Prozess
Vorwurf der Tierquälerei – Springreiter Paul Estermann geht vor Gericht in Runde vier

Dem ehemaligen Kadermitglied der Schweizer Springreiter wird Tierquälerei in mehreren Fällen vorgeworfen. Drei Urteile akzeptierte Paul Estermann nicht und auch jetzt vor dem Luzerner Kantonsgericht plädiert sein Verteidiger auf Freispruch.

Roger Rüegger
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Springreiter Paul Estermann (links) und sein Anwalt auf dem Weg zum Kantonsgericht.

Springreiter Paul Estermann (links) und sein Anwalt auf dem Weg zum Kantonsgericht.

Urs Flüeler / Keystone (Luzern, 15. Dezember 2020

Dem 57-jährigen Springreiter Paul Estermann wirft die Luzerner Staatsanwaltschaft mehrfache vorsätzliche Tierquälerei vor. Der Beschuldigte soll in seinem Reitzentrum in Hildisrieden Pferde mit der Peitsche wiederholt misshandelt haben.

Ihm wird einerseits vorgeworfen, im April 2016 die Stute Castlefield Eclipse mit einer Dressurpeitsche «wissentlich und willentlich» mehrfach heftig und übermässig gegen die Flanken und den Unterbauch geschlagen zu haben. Das Pferd soll dadurch Schwellungen und Blutungen erlitten haben. Ausserdem soll Estermann beim Wallach Lord Pepsi im Zeitraum von April 2014 bis Oktober 2017 die Peitsche mehrmals eingesetzt haben, und zwar so, dass die Haut des Tiers verletzt worden sei.

Das Bezirksgericht Willisau verurteilte Estermann Ende November 2019 für mehrfache vorsätzliche Tierquälerei zu einer bedingten Geldstrafe von 100 Tagessätzen je 160 Franken, bei einer Probezeit von zwei Jahren, ausserdem zu einer Busse von 4000 Franken. Sein Verteidiger reichte gegen das Urteil Berufung ein.

Verteidigung stellte Beweismaterial und auch Zeugen in Frage

An der Berufungsverhandlung vom 15. Dezember vor dem Luzerner Kantonsgericht beantragte der Verteidiger des Beschuldigten, das Gericht solle die Verwertbarkeit von Bildern des angeblich verletzten Pferdes Eclipse und die Aussage eines Zeugen prüfen. Das Gericht liess Bilder wie auch die Zeugenaussagen zu.

Bei der Befragung des Pferdesportlers ging es unter anderem um die Praxis beim Springreiten. Die Richterin wollte zum Beispiel wissen, warum man eine Dressurpeitsche beim Springen verwende. Estermann erklärte:

Die ist zur Unterstützung, wenn das Pferd einen Chabis zusammenreitet. Mit einem Zwick unterstützt man das Tier und zeigt ihm so, dass es etwas nicht Korrektes tat. Das hat nichts mit Schlagen zu tun. Falls ich ein Tier so verletzt hätte, dann sicher nicht bewusst

Estermanns Verteidiger begann seinen Parteivortrag mit Vorbemerkungen zum Urteil der Vorinstanz. Diese habe sich durch negative Schlagzeilen leiten lassen und sei voreingenommen gewesen. «Die Unschuldsvermutung wurde torpediert, der Anspruch meines Mandanten auf eine faire Verhandlung wurde verletzt», betonte er. Weiter stellte er die Glaubwürdigkeit etlicher Zeugen in Frage. So etwa habe der ehemalige Mitarbeiter, der die Fotos der angeblich verletzten Stute Castlefield Eclipse gemacht haben will, seinem ehemaligen Arbeitgeber eines auswischen wollen.

Es sei zudem fraglich, wann die Fotos aufgenommen worden seien. Da diese über keine Metadaten verfügen, sei nicht erwiesen, zu welchem Zeitpunkt und wo genau diese erstellt worden seien. Gemäss dem Verteidiger sei auch nicht gesichert, dass es sich bei den abgebildeten Verletzungen tatsächlich um das fragliche Pferd handle.

