Armee
Was Ueli Maurer seinen Mannen ausser Schiessen alles beibringt

In der Armee können Rekruten nebst Schiessen und auch das Lesen und Schreiben üben. Das VBS leistet damit einen Beitrag im Kampf gegen Lese- und Schreibschwächen. Doch längst nicht alle Rekruten machen mit.

Karen Schärer
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Fachoffizier Christian Zberg hilft in der Kaserne Reppischtal Rekruten bei einer Grammatik-Übung.

Fachoffizier Christian Zberg hilft in der Kaserne Reppischtal Rekruten bei einer Grammatik-Übung.

Heike Grasser

Gemäss Tagesbefehl sind die Soldaten seit 6.15 Uhr wach. Sie haben ihre Zimmer geräumt, gefrühstückt und sich im Tenue BN 420 im Gebäude H versammelt. Doch was sich nun in einem Schulungszimmer der Kaserne Reppischtal in Birmensdorf ZH abspielt, hat mit militärischem Drill nichts zu tun. Hier wird in fast kollegial anmutender Atmosphäre Lesen und Schreiben geübt, Textverständnis geschult, Sprechangst abgebaut.

Illettrismus

5 bis 7 Prozent jeder Altersklasse sind von Illettrismus betroffen. Jährlich verlassen rund 5000 Schülerinnen und Schüler die obligatorische Schule mit derart ungenügenden Lese- und Schreibkompetenzen, dass ihre Chancen, in einer Berufslehre erfolgreich zu sein, stark eingeschränkt sind. 366000 Schweizer und 415500 Personen ausländischer Herkunft zwischen 16 und 65 Jahren sind von schwerem Illettrismus betroffen. (AZ)

Lukas Reuteler aus dem Berner Oberland steht vor seinen Kameraden und den Fachoffizieren, die den Kurs leiten, und hält ein Kurzreferat zum Thema Forstdienst. Er spricht frei und wird im Anschluss dafür auch gelobt. Er erhält auch Rückmeldungen zum Auftreten, zu seiner Sprache und zum Aufbau des Referats. Die Vorträge sind ein Element des Kurses «Lesen und Schreiben in der Armee» (Lusia). Das Projekt entstand Anfang 90er-Jahre in der Romandie. Seit sieben Jahren bietet die Armee den Kurs in jedem der drei jährlichen RS-Starts auch den deutschsprachigen Rekruten an. In dreimal drei Kurstagen kommen die Interessierten in Birmensdorf zusammen. Insgesamt nehmen schweizweit jedes Jahr rund 120 Rekruten an den Kursen teil.

Offener Umgang mit schwierigem Thema

Bei Kursantritt schreiben die Rekruten einen Text. Dieser gibt Aufschluss über die individuellen Schwächen. Den jungen Männern im Tarnanzug bleibt im Kurs viel Zeit, eigens für sie zusammengestellte Übungen zu machen. «Ich bin Legastheniker und habe Mühe mit der Gross- und Kleinschreibung», erzählt Jan-Lukas Siegenthaler aus dem Kanton Solothurn offen. Er arbeite schon sein Leben lang an seiner Schwäche. «Bei Diktaten schneide ich heute auf jeden Fall besser ab als früher», erzählt er.

Nicht alle Kursteilnehmer haben wie Siegenthaler schon zu Schulzeiten Unterstützung erhalten. «Viele haben ihre Schwäche im Lesen und Schreiben während der Schulzeit immer kaschiert und bei anderen abgeschrieben», sagt Fachoffizier Paul Schmidt, in zivil Sekundarlehrer in Zürich. «Hier entsteht ein offener Umgang mit dem Thema. Wer freiwillig an diesem Kurs teilnimmt, will wirklich etwas ändern», sagt Schmidt.

Zivile Unterstützung

Ziel des Kurses sei denn auch, die jungen Männer dazu zu motivieren, dranzubleiben. Zu diesem Zweck arbeitet die Armee mit dem Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben zusammen. Ein ziviler Anbieter besucht jeweils den Lusia-Kurs und informiert über Kursmöglichkeiten.

Mittlerweile sind die Referate unterbrochen worden. Individuelles Arbeiten steht auf dem Programm. Einer liest seinem Tischnachbarn eine Reihe von Wörtern vor. Dieser kontrolliert danach selbst, ob er sie korrekt geschrieben hat. Auf den Tischen liegen Duden, eine Reihe von Wörterbüchern steht bereit. Nicht nur funktionale Analphabeten besuchen den Lusia-Kurs: Auch Neubürger und Auslandschweizer haben sich gemeldet. Der aktuell laufende Kurs hat nur 13 Teilnehmer. «Statistisch gesehen müssten pro Kurs 100 Rekruten teilnehmen», sagt Fachoffizier Christian Zberg. Er mutmasst, der Kurs sei noch zu wenig bekannt. Hinzu kommt: «Es braucht Mut, sich vor seinen RS-Kameraden zu outen», sagt er.

Der Luzerner David Portmann hat nach der Schulzeit auf dem Bau gearbeitet. In der RS, wo er als Gerätewart viel Material erfassen muss, hat er gemerkt, dass seine Schreibkenntnisse seit der Schule nachgelassen haben. Deshalb nimmt er am Lese- und Schreibkurs teil. An die Adresse von Dienstkameraden gerichtet, die ihn und seine Teilnahme am Kurs belächelt haben, sagt er: «Jeder muss ehrlich zu sich selbst sein.»

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