Volksschule

Was lernen unsere Kinder? Der grosse Schultest der Kantone hat Verspätung

Wie gut die Schüler bei der EDK-Erhebung von 2016 abgeschnitten haben, wird im Mai veröffentlicht.

Wie gut die Schüler bei der EDK-Erhebung von 2016 abgeschnitten haben, wird im Mai veröffentlicht.

Wie gut lernen die Kinder hierzulande lesen, schreiben und rechnen? Die Kantone sind dieser Frage erstmals in einem gemeinsamen nationalen Test nachgegangen. Die Ergebnisse liegen schon lange vor, publiziert sind sie immer noch nicht.

Erbaulich war das letzte Ergebnis der Pisa-Studie nicht. Rund 20 Prozent der Schüler verlassen die Schulstuben hierzulande als funktionale Analphabeten. Immer wieder berichten Lehrbetriebe über mangelnde Deutschkenntnisse. Ein Sprecher der Stadtpolizei St. Gallen sagte vor gut zwei Jahren gegenüber der «Ostschweiz am Sonntag», bis zu 50 Prozent der Bewerber würden den Eignungstest wegen zu schlechtem Deutsch nicht bestehen.

Wie gut die Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen, will die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) dank einer eigenen Erhebung erfahren. Dafür lösten die Schüler im Jahr 2016 am Ende der obligatorischen Schulzeit Mathematikaufgaben. Ein Jahr später taten Sechstklässler dasselbe in der Muttersprache und der ersten Fremdsprache. An beiden Erhebungen nahmen je rund 23'000 Schüler aus allen Kantonen teil. Für das gesamte Projekt sind rund 6,75 Millionen Franken budgetiert. Der Hintergrund der sogenannten «Überprüfung der Grundkompetenzen» ist der Bildungsartikel, den das Volk im Jahr 2006 annahm. Er verlangt eine Harmonisierung der Volksschule. Die EDK hat Grund­kompetenzen definiert und überprüft jetzt, inwieweit sie ­erreicht ­werden.

Im Mai wird der Schleier gelüftet

Die Resultate der Erhebung wollte die EDK ursprünglich im Bildungsbericht 2018 bekannt geben. Stattdessen wartet die Öffentlichkeit immer noch auf die Ergebnisse, obwohl sie schon seit mehr als einem Jahr vorliegen. Die EDK-Plenarversammlung entschied dann aber, die Publikation zu verschieben, «damit bei der Erstpublikation eine differenzierte Interpretation unter erweitertem Einbezug von Kontextvariablen auf kantonaler Ebene möglich wird».

Zugleich setzte die EDK eine Task-Force unter der Leitung des St. Galler Bildungsdirektors Stefan Kölliker (SVP) ein. Sie erhielt unter anderem die Aufgabe, einen Vorschlag für den Publikationszeitpunkt zu unterbreiten. Unterdessen steht fest, dass die Ergebnisse am 24. Mai veröffentlicht werden. Einige Kantone äusserten Unmut über den schleppenden Prozess.

Bericht aus Luxemburg für 37'000 Franken

Gemäss Recherchen unserer Zeitung förderten die Tests kantonal unterschiedliche Resultate zu Tage. Bevor sie offiziell vorgestellt werden, mag sie die EDK nicht kommentieren. Generalsekretärin Susanne Hardmeier sagt aber, man werde sie sorgfältig interpretieren müssen. «Wir wollen nicht einfach ein Ranking nach Kantonen erstellen. Wir wollen die Ergebnisse gut einbetten können.» Sind die Unterschiede zwischen den Kantonen der Grund für die Verzögerung? Hardmeier antwortet: «Zu den Ergebnissen kann ich keine Stellung nehmen. Bei erstmalig durchgeführten Projekten dieser Grössenordnung kann selbstverständlich nicht ausgeschlossen werden, dass es zu Verspätungen kommt.»

Klar ist: Nachdem die Schüler die Tests absolviert hatten, kamen bei der EDK offenbar Zweifel auf, ob die von ihr gewählte Übungsanlage zur Messung der Grundkompetenzen taugt. Im Auftrag einer EDK-Kommission erstellte das Luxemburger Zentrum für Bildungstests für 37'000 Franken deshalb einen Bericht. Die ausländischen Experten bestätigten die Wissenschaftlichkeit der Arbeiten.

Schwellenwert aufgrund der Ergebnisse festgelegt

Auf Kritik stösst nicht nur die Verspätung, sondern auch folgende Tatsache: Die EDK hat zuerst geschaut, wie die Schüler beim Lösen der Aufgaben abschneiden. Erst danach hat sie die Schwellenwerte bestimmt, auf denen jeweils das Leistungsniveau erfüllt ist. Dieses Vorgehen erlaubt es, unbefriedigende Ergebnisse zu beschönigen, indem man die ­Anforderungen nach unten schraubt. Walter Herzog, emeritierter Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Bern, kritisiert dieses Vorgehen.

«Massstab zur Beurteilung, was unsere Schulen leisten sollen, muss sein, welche Bildung notwendig ist, um in unserer Gesellschaft zu reüssieren, und nicht, was die Schulen aktuell zustande bringen», sagt er. Wenn man die Grundkompetenzen überprüfen wolle, müsse man sich vor dem Test überlegen, über welche Fähigkeiten die Schüler mindestens verfügen sollten. EDK-Generalsekretärin Susanne Hardmeier kann die Kritik nicht nachvollziehen. «Die EDK hat im Jahr 2011 Grundkompetenzen für vier Fachbereiche festgelegt. Diese beschreiben sehr genau, welche Fähigkeiten die Schüler mindestens erwerben sollen.»

Die Schwellenwertsetzung sei eine zweite Qualitätsschlaufe. Lehrpersonen und Fachdidaktiker würden die Angemessenheit der Aufgaben beurteilen. Dabei gehe es nicht darum, das Niveau zu verändern, «denn dieses ist ja eben genau durch die Grund­kompetenzen definiert».

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