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Weihnachtsessen bei den Grünen: Parlamentarier verbannen Fleisch von ihrer Speisekarte

Tradition vieler Betriebe und Organisationen: Weihnachtsessen.

Tradition vieler Betriebe und Organisationen: Weihnachtsessen.

Fleisch ist zum Politikum geworden, sein Konsum wird zusehends hinterfragt. Die Grünen-Parlamentarier können bei ihrem Weihnachtsessen nur zwischen vegetarischen und veganen Menüs wählen. Welches Zeichen will die Partei damit setzen?

Fleisch-Menü oder Vegi-Menü? Bitte ankreuzen! Viele Betriebe fragen mit der Anmeldung zur Weihnachtsfeier, wer welches Gericht wünscht. Bei der Grünen-Fraktion im Bundeshaus, die in der neuen Legislatur erstmals mehr als 30 Mitglieder zählen wird, ist das nicht anders. Die Nationalräte und Ständeräte der Partei haben kürzlich die Einladung zum internen Weihnachtsanlass im Berner Szene-Restaurant Dampfzentrale erhalten. Doch die Parlamentarier wählen nicht – wie meist bei solchen Anlässen – zwischen einem Menü mit und einem ohne Fleisch. Auf dem Anmeldetalon müssen sie sich stattdessen zwischen den Optionen «Menü vegetarisch» und «Menü vegan» entscheiden, beide zu 45 Franken. Fleisch hat die Fraktion von ihrer Speisekarte verbannt.

Publik gemacht hat dies die Zürcher Neo-Nationalrätin Meret Schneider. Auf Twitter drückte die überzeugte Veganerin ihre Freude über die Menüwahl aus. Mit ihrem fleischlosen Weihnachtsessen setzen die Grünen zweifellos ein Zeichen. Niemand weiss so gut wie sie: Was man isst, drückt auch eine politische Haltung aus. Besonders Fleisch ist ein Streitthema. Es ist das ressourcenintensivste aller Nahrungsmittel. Dass die Massentierhaltung die Umwelt belastet und ein Hauptfaktor für die Klimaerwärmung ist, gilt als wissenschaftlicher Konsens.

Die Dossiers Tierhaltung und Fleischkonsum finden sich vermehrt auf der politischen Agenda – und gerade bei den Grünen geht es dabei mitunter um die Frage, was auf dem Teller eines einzelnen landet. Mit Meret Schneider sitzt in der Grünen-Fraktion nun eine Vertreterin, die sich offensiv für ein neues Verhältnis von Mensch und Tier einsetzt. Die 27-Jährige ist Co-Geschäftsleiterin des Vereins Sentience Politics, der die Massentierhaltung abschaffen will und sich für eine rein pflanzliche Ernährung einsetzt. Gleichzeitig gehören der Fraktion neue bäuerliche Vertreter an.

Interessenkonflikte will die Parteiführung tunlichst vermeiden. Zum einen sind sich die Grünen einig, dass in der Schweiz weniger Fleisch gegessen werden sollte. Die Partei verlangt etwa, dass die Bauern ihren Nutztierbestand bis 2030 um einen Viertel reduzieren. Zum anderen achten Grüne aller Schattierungen offensiv darauf, nicht als Partei der Verbote oder der Bevormundung dargestellt zu werden.

Fleischlos mit Genuss schlemmen

Es geht nicht um schwarz oder weiss, lautet ihre Botschaft. Massentierhaltung und Veganismus sollten nicht vermischt und differenziert diskutiert werden. Oder wie Parteivizechef Bastien Girod in der «NZZ am Sonntag» erklärte: «Wir sind keine Veganer-Partei, wir wollen keine vegane Gesellschaft, sondern den Fleischkonsum reduzieren sowie eine nachhaltige Landwirtschaft fördern.» Selbst Tierschützerin Schneider betonte in der «Arena» des Schweizer Fernsehens kürzlich unablässig, sie wolle niemandem sein Würstchen wegnehmen, niemandem ihre persönliche Haltung aufzwingen. Die Freiheit der Bürger, sie soll nicht beim Essen aufhören.

Und trotzdem: Welche Signale wollen die Grünen mit ihrem fleischlosen Weihnachtsessen aussenden? Warum sollen ihre Fraktionsmitglieder nicht die Freiheit haben, auch ein Menü mit Fleisch auszuwählen? «Die Auswahlmöglichkeit zwischen einer vegetarischen und einer veganen Variante darf inhaltlich verstanden werden», erklärt Grünen-Generalsekretärin Regula Tschanz. Gerade im Kontext von Feiern sei man sich opulente Fleischmenüs gewohnt. «Wir wollen zeigen, dass auch fleischlos mit Genuss geschlemmt werden kann.» Ursprünglich stand laut Tschanz tatsächlich auch ein Menü mit lokalem Bio-Fleisch zur Auswahl. «Das Restaurant bat uns dann aus logistischen Gründen, die Auswahl auf zwei Menus zu beschränken.» Deshalb habe Fraktionschef Balthasar Glättli entschieden, dieses Jahr die Fleischoption zu streichen.

Das Poulet auf dem Teller

Kilian Baumann ist Landwirt im Berner Seeland und neu im Nationalrat. Auf seinem Hof verkauft er Biofleisch vom Weiderind. Dass seine Fraktion auf ein Fleisch-Menü verzichtet, begrüsst er. «Wir konsumieren in der Schweiz zu viel Fleisch und schauen zu wenig drauf, wie dieses produziert wird.» Er freue sich, wenn es ab und zu ein veganes oder vegetarisches Menü gebe.

«Ich habe kein Problem damit, dass es kein Fleisch gibt. Ein solches hätte ich, wenn es nur Fleisch gäbe», sagt Baumann. Frei von Vorschriften oder Zwang könne die Partei da auch eine Vorbildrolle einnehmen. Schliesslich gehöre die Forderung, dass Lebensmittel umweltschonender, tierfreundlicher und unter fairen Arbeitsbedingungen produziert werden sollen, schon seit Jahrzehnten zur Partei-DNA. «Weniger, aber dafür bewusster Fleisch konsumieren, und möglichst alle Stücke essen», so lautet ihr Rezept gemäss Generalsekretärin Tschanz.

Dass grüne Politik und Fleischkonsum sich keinesfalls beissen, konnte man just heute Mittag in einem Stadtberner Restaurant beobachten. Ein Parlamentarier der Grünen gönnte sich eine herzhafte Portion Poulet – vom À-discrétion-Buffet.

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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