich ein eigener See gebildet.

Die Situation ist ungemütlich, aber nicht bedrohlich. Der ansteigende Wasserpegel des Lago Maggiore ist nicht mit wild gewordenen Bergbächen oder Hangmoränen vergleichbar. «Es handelt sich um eine friedliche Invasion», meint Pippo Gianoni, der im Quartiere nuovo von Locarno in einem direkt an der Seefront gelegenen Haus für eine ökologische Beratungsfirma tätig ist. «Es sind eher kleine Probleme», fügt er an und verheimlicht nicht, dass er dem Schauspiel sogar etwas Schönes abgewinnen kann.

Nicht in Panik verfallen

In diesem Quartier reicht der See rund drei Blocks landeinwärts. Aber die Bewohner tragen es mit Fassung. «Wir kennen das von den Jahren 1993 und 2000, als es wesentlich schlimmer war», sagt ein älterer Herr, der seinen Kehrichtsack
zu einer Sammelstelle bringt. Heizung und Kanalisation funktionierten; das sei wichtig.

«Das Schlimmste müsste vorbei sein», sagt ein Schüler, der sich auf dem Heimweg befindet. Tatsächlich sollte es ab heute erst einmal trocken bleiben, auch wenn die Pegel des Lago Maggiore und des Lago di Lugano noch einige Zentimeter ansteigen könnten.

Schaut man sich in der Innenstadt von Locarno um, kann von Panikstimmung keine Rede sein. Zwar haben eine Reihe von Geschäften und Banken vorsorglich Schutzplatten installiert, um gegen Hochwasser gewappnet zu sein. Doch niemand rechnet noch ernsthaft damit, dass das Wasser bis hierhin kommen wird. In Kaffeehäusern schlürfen Pärchen unter Heizstrahlern ihren Cappuccino. Und auf der Piazza Grande wird die grosse Schlittschuhbahn für die Weihnachtszeit aufgebaut. Das Leben geht weiter – allen Unglücken zum Trotz.