TV-Auftritt

Wieso verhinderten die Kommunikationsprofis von Schneider-Ammann diese Rede nicht?

Bundespräsident Schneider-Ammann spricht übers Lachen – und amüsiert die ganze Schweiz.

Bundespräsident Schneider-Ammann spricht übers Lachen – und amüsiert die ganze Schweiz.

Dass sich sogar Amerikaner über Johann Schneider-Ammann lustig machen, wirft auch ein schlechtes Licht auf dessen Kommunikationsstab. Dieser schweigt eisern.

«Rire, c’est bon pour la santé.» Lachen sei gut für die Gesundheit, sagte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann in einer Fernsehansprache am Sonntag – und brachte unfreiwillig viele Menschen zum Lachen.

Johann Schneider-Ammann spricht am Westschweizer Fernsehen zum Tag der Kranken 2016.

Johann Schneider-Ammann spricht am Westschweizer Fernsehen zum Tag der Kranken 2016.

Seit vier Tagen zirkuliert seine Fernsehrede zum Tag der Kranken auf allen Kanälen. Über französische und belgische Satire-Sendungen hat es Schneider-Ammann gestern bis aufs Online-Portal der amerikanischen Zeitung «Washington Post» geschafft: Die Rede des «Swiss President» sei «awkwardly solemn» – eigenartig ernst.

Vier Minuten lang über Lachen und Heiterkeit reden, ohne dabei eine Gemütsregung zuzulassen und ohne die Stimmlage je zu verändern, ist tatsächlich gar nicht so einfach. Nicht einmal erfahrenen Komikern gelang es, den Bundespräsidenten zu imitieren.

Der Super-GAU

Doch der neue Ruhm ist zweifelhaft. «Peinlich» gehört noch zu den netteren Attributen, mit welchem das «Français Fédéral»taxiert wurde. 

Publizist Peter Rothenbühler nahm gegenüber «20 Minuten» kein Blatt vor den Mund: Er bezeichnete die Rede als Super-GAU. «Mit seinem Auftritt hat er das Klischee des leicht debilen Deutschschweizer Trottels, der keinen Humor hat und nicht reden kann, zementiert», sagte er. Es sei unverständlich, wieso keiner der vielen Informationsprofis den Bundespräsidenten davor bewahrt hatte, in eine solche Falle zu tappen. Rothenbühler: «Man müsste sämtliche Kommunikationsberater von Johann Schneider-Ammann fristlos entlassen.»

Die Pflicht des Präsidenten

Nun wäre es übertrieben, wegen eines Videos gleich eine Staatsaffäre herbeizureden. Doch dem Bundespräsidenten kommt in der Schweiz eine einzige wichtige Funktion zu: Er repräsentiert das Land gegen aussen, er ist unser Aushängeschild. Wie kann es also passieren, dass ein derart unglücklich produziertes Video überhaupt an die Öffentlichkeit gelangt?

Zunächst gehört es laut Bundesratssprecher André Simonazzi zur Tradition, dass der Bundespräsident neben der Neujahrs- und der 1. August-Ansprache auch jedes Jahr eine Rede zum Tag der Kranken gibt.

PR-Profi zum TV-Auftritt von Schneider-Ammann

PR-Profi zum TV-Auftritt von Schneider-Ammann

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Das Manuskript wird in der Regel vom Kommunikationsstab des Departements verfasst. Der Bundespräsident schaut sich den Text an, korrigiert womöglich einzelne Sätze und übt die Rede ein, bevor sie im Berner Fernsehstudio der SRG aufgezeichnet wird. Verhaspelt sich der Redner oder unterläuft ihm ein Fehler, wird die Aufnahme wiederholt.

Ohne Schadensbegrenzung

So sieht der Ablauf von bundesrätlichen Fernsehansprachen normalerweise aus. In Schneider-Ammanns Fall stellt sich die Frage, wieso niemand eingriff. Ist weder das holprige Französisch noch die Diskrepanz zwischen Gesagtem und der Mimik irgendjemandem aufgefallen?

Kommunikationschef Noé Blancpain will sich zum Auftritt seines Chefs nicht äussern. Der gesamte Beratungsstab schweigt und sitzt die Geschichte aus. Ob er damit Schneider-Ammann einen Gefallen tut, ist fraglich.

Natürlich gäbe es Erklärungen, wieso die Rede derart fehlschlug. Stand Schneider-Ammann unter Zeitdruck oder hatte er schlicht einen schlechten Tag? Vielleicht ist aber einfach dem Kommunikationsstab ein Fehler unterlaufen.

Drei Sprecher in fünf Jahren

Ohne Antworten wird das Image bestärkt, das Schneider-Ammann seit seinem Amtsantritt anhaftet: Er sei ein schlechter Kommunikator. Tatsächlich hat sich an den langen, verschachtelten Sätzen und der umständlichen Wortwahl nicht viel verändert – obwohl er seit seiner Wahl in den Bundesrat 2010 bereits zwei Mal seinen Informationschef ausgewechselt hat.

Den ersten Sprecher, Christophe Hans, hat Schneider-Ammann von Vorgängerin Doris Leuthard geerbt. Hans galt als dynamisch, räumte seinen Platz aber nicht einmal ein Jahr später. Schneider-Ammann holte dann Ruedi Christen in seinen Stab. Ihn kannte er vom Industrieverband Swissmem. Nach nur drei Jahren zog sich auch Christen zurück. Seither ist Noé Blancpain am Drücker, ein 35-jähriger Freisinniger, der in der Partei eine steile Karriere zurücklegte: 2009 begann er als FDP-Pressesprecher, ein Jahr später war er Kommunikationschef. 2012 machte ihn Schneider-Ammann zum persönlichen Mitarbeiter und 2014 zum Informationschef.

Auf Kosten anderer lachen

Irgendwie will es auch Blancpain nicht gelingen, die sympathische, bodenständige Art, die Schneider-Ammann eigen ist, in die Öffentlichkeit zu übertragen. Dass der Bundespräsident sich falsch verstanden fühlt und auch darunter leidet, ist zumindest zu befürchten. In seiner Rede sagt er nämlich: «Ein Lachen auf Kosten anderer, ist kein gutes Lachen.»

Ganz so, als hätte er das ganze Theater vorhergesehen.

Autor

Anna Wanner

Anna Wanner

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