Empfangen wurde Scheel, der gemeinsam mit seinem Aussenminister Hans-Dietrich Genscher anreiste, im September 1977 vom Schweizer Bundespräsidenten Kurt Furgler (CVP). Beim offiziellen Empfang in der geschmückten Wandelhalle des Bundeshauses kam es zu einer kleinen Skurrilität, als dem deutschen Gast ein Papier ausgehändigt wird, wie Fotos aus dem Keystone-SDA-Bildarchiv zeigen.

Scheel nahm das Papier entgegen und hielt es - leicht irritiert - einige Momente in seinen Händen. Als Furgler sich jedoch kurz abwandte, fand Scheel eine Lösung aus seiner misslichen Lage: Er liess das unwillkommene Papier kurzerhand und mit verschmitztem Lächeln unter seinem Schenkel verschwinden.

Hitparadenstürmer Scheel

Walter Scheel hatte sich die deutschen Herzen Ende 1973 zunächst als Sänger erobert: Damals Aussenminister gab er in einer ZDF-Show das Lied "Hoch auf dem gelben Wagen" zum Besten. Knapp einen Monat später war seine Version des Volksliedes in der Hitparade.

Mit dem Erlös unterstützte Scheel die "Aktion Sorgenkind", heute "Aktion Mensch". Einige Monate später wurde er zuerst zum Bundeskanzler, kurz darauf zum vierten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Den Posten hielt er von 1974 bis 1979.

In Erinnerung bleibt der 1919 in Solingen geborene FDP-Politiker nicht nur mit seinem Auftritt auf der Show-Bühne sondern auch auf der politischen: Von 1961 bis 1966 war er Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, ab 1969 Aussenminister.

Als Aussenminister wie auch als Bundespräsident setzte er sich für die Ostpolitik ein. Scheel habe mit seiner Entspannungspolitik den Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands 20 Jahre später geebnet, sagte der damalige deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier, als Scheel am 26. August 2016 im Alter von 97 Jahren im baden-württembergischen Bad Krozingen starb.

Schwierige Zeit für BRD

Der Besuch 1977 in der Schweiz fiel in eine für die Bundesrepublik angespannte Zeit: Am 5. September entführte die Rote Armee Fraktion RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, es war der Auftakt zum "Deutschen Herbst".

Der Besuch habe in den "schweizerischen Massenmedien ein breites Echo ausgelöst", schrieb der Informations- und Pressedienst des eidgenössischen politischen Departements am 29. September 1977 zum Staatsbesuch.

Zitiert wurde Peter Studer, der im "Tages-Anzeiger" kommentierte: "Normalität sollte demonstriert werden; doch gerade sie wurde von den Scharen ziviler und uniformierter Leibwächter aus zwei Nationen überdeckt. Auf Dächern lauerten sie, an Autobahnausfahrten kauerten sie, in Pressekonferenzen besetzten sie die Stuhlreihen."

Andere hoben die rheinische Frohnatur des FDP-Bundespräsidenten aus Nordrhein-Westfalen hervor. Er sei "die Gelassenheit in Person", schrieb der Schaffhauser FDP-Nationalrat Ernst Waldvogel in den "Schaffhauser Nachrichten".