Auch andere Zeugen seien nicht glaubwürdig, so der Verteidiger. Und: «Die wollten meinem Mandanten das Handwerk legen. Darum liessen sie die Bilder der Presse zukommen. Danach war der Ruf des Springreiters schlagartig vernichtet. Ein Komplott kann nicht ausgeschlossen werden.» An den Aussagen würden erheblich Zweifel bestehen. Dem Beschuldigten könne nicht nachgewiesen werden, dass er ein Pferd geschlagen und verletzt habe. «Falls durch meinen Mandanten je ein Tier verletzt wurde, dann handelte es sich um völlig unbeabsichtigte Bagatellverletzungen.» Paul Estermann sei nach dem Grundsatz in dubio pro reo von Schuld und Strafe freizusprechen.

Der Staatsanwalt betonte, dass in der Causa Estermann mit harten Bandagen gekämpft wird. So habe die Verteidigung eine Vielzahl von Beweisanträgen eingereicht. Es gehe darum, Verwirrung zu stiften und die Strafbehörden derart zu beschäftigen, dass das Kernthema in den Hintergrund rücke. «Eine hinlänglich bekannte Verteidigungspraxis, die hier auf die Spitze getrieben wurde», so der Staatsanwalt. Ein weiteres Beispiel: «Die Berufungserklärung der Verteidigung umfasst sage und schreibe 84 Seiten».

Der Staatsanwalt beantragte, Paul Estermann sei für Tierquälerei in mehreren Fällen schuldig zu sprechen und das Urteil der Vorinstanz auf 120 Tagessätze zu je 160 Franken zu erhöhen. Auch die Strafe sei von 4000 auf 4800 Franken zu erhöhen. Der Ankläger machte klar:

Die Beweislage der Strafuntersuchung ist erdrückend.

In Rollen kam die Geschichte durch eine Anzeige des besagten ehemaligen Mitarbeiters am 27. Februar 2017. Die Bilder sollen am 28. April 2016 entstanden sein. Nach durchgeführter Untersuchung erliess die Anklagebehörde am 25. Mai 2018 einen ersten Strafbefehl, in welchem sie Estermann wegen mehrfacher Tierquälerei schuldig befunden und mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 160 Franken bestraft hat. Der Hildisrieder Springreiter erhob Einspruch.

Nach ergänzter Strafuntersuchung erliess die Anklagebehörde am 25. Juli 2019 einen zweiten Strafbefehl. Der Beschuldigten wurde wiederum wegen mehrfacher Tierquälerei schuldig befunden, worauf erneut eine Einsprache erfolgte.

So gelangte das Verfahren ans Bezirksgericht Willisau. Der Sportsmann bewies an der dreieinhalbstündigen Verhandlung vom 19. November 2019 vor dem Einzelrichter Kampfgeist. Er bestritt sämtliche Vorwürfe. Er sei kein Tierquäler und würde kein Pferd schlagen, um bessere Trainingsergebnisse zu erzielen. Zumal man Castlefield Eclipse nicht zusätzlich mit dem «Peitschli» antreiben müsse. Die Stute sei ein Tier «der heissen Seite» gewesen. «Wie ein Ferrarimotor ohne Bremse», wird Estermann in der Anklageschrift zitiert. Er habe sie an Turnieren ohne Sporen und ohne Peitsche geritten. Mit Castlefield Eclipse gewann der Beschuldigte unter anderem 2014 den Grossen Preis der Schweiz beim CSIO in St.Gallen.

Zu den hauptbelastenden Aussagen einer Zeugin bezüglich Lord Pepsi und dem Bericht und Fotos eines Tierarztes bezüglich Castlefield Eclipse sowie der Aussage eines Zeugen, kannte der Beschuldigte damals keine vernünftige Erklärung oder befreiende Ergänzungsfragen. Und dies obschon er bei deren Einvernahmen zusammen mit seinem Verteidiger anwesend gewesen war.

Zum Schluss der Verhandlung vor Kantonsgericht sagte Paul Estermann: «Das Reiten ist mein Leben. Ich habe immer alles für die Tiere gemacht – und stehe nun da als Tierquäler. Ich verstehe es nicht.»

Das Urteil des Kantonsgerichts wird den Parteien schriftlich zugestellt.