Zürich

Wie viel Party verträgt der See?

Ein See für Touristen oder für Einheimische? Dass sich die Nutzung stark an den Wünschen von Gästen orientieren soll, stösst auf Widerstand. (Bild: Zürich Tourismus)

See

Ein See für Touristen oder für Einheimische? Dass sich die Nutzung stark an den Wünschen von Gästen orientieren soll, stösst auf Widerstand. (Bild: Zürich Tourismus)

Im Frühling schickten Stadt und Kanton ihr «Leitbild Zürcher Seebecken» in die Vernehmlassung, bis nach den Herbstferien sollte die endgültige Fassung verabschiedet werden. Ganz so weit ist es noch nicht.

Martin Reichlin

«Der Regierungsrat entscheidet voraussichtlich Ende Monat», sagt Dominik Bonderer, Sprecher der kantonalen Baudirektion, auf die Frage, wie weit das «Leitbild Zürcher Seebecken» mittlerweile gediehen sei. Und auch bei der Stadt lautet die Antwort: «Das Leitbild war noch nicht im Stadtrat». Doch, so Urs Spinner vom Hochbaudepartement: «Die Arbeiten daran sind praktisch abgeschlossen. In den nächsten zwei bis drei Wochen wird über das Leitbild beraten.»

Schwerpunkte im Leitbild

Im Frühling hatten Regierungsrat Markus Kägi und Stadträtin Kathrin Martelli gemeinsam das «Leitbild Seebecken» vorgestellt. Darin wird definiert, wie der begehrte Uferbereich weiterentwickelt sowie die unterschiedlichen Nutzungen entflochten und besser verteilt werden können. Laut dem «Zielbild» soll das Seebecken im Jahr 2030 einen zentralen Beitrag zur Lebensqualität Zürichs leisten, öffentlich zugänglich sein, eine hohe Erlebnisvielfalt zur Verfügung stellen, als Frei- und Naherholungsraum sowie als kulturelles Erbe von herausragender Bedeutung fungieren und sowohl Trinkwasserquelle für Zürich als auch Standort von qualitativ hochstehenden Bauten und Anlagen sein.

Vier Gebiete mit Entwicklungspotential wurden im Leitbild definiert. Einmal soll der Raum von Bürkliplatz bis Quaibrücke aufgewertet werden. Dazu sollen die Schifflände neu und die Verbindung zur Bahnhofstrasse attraktiver gestaltet werden. Weiter gilt der Hafen Enge nach wie vor als potenzieller Standort für ein neues Kongresshaus. Ausserdem sollen dort die überirdischen Parkplätze im Zuge des kürzlich vorgestellten Neubauprojektes der Swiss Re durch ein unterirdisches Parkdeck ersetzt und das gastronomische Angebot überprüft werden.

In Wollishofen steht der Kies-Umschlagplatz der Kibag im Zentrum der Planung. Dort sollen dereinst Wohnungen, Arbeitsplätze und Restaurants entstehen. Auf der gegenüberliegenden Seeseite schliesslich, mit einer neuen Schiffsverbindung erreichbar, soll beim Tiefenbrunnen ein neues Wassersportzentrum mit Hafenanlage gebaut werden. Die Machbarkeit dieser Marina wird in einer vor rund zwei Wochen vorgestellten Studie bestätigt.

Breite Zustimmung, Kritik im Detail

Während sich also Stadt und Kanton Zürich erst im Verlaufe des Herbstes wieder zum Leitbild äussern wollen, veröffentlichten verschiedene Parteien und Quartiervereine ihre Stellungnahmen. «Ich bin freudig überrascht vom Resultat», sagte Margrith Göldi von der kantonalen Abteilung für Wasserbau nach Abschluss der Vernehmlassung im «Tages-Anzeiger». In den 50 eingegangen Antworten sei das Leitbild von niemandem grundsätzlich abgelehnt worden. «Am meisten zu reden gaben die Veranstaltungen entlang des Seebeckens, die Verkehrssituation und die Ökologie in diesem Freiraum.» Die Mehrheit der Befragten sei aber wie Stadt und Kanton der Meinung, dass die Obergrenze für Events rund ums Seebecken erreicht sei. Ebenso werde akzeptiert, dass das Seeufer Fussgängern und Velofahrern zu Verfügung stehen soll und die Zahl der Parkplätze beschränkt wird.

Kritik am Leitbild findet sich allerdings beim Studium einzelner Vernehmlassungsantworten. So stösst die Betonung der touristischen Attraktivität nicht überall auf Sympathie. Der Quartierverein Riesbach beispielsweise akzeptiert zwar die überregionale Bedeutung der Uferanlagen und begrüsst die Idee der Marina Tiefenbrunnen, fordert aber ein Mitspracherecht bei den Veranstaltungen. Die Grüne Partei Zürich fordert anstatt «hoher Erlebnisvielfalt» mehr Qualität und der Quartierverein Wollishofen betont, dass über 10 Prozent der Zürcher Bevölkerung rund um das Seebecken lebt. Ihre Bedürfnisse sollten immer oberstes Kriterium bleiben. Auf Ablehnung stösst schliesslich die Mischnutzung auf dem Kibag-Areal.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1