Impfzertifikat
Werden 2021 nur noch Geimpfte Konzerte und Fussballspiele besuchen dürfen?

Zurück in ein möglichst normales Leben: Das erhoffen sich viele von der Corona-Impfung. Doch was passiert, wenn sich nicht alle impfen lassen: Darf es Veranstaltungen nur für Geimpfte geben? Noch fehlen hier klar Regeln. Politiker fordern eine rasche Lösung.

Lucien Fluri
Merken
Drucken
Teilen
Wann werden solche Bilder wieder möglich sein? Der Impfstoff weckt Hoffnungen, bald wieder zu feiern wie hier 2019 am "Heitere Open Air" in Zofingen.

Wann werden solche Bilder wieder möglich sein? Der Impfstoff weckt Hoffnungen, bald wieder zu feiern wie hier 2019 am "Heitere Open Air" in Zofingen.

André Albrecht

Dieses Thema wird die Schweizer Politik in den nächsten Monaten nicht loslassen: Was passiert, wenn nur ein Teil der Bevölkerung geimpft wird: Wird es dann möglich sein, Grossveranstaltungen nur für Geimpfte durchzuführen?

Es klingt verlockend: Statt Geisterspiele gäbe es wieder Fans im Stadion. Statt des gestreamten Konzertes würden Bands live für Stimmung sorgen. Das Thema ist allerdings heikel: Der Widerstand gegen die Impfung ist in einigen Bevölkerungskreisen gross. Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass dereinst nur Geimpfte an Veranstaltungen dürfen. «Eine Impfung könnte dereinst eine von verschiedenen Massnahmen sein, um eine Veranstaltung zu besuchen», sagte der Branchenverband der Schweizer Konzertveranstalter im «Sonntags-Blick».

Klar ist: Der Bundesrat hat mehrfach bekräftigt, dass es keinen Impfzwang geben wird. Dagegen wäre es privaten Veranstaltern aber erlaubt, nur Geimpfte an Grossveranstaltungen zuzulassen. Dies erklärt das Bundesamt für Justiz auf Anfrage.

Es ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen, geimpfte und nicht geimpfte Personen rechtlich anders zu behandeln»,

sagt Mediensprecherin Ingrid Ryser. Solange es keine anderen Regeln gebe, «hat jede und jeder die Freiheit zu entscheiden, mit wem man einen Vertrag abschliessen will». Allerdings ist die Situation dann doch nicht so eindeutig. «Zu beachten sind in jedem Fall die datenschutzrechtlichen Grundsätze. Es geht hier um Gesundheitsdaten, die besonders geschützt sind und nicht ohne Weiteres herausverlangt werden dürfen», so Ryser weiter.

Die Chance, "in ein einigermassen normales Leben zurückzukommen"

Druck, eine Lösung zu finden, kommt aus der Politik. Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel schlägt eine Art Immunitätsausweis vor. Wer sich impfen liess oder allenfalls nach einer Covid-Erkrankung immun ist, könnte dann das Dokument vorweisen und hätte einen erleichterten Zugang zu Veranstaltungen. «Mir geht es darum, zu überlegen, wie wir im nächsten Jahr wieder in ein einigermassen normales Leben zurückkommen mit sportlichen und kulturellen Grossveranstaltungen», sagt Humbel. Aus ihrer Sicht wäre es den Veranstaltern überlassen, ein solches Immunitätszertifikat ins Schutzkonzept aufzunehmen. Humbel betont: Sie wolle keinen Impfzwang. Und es kämen auch andere Lösungen infrage, etwa Schnelltests an Veranstaltungen.

Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin.

Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin.

CH Media
Meines Erachtens müssen wir einfach alles unternehmen, um nicht in einen dritten Lockdown zu kommen.

Die Frage dahinter ist: Besteht die Gefahr, dass jemand diskriminiert wird, nur weil er sich nicht impfen lässt? Würde indirekt Druck ausgeübt, sich impfen zu lassen? Humbel sieht zwar das Argument. Andererseits sagt sie auch: Die Freiheit all derer, die sich impfen liessen, dürfe nicht mehr als nötig eingeschränkt werden. Gebe es die Möglichkeit, sich impfen zu lassen, so seien «weitreichende Freiheitsbeschränkungen nicht mehr verhältnismässig».

Datenschützer fordert klare Regelung

Bereits einmal ist ein vergleichbarer Versuch an zu viel Freiwilligkeit gescheitert: Bei der Covid-App. Diese durfte in Clubs nicht zur Pflicht erklärt werden; auch weil niemand diskriminiert werden sollte. Humbel ist überzeugt, dass die App das Contact-Tracing einerseits massiv hätte entlasten – und der Bevölkerung gleichzeitig etwas mehr Freiheit erlauben können.«So bleibt diese App vor allem eine verpasste Chance, die Ausbreitung des Virus besser in den Griff zu bekommen», sagt die CVP-Politikerin.

Klare Regeln fordert auch Adrian Lobsiger, der Eidgenössische Datenschützer. Ihm ist der drohende Graubereich ein Dorn im Auge. «Die Bürger dürfen nicht einer Beschaffung und Bearbeitung von Gesundheitsdaten durch andere Bürger ausgesetzt werden. Ohne gesetzliche Vorgaben geht das nicht!», sagte Lobsiger gegenüber dem «Blick». Seuchenbekämpfung sei Aufgabe des Staates und nicht privater Unternehmen. Es brauche einen politischen Entscheid. «Es wäre blöd, wenn der Staat jetzt nichts macht und die privaten Unternehmen ganz unterschiedliche Regelungen aufstellen.»

Andere Länder, viel strengere Regeln

Einen Knackpunkt hat die Diskussion noch: Stand heute ist nicht definitiv gesichert, dass Geimpfte das Virus nicht doch weiterübertragen könnten. Wäre dies der Fall, so würde sich die Diskussion erübrigen. Es sei deshalb noch zu früh, um über Regeln nachzudenken, sagt Ingrid Ryser vom Bundesamt für Justiz. «Ob die Impfung verhindern kann, dass Geimpfte das Virus weitergeben können oder nicht, ändert auch die rechtliche Beurteilung.»

So oder so: Sanfter Druck wird wohl aus dem Ausland kommen. Es dürfte Staaten geben, die Touristen nur geimpft ins Land lassen. In Spanien wird gar diskutiert, Impfverweigerer in einem Register festzuhalten. In Israel wurde in Aussicht gestellt, dass möglicherweise nur Geimpfte Restaurants besuchen dürfen.