Schweiz

Wie der Bund seine Leute beim 400-Millionen-Bau im Regen stehen liess

Das Notdach vor dem Verwaltungszentrum des Bundes am Berner Guisanplatz. Beim 400-Millionen-Bau vergassen die Verantwortlichen, dass die Sicherheitsleute ein Dach über dem Kopf brauchen. Links die Drehschleuse fürs Personal. Das Stahltor (rechts sichtbar) war zum Zeitpunkt der Aufnahme defekt.

Das Notdach vor dem Verwaltungszentrum des Bundes am Berner Guisanplatz. Beim 400-Millionen-Bau vergassen die Verantwortlichen, dass die Sicherheitsleute ein Dach über dem Kopf brauchen. Links die Drehschleuse fürs Personal. Das Stahltor (rechts sichtbar) war zum Zeitpunkt der Aufnahme defekt.

Bundesanwalt und Bundespolizei forderten und bekamen höchste Sicherheit bei ihrem neuen Verwaltungsgebäude. Dumm nur, dass dabei etwas Wesentliches vergessen ging.

«Für eine Baukultur von hoher Qualität», warb am Freitag der Innenminister Alain Berset (SP) an einer internationalen Konferenz über Architekturwettbewerbe in Paris. Er frage sich, ob die Leute nicht manchmal Probleme mit ihrem alltäglichen Lebensraum hätten.

Das trifft sich gut. Bersets Sorgen lassen sich an einem Beispiel aus dem Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) illustrieren, das im Finanzdepartement von Bersets Kollegen Ueli Maurer (SVP) beheimatet ist.

Neubauten für 400 Millionen

Zuerst ist eine Rückblende nötig. Im Mai dieses Jahres wurde das neue Verwaltungsgebäude am Berner Guisanplatz der Öffentlichkeit präsentiert. Bundespräsident Ueli Maurer war dort und Pierre Broye, der Direktor des für den Bau zuständigen Bundesamtes BBL. Vor Ort waren auch die Chefs der vier Behörden, die in die neuen Gebäude einzogen: Unter ihnen Bundesanwalt Michael Lauber und Nicoletta della Valle, Direktorin des Bundesamts für Polizei (Fedpol).

Die Herrschaften waren zufrieden. Für Kosten von um die 400 Millionen Franken waren auf dem ehemaligen Militärareal beim Berner Wankdorf-Stadion über 3000 schöne neue Arbeitsplätze in einer Art Hochsicherheitstrakt entstanden.

Monumentales Gestell

Jetzt, fast fünf Monate später, bietet sich Besuchern allerdings ein eigenartiges Bild vor den nigelnagelneuen Millionenbauten. Ein zwei Stockwerke hohes Baugerüst bildet eine Art schräge Brücke über die etwa zehn Meter breite Zufahrt zum Gelände. Das Gerüst ist überdeckt mit einer Plastikplane.

Schön sieht das Ganze nicht aus, und unter Baukultur von hoher Qualität wird sich Berset etwas anderes vorstellen.

Der Zweck dieses monumentalen Gestells wird relativ schnell klar. Denn unter dem Gerüst stehen die Sicherheitsleute des Bundes, die den Eingang zum Areal bewachen müssen. Ihre Aufgabe ist, die temporären Ausweise der Besucher sowie Fahrzeuge zu kontrollieren, die passieren wollen. Zu allem Überfluss war zumindest letzte Woche auch noch das Stahltor defekt. Das Plastikdach soll den Sicherheitsleute etwas Schutz geben, aber bei Wind, Regen und nasskaltes Wetter hilft es wenig bis nichts.

«Offener und freundlicher Charakter»

Eine Abklärung ergibt: Das Gestell wurde aus der Not geboren. Die Planer des 400-Millionen-Baus hatten vergessen, den Sicherheitsleuten ein Dach über Kopf und einen Unterstand zu bauen.

Interessant ist der Hintergrund der Fehlplanung. Die Verwaltungsgebäude am Guisanplatz bilden eine Art Hochsicherheitstrakt, aber das war nicht immer so geplant. Ursprünglich sollte das Areal für das Publikum zugänglich sein, das Bundesamt BBL war sogar stolz darauf. «Das Areal soll grundsätzlich einen offenen und freundlichen Charakter aufweisen», schrieb das BBL 2009 in den Unterlagen zum Projektwettbewerb.

Bundesanwalt Lauber wollte Passanten weghaben

Wie es dazu kam, dass das Areal jetzt durch Zäune und Sicherheitstüren abgeriegelt ist, steht in einem Prüfbericht der eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) aus dem Jahr 2017: «Durch verschiedene Terroranschläge in Europa hat sich die Bedrohungslage in den letzten Jahren für die Mitarbeitenden der Bundesanwaltschaft (BA) und des Bundesamtes für Polizei (fedpol) verändert. Die beiden Nutzerorganisationen sind aus Sicherheitsgründen zum Prüfungszeitpunkt nicht bereit, in das für sie vorgesehene Gebäude einzuziehen, falls das Areal tagsüber für Passanten zugänglich ist Im Frühjahr 2017 wurde ihr Projektänderungsantrag für ein geschlossenes Areal vom BBL entgegengenommen.»

Das Duo Lauber und della Valle drängte also auf Sicherheit. Was nicht wirklich überrascht, war doch Lauber zuletzt immer mit Personenschutz unterwegs, wenn er ins Bundeshaus ging. Angeblich war es della Valle, die ihm diesen Personenschutz nahelegte.

Wachhäuschen ging vergessen

Sicherheitsschleusen und Stahltore wurden jedenfalls montiert, aber das Wachhäuschen fürs Personal ging vergessen. So wurde irgendwann das Notdach montiert. Immerhin sei jetzt Abhilfe unterwegs, heisst es vor Ort, es sei etwas in Planung. Ein Problem dabei: Der Platz sei knapp, Lastwagen müssten passieren können, bauliche Massnahmen seien daher nur begrenzt möglich.

Da drängten sich einige Fragen an das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) auf: Was ist da schief gelaufen? Wie wird das Problem gelöst, und welche Kosten verursacht die Fehlplanung?

Die Antwort des Bundesamts

Sechs Tage später kam die Antwort. Sie bestand aus zwei Sätzen: «Tatsächlich handelt es sich aktuell um ein provisorisches Dach. Eine dauerhafte Lösung wurde als Projekt beauftragt.»

Auf die schriftliche Nachfrage, ob das schon die ganze Antwort war, reagierte das Amt nicht mehr.

Wie sagte doch Alain Berset in seinem Pariser Appell für eine Qualitätskultur beim Bauen: «Wir müssen auch den Menschen und seinen Bedürfnissen Rechnung tragen.»

Ewig Zeit hat das BBL übrigens nicht mit seinem Projekt. Das Notdach ist nicht wintertauglich, heisst es, weil das Dach nicht vom Schnee befreit werden kann.

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