Die Schlange an der Talstation im kleinen Walliser Skigebiet Bellwald zieht sich weit nach hinten bis zum Billett-Schalter. Der Schnee knirscht unter den Ski, es riecht nach Sonnencreme. Unauffällig schiebt sich die siebenjährige Tess an den Leuten vorbei nach vorne. Sie trägt eine rosa Jacke, eine rosa Hose und sie steht auf einem Sportgerät, das zu verschwinden droht.

Tess lernt diesen Winter das Snowboardfahren. Sie gehört zu einer Minderheit. Nur noch fünf Prozent der Schneesportschüler lernen Snowboardfahren, schätzt der ehemalige Präsident von Swiss Snowsports, Karl Eggen. Der Sport steckt in der Krise. Es ist die harte Landung nach einem spektakulären Höhenflug.

«Snowboarden verboten!»

Zum ersten Mal vom Snowboard hörte ein breiteres Publikum in der Schweiz im Dezember 1979. Die «Schweizer Illustrierte» erklärte ihren Lesern, «der (!) Snowboard» sei eigentlich «ein Surfbrett auf Schnee». Lange blieben Snowboards etwas für Exoten. Die Bergbahnen gingen zum aus den USA importierten Sport auf Distanz. In den Achtzigerjahren kam es nicht selten vor, das Snowboarden in einzelnen Skigebieten verboten wurde. Zu gefährlich seien die Bretter, die offenbar immer wieder ohne ihren Fahrer den Berg hinuntergerast waren. Erst als die Snowboarder ihr Fahrgerät mit einem Bändel sicherten, durften sie wieder auf die Piste.

Im Verlauf der 90er Jahre setzte das Snowboard zum Höhenflug an. Verkauften die Sportläden im Winter 1991/92 noch 18'000 Snowboards, waren es zehn Jahre später schon 110'000. Einer, den es früh packte, war Gian Simmen. Der heute 41-Jährige wuchs in Lenzerheide und in Davos auf und stand im Alter von drei Jahren zum ersten Mal auf Ski. Mit den damals noch sehr langen Latten wurde er aber nicht warm und zog es vor, Eishockey zu spielen. Als er aus der Tagesschau vom Snowboarden erfuhr, wusste er im Alter von 11 Jahren: «Das will ich machen». Er ahnte nicht, dass er zusammen mit dem neuen Sport zu Weltruhm aufsteigen würde.

Bei den Olympischen Spielen in Nagano im Winter 1998 war Snowboarden zum ersten Mal eine offizielle Disziplin, und Aussenseiter Gian Simmen aus Davos gewann überraschend die Goldmedaille in der Halfpipe. Nach Simmens Sieg wusste jedes Kind, was Snowboarden ist. Auf dem Anmeldetalon zum Sportferienlager beim Wort Ski ein Häkchen zu setzten, war plötzlich uncool. Und in jeder Kleinstadt gab es nun einen Snowboardladen. Schweizer Snowboarder gründeten mit «Zimtstern» sogar eine eigene Bekleidungsmarke.

Diese Zeiten sind vorbei. Die Verkäufe von Snowboards sind seit dem Jahr 2000 dramatisch eingebrochen. Im letzten Winter gingen noch 17'400 Stück über den Ladentisch. Das sind weniger als 1990/91. Heute sieht man selbst im «Fun Park», dem von Snowboardern erfundenen Bereich mit Schanzen und Hindernissen, manchmal mehr Ski- als Snowboardfahrer. «Zimtstern» stellte letztes Jahr die Produktion ein, und die Snowboardläden sind entweder aus den Innenstädten verschwunden oder verkaufen jetzt vor allem Surf- oder Skateboards.

Ski wurde wieder cool

Für den Rückgang des Snowboardsports gibt es verschiedene Gründe. Zum einen hat das Interesse an den Pistensportarten generell abgenommen. Auch Skis verkaufen sich schlechter. Diesen Trend federn Vermietungen nur zum Teil ab. Gleichzeitig hat Skiindustrie ihr Sortiment mittlerweile entstaubt.

Kaum hatten Snowboarder die Läden gestürmt, tauchten neue Produkte in den Regalen auf. Zuerst die kurzen Snowblades, dann taillierte Carvingski und schliesslich Freestyle-Ski, mit denen man genauso durch die Halfpipe fahren kann, wie die Snowboarder. Als hätte es noch einen Beweises für die neue Coolness des Skifahrens gebraucht, machte das olympische Komitee im Jahr 2010 Skicross zur offiziellen Disziplin. Die Sportart, bei der vier Sportler gleichzeitig die Piste hinunterrasen, war einst eine Domäne der Snowboarder.

Die kleine Snowboarderin Tess hat schliesslich auf dem Sessel der Bergbahn in Bellwald platzgenommen. Ihrem Sitznachbarn verrät sie, dass sie auch schon Ski gefahren ist. Es gefalle ihr sogar besser als das Snowboarden.