Gefahren

Viele Lawinen in der Schweiz – aber weniger Tote dank Müesli-Effekt

Dieser Sportler wurde von einer Lawine erfasst und blieb dank Airbag an der Oberfläche - wo er schnell aus den Schneemassen befreit werden konnte.

Dieser Sportler wurde von einer Lawine erfasst und blieb dank Airbag an der Oberfläche - wo er schnell aus den Schneemassen befreit werden konnte.

Immer mehr Wintersportler tummeln sich abseits der Piste. Wie kommt es, dass die Zahl der Lawinentoten nicht zunimmt?

Dieses Wochenende ist in vielen Schweizer Wintersportgebieten Saisonschluss. Abseits der Pisten war die Saison 2018/19 überdurchschnittlich gefährlich, wie die vorläufige Bilanz des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts in Davos zeigt. Bisher erfassten Lawinen in den Schweizer Bergen 187 Personen. Das sind deutlich mehr als im langjährigen Mittel. Laut Angaben des Lawineninstituts lag der Durchschnitt in den vergangenen 20 Jahren Ende März bei 168.

Umgekehrt sieht es bei den Lawinentoten aus. 15 waren es bis jetzt. Im langjährigen Mittel waren es per Ende März 18.

Mehr Menschen werden mitgerissen, weniger getötet. Wie kommt es zu dieser positiven Entwicklung?

Airbag rettet Freeridern das Leben

Ein Grund für die besseren Überlebenschancen könnte laut dem Davoser Lawinenforscher Benjamin Zweifel in der besseren Ausrüstung der Schneesportler liegen. Immer mehr Freerider, die vor allem im Hochwinter in den gefährdeten Gebieten unterwegs sind, tragen sogenannte Lawinenairbags. Geraten sie in eine Lawine, können sie mit einem schnellen Handgriff ihren im Rucksack integrierten Lawinenairbag aufpumpen. Ein Luftkissen sorgt dafür, dass die Einheit Mensch/Rucksack zu einem noch grösseren „Brocken“ wird.

Um zu verstehen, was dann passiert, lohnt sich der Blick in eine Müesli-Mischung. Durch die Erschütterungen beim Transport rutschen die kleineren Stücke in die entstehenden Zwischenräume ab. Die grösseren Brocken finden darin keinen Platz. Sie wandern nach oben.

Diesen Müesli-Effekt macht sich der Lawinenairbag zunutze. Solange die Lawine den mitgerissenen Schneesportler fortbewegt, wandert dieser dank Airbag an die Oberfläche. Das Resultat wurde bei Tests nachgewiesen: Wintersportler mit aufgeblasenem Airbag weisen generell geringere Verschüttungstiefen auf. Und das wirkt sich positiv aus. «Von 100 Personen ohne Airbag sterben in derselben Lawine 22 Leute, mit Airbag 13», sagt Lawinenforscher Zweifel.

Die Experten in Davos sind von der Wirksamkeit der Airbags überzeugt. Sie zeigt sich jetzt auch in der Lawinentoten-Statistik. «Immer mehr Menschen sind im gefährdeten Gebiet unterwegs, doch über die Jahre bleibt die Zahl der Lawinentoten stabil», so Zweifel.

Freerider mit Airbag.

Freerider mit Airbag.

Höhere Risikobereitschaft?

In solchen Sicherheitsgegenständen schlummert aber eine Gefahr. Was, wenn Wintersportler sich sagen «ich trage ja den Airbag, also kann ich diesen Hang trotz erhöhter Lawinengefahr befahren»? Zweifel ist davon überzeugt, dass Einzelne wegen des Airbags höhere Risiken eingehen. Auch zu dieser sogenannten Risikokompensation gibt es Studien. Manche bestätigen die These, andere nicht. Ihre Aussagekraft müsse laut Zweifel allerdings relativiert werden, da sie auf Online-Befragungen beruhen. «Im Gelände, vor Ort, würden sich die Menschen anders verhalten als zuhause am Computer», ist er überzeugt. Doch draussen im Gelände wurde das nie untersucht.

Doch Airbag hin oder her: Eine Lawine bedeutet für jene, die darin stecken, immer Lebensgefahr. Nur schon wegen der Sturzbahn und der massiven Verletzungen, die Lawinenopfer davon tragen können.

Zwar heisst es in vielen Skigebieten nun Saisonende, doch für die Skitourenfahrer beginnt erst jetzt die Hochsaison. Unter den Lawinentoten sind sie die grösste Gruppe, noch vor den Freeridern. Und aus Platz- und Gewichtsgründen tragen die wenigsten von ihnen einen Lawinenairbag.

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