Es ist ein offenes Geheimnis: Frauen in der Politik machen in erster Linie bei linken Parteien Karriere. So gehört mehr als die Hälfte der Bundesparlamentarierinnen zur SP und zu den Grünen. Bei der FDP und SVP hingegen sind Frauen in der krassen Minderheit.

Etwas anders sieht es aus, wenn man untersucht, in welchen Parteien eine Kandidatin die besten Wahlchancen hat. Denn: Die SP und die Grünen sind auch jene Parteien, die am meisten Frauen auf ihre Wahllisten setzen.

Das heisst: Eine Kandidatin hat unter Umständen bei einer Partei, die nur wenige Frauen auf die Liste setzt, bessere Chancen, gewählt zu werden - vorausgesetzt, die Parteibasis hat eine Vorliebe für Frauen.

GLP-Wähler bevorzugen Frauen bei der Wahl

Und so ist es denn auch: Laut einer Untersuchung des Berner Politologen Werner Seitz sind die Aussichten für Frauen nirgends so gut wie bei den Grünliberalen. Bei den eidgenössischen Wahlen 2015 hatte eine grünliberale Frau eine 1,5-Mal grössere Wahlchance als ein grünliberaler Mann.

Unten stehende Grafik zeigt auf, wo die Erfolgsaussichten einer weiblichen Kandidatur am besten ist. Der Wert 100 signalisiert gleiche Chancen für Mann und Frau. Übersteigt der Wert bei den Frauen den Wert 100, haben diese die besseren Wahlchancen; sonst ist das Umgekehrte der Fall.

Neben den Grünliberalen hat auch die SP-Wählerschaft eine klare Vorliebe für weibliche Kandidaturen. Auch bei den Sozialdemokraten ist die Chance, gewählt zu werden, als Frau 1,5-Mal besser.

«Offensichtlich ist unseren Wählern eine ausgeglichene Vertretung der Frauen ein Anliegen», kommentiert GLP-Präsident Jürg Grossen die Studie. Er sieht die Studie als Auftrag, möglichst ausgewogene Listen zusammenzustellen.

Die Kantonalparteien hätten denn auch die Zielvorgabe, möglichst paritätische Listen zusammenzustellen, sagt Grossen. So weit er das beurteilen könne, werde man diesem Ziel im Herbst nahe kommen. «Im Kanton Bern beispielsweise gehen wir mit gleich vielen Frauen wie Männern in die Wahlen.»

Kein Frauen-Malus bei der SVP

Auffällig ist auch die SVP: Zwar hat die Partei den mit Abstand tiefsten Frauenanteil auf den Wahllisten. Vor vier Jahren lag er bei 19 Prozent - verglichen mit den 35 Prozent über alle Parteien.

Und doch: Die Wahlchancen für eine Frau, die es erst mal auf die Wahlliste geschafft hat, sind kaum schlechter als bei einem Mann. Offenbar ist es nicht so, wie vielfach kolportiert wird, dass SVP-Wähler Frauen aus Prinzip nicht wählen.

FDP- und BDP-Wähler bevorzugen Männer

Hartes Brot essen die Frauen hingegen bei BDP und FDP. Bei der BDP sind die Aussichten eines Mannes 2,4-Mal besser als bei einer Frau. In der BDP-Fraktion im Bundesparlament mit acht Mitgliedern gibt es denn auch nur eine Frau: Fraktionschefin Rosmarie Quadranti.

Unausgewogen ist das Geschlechterverhältnis auch bei den Freisinnigen. Aus 45 Mitgliedern besteht die FDP-Fraktion, doch nur sieben davon sind Frauen. Ein Grund dafür ist die relativ schwache Präsenz von Frauen auf den Wahllisten. So betrug der Anteil bei den nationalen Wahlen 2015 unterdurchschnittliche 31 Prozent.

Wichtig ist aber auch ein anderer Faktor: Jene Frauen, die auf den Wahllisten stehen, haben schlechte Wahlchancen. FDP-Männer haben eine 1,6-Mal bessere Chance, gewählt zu werden, als FDP-Frauen. Offenbar wählt die Basis der Freisinnigen lieber Männer als Frauen ins Bundesparlament.

Wieso das so ist, kann die FDP nicht erklären. Kommunikationschef Martin Stucki sagt:

So ermuntere die Bundespartei die Kantonalparteien, nach qualifizierten Frauen Ausschau zu halten und diese von einer Kandidatur zu überzeugen.

Stucki ist überzeugt, dass sich die weiblichen Wahlchancen bei der FDP verbessern werden. Er verweist auf die deutlich gestiegene Vertretung der Frauen auf den Wahllisten. So betrage der Frauenanteil bei den Wahlen im Herbst 45 Prozent. «Je mehr Frauen kandidieren, desto eher werden sich unsere Wähler auch bewusst werden, dass unsere Kandidatinnen qualifiziert sind», sagt er.

Für die Frauen sieht es immer besser aus

Insgesamt entwickeln sich die Aussichten für die Frauen positiv. Bei den letzten Wahlen im 2015 hatte eine Frau auf einer beliebigen Wahlliste beinahe dieselben Chancen, gewählt zu werden, wie ein Mann.

Dies unterscheidet sich markant von den Zuständen der Vergangenheit. 1971 bei der erstmaligen Beteiligung der Frauen an den eidgenössischen Wahlen waren die Wahlchancen von Männern 3,5-Mal grösser als jene einer Frau.

Seither haben sich die Aussichten der Frauen stetig verbessert. Hält die Frauendebatte bis im Herbst an, ist es gut möglich, dass sich die Erfolgschancen einer Kandidatin nicht mehr von einem Kandidaten unterscheidet.