Nationalfeiertag

Von Sessa nach Oberkulm – Der lange Weg zur inspirierten Rede

Eine Reise durch die Postkartenschweiz kann nicht nur zu völlig neuen An- und Einsichten führen, sondern auch zur Inspiration für eine 1. August-Ansprache werden.

Eine Reise durch die Postkartenschweiz kann nicht nur zu völlig neuen An- und Einsichten führen, sondern auch zur Inspiration für eine 1. August-Ansprache werden.

Reisend zur Rede: Von der allmählichen Entstehung einer Ansprache zum 1. August während einer Schweizer Reise, die im Engadin beginnt, dann ins Tessin führt und in Oberkulm endet.

Es regnet. Wir stehen auf der Piazza in Sessa und warten. Ob er wohl kommen wird? Er kommt. Schlag zehn Uhr steht er vor uns. Ein älterer Herr, mit fröhlichen, wachen Augen, den Filzhut tief ins Gesicht gezogen.

Es sei ihm eine Ehre, uns sein Dorf zeigen zu dürfen, sagt er und stellt sich vor: Lindo Deambrosi, gewesener Sindaco von Sessa, jetzt Winzer im Ruhestand. Und Dorfführer. Jeden Dienstagmorgen um zehn Uhr. Sommer und Winter.

Wir sind zu viert. Das ist ihm angenehm. Die Mindestgruppengrösse beträgt eine Person. Als sein Vorgänger plötzlich starb, war keiner mehr da, der die Dorfführungen machen konnte oder wollte.

«Aber einer muss unser Dorf doch den Leuten zeigen», sagt Deambrosi. Da habe er halt zugesagt. Aber nur so lange, bis sie einen andern finden. Das war vor fünf Jahren. Sie suchen heute noch.

Auch in Oberkulm haben sie gesucht. Zwar kein Personal für Dorfführungen, aber einen Redner für den 1. August. Gefeiert wird beim Schützenhaus, es gibt Gratis-Risotto, gekocht von den Schützen.

Aus einer Laune heraus habe ich schon vor Wochen zugesagt, ja, warum nicht auch einmal eine 1. August-Ansprache halten.

Dann bin ich in die Ferien gefahren; zuversichtlich, dass mir auf meiner kleinen Schweizer Reise durch Täler und über Berge sicherlich etwas Passendes einfallen würde.

Doch je länger die Reise dauert, je näher der 1. August heranrückt, desto deutlicher wird mir wieder bewusst, was ich eigentlich schon lange weiss: Auch was die Schweiz betrifft, habe ich mehr Fragen als Antworten. Langsam werde ich unruhig.

Knappe Schweizer

Sessa zählt exakt 688 Einwohner und liegt zuhinterst im Malcantone, auf einer Terrasse über der Tresa, haarscharf an der Grenze zu Italien.

Da hätten sie aber riesiges Glück gehabt, sagt Lindo Deambrosi. «Damals, als Napoleon Europa aufgeteilt hat, machte er einfach einen Strich auf der Karte – zack – das ist Schweiz und das ist Italien. Und wir sind ihm bis heute sehr dankbar, dass wir es um ein paar hundert Meter in die Schweiz geschafft haben.»

Obschon die Eidgenossen das Land ennet dem Gotthard im 15. Jahrhundert überfallen, besetzt und schliesslich behalten und ausgebeutet haben; er danke Gott für die paar hundert Meter. In Sessa steht mitten im Dorf die «Casa dei Landvogti», der ehemalige Sitz der Landvögte; ein spektakuläres Gebäude mit abblätternden Fresken aus dem späten Mittelalter.

Das Gebäude sei «da vendere», sagt der ehemalige Sindaco nebenbei, für 560 000 Franken sei es zu haben; die Gemeinde habe kein Geld, wäre aber glücklich, wenn sich ein renovationsfreudiger und kapitalstarker Deutschschweizer finden liesse.

Abwesende Männer

Wir ziehen durch die Gassen und halten vor einem Haus mit zwei Eingängen. Das sei früher der Laden der Metzgerin gewesen. Da sie vom Schlachten alleine nicht leben konnte, war sie gleichzeitig auch Bestatterin.

Wer durch die rechte Türe in den Laden kam, wollte Fleisch, wer durch die linke kam, hatte einen Todesfall zu vermelden.

Sessa war und ist ein armes Dorf. Jahrhundertelang suchten sich die Männer im Ausland Arbeit, meistens als Maurer, Gipser Stuckateure oder Maler. Sie gingen im März und kamen im November zurück.

Die Frauen blieben zurück und hielten das Dorf am Leben, sie führten den Haushalt, besorgten die Felder, kümmerten sich um Tiere und Kinder; brachten die Kinder zur Welt, die regelmässig zwischen Dezember und Februar gezeugt wurden.

Im strömenden Regen steht Lindo Deambrosi still und sagt zu seinen vier Touristen: «Wissen Sie, unsere Frauen haben ein Denkmal verdient. Hier, mitten auf der Piazza müsste es stehen. Sie sind die wirklichen Helden.»

Heute müssen die Männer nicht mehr auswandern; Lugano ist nahe und bietet genügend Arbeitsplätze.

Sessa habe seine Dorfschule retten können, sagt Deambrosi. Man hört die Genugtuung und vermutet, er habe dazu einiges beigetragen. 35 Kinder gehen zur Schule, das reicht vorderhand für den Weiterbestand.

Ueli Maurer ist überall

In Oberkulm haben sie sich auch Sorgen um den Weiterbestand ihrer Schule gemacht. Man sagt, das sei wohl ein Hauptgrund für die gescheiterte Fusion mit Unterkulm gewesen.

