Stornierungen

Wegen Anti-Burka-Gesetz: Tessiner Hoteliers fürchten, dass Araber fernbleiben

Nora Illi und Rachid Nekkaz (r.) sprechen miteinander an einer Protestaktion desIslamischen Zentralrates der Schweiz in Locarno letzten Dezember.Gabriele Putzu/Key

Nora Illi und Rachid Nekkaz (r.) sprechen miteinander an einer Protestaktion desIslamischen Zentralrates der Schweiz in Locarno letzten Dezember.Gabriele Putzu/Key

Heute tritt in der Südschweiz das Anti-Burka-Gesetz in Kraft – just zur Ferienzeit.

Nach jahrelangen Diskussionen, Parlamentsdebatten und einer Volksabstimmung ist es so weit: Heute tritt im Tessin das sogenannte Anti-Burka-Gesetz in Kraft. Damit ist es untersagt, das Gesicht im öffentlichen Raum zu verhüllen. Frauen, die Niqab oder Burka tragen, können mit 100 bis 1000 Franken gebüsst werden. Im Wiederholungsfall sind gar Strafen bis 10 000 Franken möglich. Ausgesprochen werden die Bussen von den Gemeinden beziehungsweise Gemeindepolizeien. Erst vor kurzem wurden diese angewiesen, bei der Anwendung des Gesetzes Augenmass und Verhältnismässigkeit zu wahren: Es soll zuerst eine Aufforderung ergehen, die Verschleierung abzulegen.

Wenig Freude an den neuen Dispositionen hat die Tessiner Hotellerie. «Wir haben erste Stornierungen arabischer Gäste erhalten», sagt der Präsident des Hoteliervereins, Lorenzo Pianezzi, im «Giornale del Popolo». Für die Tessiner Tourismusbranche, die bereits seit Jahren in einer Krise steckt, ist das Burka-Verbot eine zusätzliche Belastung. Der arabische Markt war bisher ein Wachstumsmarkt. Jetzt werden die Hotels aufgefordert, arabische Gäste bei der Buchung aktiv und transparent zu informieren.

Umstrittenes Burkaverbot tritt im Tessin in Kraft

Umstrittenes Burkaverbot tritt im Tessin in Kraft

Am Freitag trat im Tessin das sogenannte Anti-Burka-Gesetz in Kraft. Zuwiderhandlungen sollen mit Bussen zwischen 100 und 1000 Franken geahndet werden. Auf der Piazza Grande demonstrierte der Islamische Zentralrat gegen das Gesetz. Der algerische Unternehmer Rachid Nekkaz kündigte an, alle anfallenden Bussen zu bezahlen.

Der kantonale Justizdirektor Norman Gobbi (Lega) hat klargemacht, dass das Gesetz strikt angewandt wird, um den Volkswillen zu respektieren. Im September 2013 hatte das Stimmvolk eine Initiative mit 65,4 Prozent angenommen. «Auch für Touristinnen wird es keine Ausnahmen geben», betonte Gobbi.

Die saudische Botschaft in Bern hat mit einer Mitteilung an ihre Staatsangehörigen reagiert: «Die Botschaft erinnert ihre ehrenwerten Bürger an die Notwendigkeit, die Schweizer Vorschriften zu beachten und zu respektieren, um allfällige Probleme zu vermeiden.» Tessiner Hoteliers erkennen darin jedoch eine Doppeldeutigkeit: Sie könnte schlicht als Aufforderung gelesen werden, den Kanton Tessin künftig einfach nicht mehr zu bereisen.

Auswirkung nicht überschätzen

Gleichwohl hält Ticino Turismo fest, die Bedeutung des Verhüllungsverbots sei nicht zu überschätzen. Mit 45 000 Übernachtungen 2015 entspreche der Golf-Staaten-Anteil gerade mal 2,1 Prozent. Und nur ein kleiner Teil davon trage Burka oder Niqab. Doch einige Luxus-Geschäfte in Luganos Einkaufsmeile Via Nassa oder dem Outlet-Center Foxtown in Mendrisio werden das Ausbleiben spüren.

Zu einer ersten Busse könnte es bereits am Freitag kommen. Nora Illi, Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats der Schweiz, will in ihrer üblichen Verschleierung ins Tessin reisen, um zu protestieren. Wie schon im Dezember in Locarno möchte der algerische Unternehmer Rachid Nekkaz an ihrer Seite sein. Er hat angekündigt, alle Bussen übernehmen zu wollen, «um das Gesetz zu neutralisieren».

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