Cybercrime

Wenn Pädophile mit der Polizei chatten

Polizist der Internet-Polizei Kobik bei der Arbeit. Aufgenommen am 11. Januar 2011 in Bern. chris Iseli

Polizist der Internet-Polizei Kobik bei der Arbeit. Aufgenommen am 11. Januar 2011 in Bern. chris Iseli

Internet-Fahnder suchen vom Schreibtisch aus in Bern nach Verbrechern. Täter chatten deshalb oftmals mit Polizisten.

Ein schummriges Büro, viele Akten und auf jedem Schreibtisch drei Bildschirme. Hier wird aber keine Verwaltungsarbeit gemacht, hier wird im Internet nach Betrügern und Verbrechern gesucht. Der Ermittler loggt sich ein und beginnt mit Kindern zu chatten – auf der Suche nach Pädophilen, die sich häufig hier ihre Opfer suchen. «Jeder soll wissen, dass wenn er in solchen Chatrooms mit Kindern anbandelt, auf der anderen Seite ein Polizist oder jemand von Kobik sitzen kann», sagt Thomas Walther von Kobik. Die Abkürzung steht für die Koordinationsstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität, die bei der Bundeskriminalpolizei beim Bundesamt für Polizei angesiedelt ist. Finanziert werden die zehn Vollzeitstellen zu zwei Dritteln von den Kantonen, zu einem Drittel vom Bund. Hier arbeiten Polizisten, Juristen, Kriminologen, Philosophen, Lehrer, Elektromechaniker, die sich in den Themen Kinderschutz oder Internet spezialisiert haben. Denn: Eine Ausbildung zum Internetfahnder gibt es noch nicht.

Software, die Netzwerke überwacht

Die Mitarbeiter nehmen Meldungen von verdächtigen Inhalten entgegen, prüfen und sichern Beweismaterial. Meldungen machen kann jeder, mit Name oder anonym. 2009 waren es über 7500 Verdachtsmeldungen und die Zahl der Meldungen steigt jedes Jahr weiter. Die Fahnder durchforsten auch aktiv das Internet, das zunehmend Tummelplatz für Kriminelle ist. Häufigste Probleme sind Pornografie und Pädophilie, aber auch Spam, Betrügereien und Wirtschaftsdelikte. Wichtige Hilfe ist dabei eine Software, die wie ein Radar Netzwerke überwacht und bei Verdächtigem Alarm schlägt. «So erkennen wir schnell jemanden, der vorsätzlich nach strafbaren Inhalten sucht – und zum Beispiel manchmal innerhalb von wenigen Tagen Tausende von Bildern mit kinderpornografischem Inhalt herunterlädt», sagt Tobias Bolliger, Mitarbeiter bei Kobik. Hauptsorge sind bei den Fachleuten die praktisch unkontrollierbar schnelle Verbreitung von verbotenen Inhalten und die vielen Möglichkeiten, sich anonym im Internet zu bewegen.

Mehr Aufträge von Kantonen

Kobik hat dank einer Vereinbarung mit dem Kanton Schwyz die Genehmigung für die präventiv verdeckte Ermittlung. Nicht so die Kantone: Seit dem 1. Januar 2011 dürfen die meisten Kantonspolizisten nicht mehr präventiv verdeckt und ohne Verdachtsmoment im Internet gegen Pädophile ermitteln, da ihre kantonalen Polizeigesetze dafür keine hinreichende Grundlage mehr bieten. Diese kantonale Gesetzeslücke ist durch die Inkraftsetzung der neuen Strafprozessordnung entstanden. Diese Gesetzeslücke wurde im vergangenen Herbst breit diskutiert und hatte verschiedene parlamentarische Vorstösse zur Folge. Bis sich für die Kantone konkret wieder etwas ändert, heisst das für Kobik: Der Anteil der präventiv verdeckten Ermittlung im Auftrag der Kantone wird weiter zunehmen.

Verdachtsdossiers für die Kantone

Haben die Internetfahnder genügend Beweismaterial gesammelt, analysiert und juristisch geprüft, übergibt Kobik der Kantonspolizei des zuständigen Kantons ein sogenanntes Verdachtsdossier. Oder allenfalls an Interpol, wenn kein erkennbarer Schweizer Bezug existiert.

Am meisten Verdachtsdossiers hat Kobik bisher dem Kanton Zürich übergeben, gefolgt von den Kantonen St. Gallen, Bern und Aargau. Mit guter Erfolgsquote: 90 Prozent der Verdachtsdossiers, die von Kobik an die Kantone weitergegeben wurde, führten zu Hausdurchsuchungen und endeten mit einer Verurteilung. Dabei stosse man auch auf Leute, die sich in ihrem Umfeld direkt an Kindern vergehen, sagt Thomas Walther. Teilweise handelt es sich auch um Personen, die beruflich oder in der Freizeit mit Kindern arbeiten.

Der Konsum von kinderpornografischem Material im Internet hat zur Folge, dass auch das Angebot weiter wächst. Deshalb: «Jeder, der solche Sachen anschaut, ist für die Opfer mitverantwortlich», sagt Tobias Bolliger, Jurist bei Kobik.

Wie er das aushält, sich jeden Tag diese schrecklichen Bilder anzusehen? Er müsse ähnlich professionell damit umgehen wie beispielsweise ein Rettungssanitäter, der auch Schlimmes sehe, so Bolliger. Und: «Es motiviert mich, diese Arbeit zu machen, wenn ich sehe, was diesen Kindern für Leid zugefügt wird», sagt Bolliger. Das Schlimmste sei für die Ermittler, wenn sie über Jahre immer wieder auf dasselbe Opfer stossen, das immer älter wird, erklärt Walther.

Aber nicht nur die Täter werden gesucht, auch die Opfer. «Wir suchen immer nach Hinweisen, die etwas über die Herkunft der Opfer aussagen», erklärt Walther. Mit Erfolg: Kürzlich haben die Fahnder Kinderpornos auf russischen Servern gefunden, die in der Schweiz produziert wurden. Aber laut Kobik ist die Schweiz nicht unbedingt ein Land, wo Kinderpornos produziert werden, sondern eher konsumiert.

Wenn Kobik die Verdachtsdossiers weitergeleitet hat, ist die Arbeit an einem Fall meist abgeschlossen. Mit Interesse werden die Urteilssprechungen der Kantone verfolgt. Was erstaunt: «Viele Täter erhalten wegen Besitz von Kinderpornografie nur bedingte Geldstrafen», sagt der Kobik-Jurist Bolliger.

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