Psychiatrie
Warum Väter mit ihren Kinder durchbrennen und sie dabei die Kontrolle verlieren

Der Forensiker Marc Graf über die Psyche von Vätern, die mit ihren Kinder durchbrennen und warum das eigene Interesse der Väter dabei im Mittelpunkt steht.

Benno Tuchschmid
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Ein italienischer Polizeist hält ein Bild der vermissten Mädchen aus St-Sulpice. Key

Ein italienischer Polizeist hält ein Bild der vermissten Mädchen aus St-Sulpice. Key

Herr Grad, in den letzten Tagen kam es in der Schweiz gleich zu zwei Fällen von Kindsentführungen. Im Fall St-Sulpice hat der Vater seine Kinder vielleicht sogar umgebracht. Wie kann ein Vater seinen Kindern so etwas antun?

Marc Graf: Die Täter kommen typischerweise aus mittelständischen, gutbürgerlichen Verhältnissen, sind sozial hervorragend integriert: Beruf, Tennisklub, Rotary, Militär oder Ähnliches. Wenn sich dann ihre Frau trennen will, dann ist das für solche Männer ein enormer Gesichtsverlust. Sie verlieren die Kontrolle. Sie bringen ihre Kinder um, weil sie vor ihnen nicht als Versager dastehen wollen. Und weil sie sich sagen: Wenn ich nicht weiterlebe, sollen die Kinder ohne mich auch nicht weiterleben.

Bei einer Kindsentführung ist immer ein Beziehungskonflikt im Spiel?

Ich kenne kaum eine Tat, bei der dies nicht der Fall ist. Es gibt vielleicht Einzelfälle, bei denen psychische Störungen eine Rolle spielen. Das ist aber extrem selten.

Den Tätern geht es also nur ums eigene Ego?

Die Entführer geben zwar an, dass es ums Wohl der Kinder geht, doch das eigene Interesse steht im Mittelpunkt. Die Kinder werden nicht als eigenständige Individuen wahrgenommen, sondern als erweitertes Ich. Diese Eltern glauben, dass sie die uneingeschränkte Verfügungsgewalt über ihre Kinder haben.

Planen diese Männer ihre Tat, oder geschieht sie im Affekt?

Es gibt beides. Manche planen ihre Tat detailliert, beschaffen Papiere. Bei anderen reisst der Faden und sie flüchten überstürzt.

Sind die Täter überhaupt zurechnungsfähig?

Bei solchen Taten gibt es in der Regel keine verminderte Schuldfähigkeit durch forensische Gutachten. Die Täter verstecken sich mit ihren Kindern, damit beweisen sie, dass sie wissen, was sie tun. Viele realisieren erst nach der Tat, was sie angerichtet haben. Das führt zu einer massiven Selbstmordgefährdung.

Wir sprechen jetzt von Vätern, laut einer Statistik des Bundesamts für Justiz sind bei internationaler Kindsentführung in 71 Prozent der Fälle Frauen die Täter.

Das sind oft Frauen, die sich nicht anders zu helfen wissen. Mütter, die ihre Kinder vor sexuellen oder gewalttätigen Übergriffen schützen wollen. Das kann bis zum erweiterten Suizid gehen, wenn Frauen zum Schluss kommen, dass es besser ist, die Kinder und sich selbst zu töten, als so weiterzuleben. Frauen mit narzisstischen Motiven sind viel seltener.

Macht das für die Kinder einen Unterschied?

Nein, auch wenn das Motiv vielleicht nachvollziehbar ist, solche Entführungen sind für die Kinder trotzdem schrecklich. Ich habe erlebt, wie ein vierjähriger Junge, der von seinem Vater massiv misshandelt wurde, bei der Einvernahme sagte: Ich will nicht, dass mein Vater nochmals so etwas mit mir macht, aber ich möchte meinen Vater auch nicht verlieren.

Was bedeutet eine solche Entführung für die Kinder?

Eine solche Situation bedeutet oft einen kompletten Kontrollverlust. So etwas ist mit wahnsinnigen Ängsten und Traumata verbunden. Dazu kommt: Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Kinder später selber Schwierigkeiten entwickeln, ist viel höher, weil sie eben dysfunktionale, das heisst, ungeeignete Strategien im Lösen von Konflikten von ihren Eltern vorgelebt bekommen.

Die Scheidungsraten steigen, bedeutet das, dass auch die Entführungen zunehmen?

Nein, im Gegenteil. Scheidungen werden immer normaler, das heisst, sie bedeuten auch nicht mehr einen solchen Gesichtsverlust wie vielleicht in den 70er-Jahren.

Was kann der Staat oder die Gesellschaft tun, damit es nicht zu solchen Taten kommt?

Um ehrlich zu sein: Bei vielen Fällen kann man nichts tun. Die Täter leben in solch heilen Welten, ohne Anzeichen eines Problems, dass es schlicht unmöglich ist, die Tat vorherzusagen. Aber wenn es Zeichen massiver ehelicher Konflikte gibt, dann ist es entscheidend, dass sie wahrgenommen werden. Für Kinder ist es schwer auszuhalten, wenn sie Zeichen senden und ihnen trotzdem nicht geholfen wird. Das weiss man aus der Opferforschung.

Massnahmen gibt es keine?

Verfügbare Waffen sind in solchen Fällen fatal. Ich war selber Offizier in einer Kampftruppe, habe also eine Pistole zu Hause. Es ist klar: Ohne Armeewaffen könnte eine gewisse Anzahl von erweiterten Suiziden verhindert werden.

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