Bevor die Krankenkasse Kolping pleiteging, zeigte sie sich als grosszügige Gastgeberin. Von 2008 bis 2015 sponserte sie die Kloten Flyers und kaufte sich den Namen des Zürcher Eisstadions. Die heutige SwissArena hiess Kolping-Arena.

Der damalige CEO konnte seine serbelnde Kasse damit einem breiten Publikum bekannt machen und darüber hinaus seine Kontakte zur Bundesverwaltung pflegen. Ein Freund sass dort auf einem entscheidenden Posten: Er war Leiter der Sektion Audit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und damit für die Überwachung der Krankenkassen zuständig.

Die beiden Männer kennen sich seit über dreissig Jahren aus der Versicherungsbranche und interessieren sich beide für Eishockey. Der Chefauditor ist Fan von Lugano, während der Krankenkassen-CEO für Kloten fiebert. In der Loge der Kolping-Arena verfolgten sie die Spiele der gegnerischen Mannschaften Seite an Seite.

Der Kolping-CEO lud den Chefauditor zu VIP-Veranstaltungen mit Nachtessen ein. Der oberste Krankenkassen-Aufseher meldete dies seinen Vorgesetzten nicht. Er erwähnte die mögliche Befangenheit auch nicht, als er 2015 die Aufgabe annahm, ein Sonderaudit über Kolping durchzuführen. Die BAG-Leitung vermutete Unregelmässigkeiten bei der Kasse. Der Chefauditor zeichnete in seinem Bericht jedoch ein positiveres Bild.

Eine unabhängige Untersuchung zeigte später, dass er gravierende Mängel übersehen hatte. Das BAG geht von Korruption in den eigenen Reihen aus. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass «die krasse Fehlleistung» des Auditors den freundschaftlichen Beziehungen zum geprüften Unternehmen geschuldet sei und im Zusammenhang mit den Einladungen stehe, heisst es in Gerichtsakten.

Beamter machte sich erpressbar

Der Vorfall wird jetzt publik, weil der Chefaufseher gegen seine frühere Arbeitgeberin vor Gericht ging. Vor einem Jahr war er fristlos entlassen worden. Gegen die Kündigung legte er Beschwerde ein. Das Bundesverwaltungsgericht kommt nun zum Schluss, dass die Kündigung gerechtfertigt war. Die Hockey-Affäre ist allerdings nicht der Hauptgrund für die Kündigung. Zum Verhängnis wurde dem BAG-Kadermann, dass er über Jahre zu viele Spesen kassiert hatte. Besuchte er eine Krankenkasse, spendierte sie ihm in der Regel das Essen im Personalrestaurant.

Dennoch stellte der Beamte den Wert der Mahlzeit dem Bund in Rechnung. Das BAG wirft ihm nicht nur vor, sich an Steuergeldern bereichert, sondern sich auch erpressbar gemacht zu haben. Denn seine Vorgehensweise sei den auditierten Krankenkassen bekannt gewesen. Zudem habe er zu lange Dienstwege in Rechnung gestellt. Hinzu kommt ein weiterer Interessenskonflikt, den er nicht deklarierte: Der Staatsangestellte führte nebenbei eine Firma, die unter anderem Versicherungsberatung anbot.

Mit den diversen Treuepflichtverletzungen habe der Mann die Glaubwürdigkeit des BAG gefährdet, argumentiert es. Damit die Audits über die Krankenkassen in der Öffentlichkeit als unabhängig wahrgenommen würden, müsse die Integrität des Chefauditors über jeden Zweifel erhaben sein. Das Gericht stützte die Einschätzung.

Bund verzichtet auf Strafanzeige

Die Vorwürfe des BAG sind happig. Trotz des Korruptionsverdachts verzichtete es jedoch auf eine Strafanzeige. BAG-Kommunikationschef Daniel Bach sagt: «Nicht alle Tatbestände, die personalrechtlich relevant sind, sind auch strafrechtlich relevant.» Das BAG habe in dem Fall eine Strafanzeige geprüft: «Wir haben aber nicht genügend Anhaltspunkte dafür gesehen, dass das Strafrecht verletzt worden ist.»

Für das BAG endet die Affäre teurer als erwartet. In einem Nebenpunkt hat der Entlassene vor Gericht Recht erhalten. Das BAG habe die Kündigung zu lange hinausgezögert, urteilt es. Der Bund muss nun eine Entschädigung von acht Monatslöhnen zahlen. Der Mann verdiente 184 000 Franken pro Jahr.

Der heute 63-Jährige sagt auf Anfrage, er sei enttäuscht und verletzt: «Mein Reputationsschaden ist grösser als die Entschädigung.» Er sieht sich als Opfer einer Intrige. Er habe nur die gängige Praxis umgesetzt. Vor Gericht gab er zudem an, bei den VIP-Events habe es sich um private Anlässe gehandelt.

So habe er die Einladungen der Krankenkasse nicht mehr angenommen, nachdem sein Freund als CEO zurückgetreten war. Das BAG interpretiert die Aussage anders: Dass auch der neue CEO Einladungen verschickte, zeige, dass es sich eben nicht um eine rein private Angelegenheit gehandelt habe.