Die Unterkulmer waren fast einstimmig für die Fusion. Die Oberkulmer waren vehement dagegen. Der Initiant des Widerstandes liess sich zitieren, ihm gefriere das Blut in den Adern, wenn er sehen müsste, wie Oberkulmer Kinder mitten durch den gefährlichen Verkehr nach Unterkulm in die Schule müssten.

Wahrscheinlich ist es die mir im Nacken hockende, ungeschriebene Rede, die gleich die nächste Assoziation zu Oberkulm provoziert. Deambrosi erzählt, dass im letzten Jahr Bundespräsident Ueli Maurer die Bundesfeierrede in Sessa gehalten hat. Er kam mit dem Helikopter und sprach über David und Goliath.

Die Oberkulmer Schützen sind Ueli Maurer an Pfingsten am Pfynschiessen im Wallis begegnet. Gut gelaunt soll der volksnahe Magistrat den treffsicheren Schützen einige lustige Episoden aus dem Bundeshaus erzählt haben, meldete die Lokalzeitung.

Die Gedanken schweifen

Wir sitzen in der Kirche San Martino. Die Kirche ist so gross, dass alle Einwohner darin Platz fänden. Aber es kommen nur noch wenige.

Und jetzt, nachdem der Bischof den beliebten Pfarrer einfach abberufen hat, sind es noch weniger. Deambrosi erklärt ausführlich den wunderbaren Altar, der so wertvoll ist, dass bei der geringsten Berührung Alarm ausgelöst wird.

Während wir also zu viert in den Kirchenbänken sitzen und Deambrosi die bewegte Geschichte der Kirche erzählt, die eine bunte Abfolge von Streit und Versöhnung zwischen den Dörfern im Malcantone ist, schweifen meine Gedanken ab und ich werde sentimental. Seit zwei Wochen sind wir unterwegs. Wir waren im Engadin, im Bergell, erwanderten das Maggiatal und nun das Malcantone.

Wir fuhren mit dem Postauto nach S-charl, auf schmaler ungeteerter Strasse, nahe am Abgrund. Wir genossen das leichte Kribbeln, weil wir uns jederzeit sicher fühlten; denn der Postautochauffeur, der kanns.

Wir stiegen hoch ins Val Mingér, ein Naturerlebnis, das nur möglich war, weil vor genau 100 Jahren ein paar Spinner gegen allen Widerstand den Nationalpark erfunden haben.

Wir entdeckten das Kleinod Guarda, das in seiner Einmaligkeit erhalten geblieben ist, weil das Ehepaar Könz vor 70 Jahren erkannte, was zu tun war und nebenbei auch noch den Schellen Ursli erfand.

Wir erlebten in der Osteria Morganti im Maggiatal mit einem englischen Ehepaar, einer holländischen Familie und vielen Einheimischen die befürchtete Niederlage der Argentinier. Die Osteria gibt es nur noch, weil die beiden Wirte leidenschaftlich wirten.

Im Malcantone entdeckten wir im 150-Seelen-Dorf Banco das einzigartige Teatro di Banco. Wir bezahlten 15 Franken Eintritt und genossen einen grandiosen «Tributo a Johnny Cash». Das war möglich, weil es in Banco Leute gibt, die es wichtig finden, dass das Tal ein Theater hat.

Es sind Menschen wie der ehemalige Sindaco, der noch immer den prächtigen Altar erklärt, die dafür sorgen, dass alles so gut funktioniert und selbstverständlich scheint.

Man nimmt sie selten wahr, sie werden nicht berühmt. Sie tun, was zu tun ist, fragen nicht nach Lohn und Bonus. Ihre Anerkennung erhalten sie innerhalb der Gemeinschaft, das ist Reputation, die sich nicht kaufen lässt.

Diesen Menschen, die dort sein wollen, wo sie sind, und die tun, was zu tun ist, verdanken wir die gute, die sichere Schweiz, denke ich.

Was uns verbindet

Ich sitze auf der harten Kirchenbank, spüre, wie die nassen Hosen am Oberschenkel kleben und mir wird bewusst, dass wir in einem wunderbar friedlichen Land leben.

Während in der Welt ein grosses Leid nach dem andern passiert, dürfen wir mit grosser Energie darüber streiten, ob wir mit Französisch in der 5. oder in der 6, Klasse beginnen sollen, oder ob zwei Dörfer, die de facto schon zusammengebaut sind und fast gleich heissen, fusionieren sollen oder nicht. Egal, wie es kommt: Wir brauchen keine Angst zu haben.

Vielleicht ist es dieses Urvertrauen, das die Schweizerinnen und Schweizer miteinander verbindet: Die Gewissheit, von all den schlimmen Dingen, die im Ausland passieren, nicht direkt betroffen zu sein. Das müsste uns doch glücklicher machen. Und dankbar. Und grosszügig. Und mitmenschlich.

Ist das nun schon Kitsch – oder eine von vielen Wahrheiten?

Dann schlägt es zwölf Uhr. Deambrosi lächelt charmant und sagt, seine Frau möge es gar nicht, wenn er zu spät zum Mittagessen komme. Die Führung ist beendet.

Wer will, kann ein Trinkgeld geben, es kommt dem Ortsmuseum zugute. So rasant, wie er auf der Piazza aufgetaucht ist, verschwindet er.

Wir stehen wieder im Regen. Und ich weiss jetzt, was ich in Oberkulm erzählen möchte.

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