Verkehr
Bleibt es beim Nadelöhr? Projekt Schnellstrasse in der Magadino-Ebene in der Kritik

Am neuen Projekt für die Anbindung des Locarnese an die Autobahn A2 übt das Bundesamt für Umwelt Kritik. Stirbt nun die geplante Schnellstrasse?

Gerhard Lob
Drucken
Teilen

Einheimische wie Touristen kennen das Problem. Die Strassenverbindung von der Autobahnausfahrt Bellinzona Süd nach Locarno und Ascona ist ein Nadelöhr. Die alte Kantonsstrasse mit ihren vielen Kreiseln ist hoffnungslos überlastet. Nicht nur zu Stosszeiten. Staus sowie Stop-and-go-Verkehr sind an der Tagesordnung und zehren an den Nerven der Autofahrerinnen und Autofahrer, welche für die 20 Kilometer von der A2 nach Locarno häufig bedeutend länger als eine Stunde benötigen.

Der Schutz des Auengebiets Bolle di Magadino am Lago Maggiore ist der Hauptgrund der Kritik am neuen Strassenprojekt

Der Schutz des Auengebiets Bolle di Magadino am Lago Maggiore ist der Hauptgrund der Kritik am neuen Strassenprojekt

Keystone

Seit Jahrzehnten fordern Gemeinden und Politiker des Locarnese, im Einklang mit Touristikern, eine Schnellstrasse, welche den Umfahrungstunnel Locarno durchgehend an die A2 anbindet. Fertiggestellt sind nur wenige Kilometer zwischen dem Flughafen Magadino und Tenero – bekannt für seine vielen Campingplätze am Seeufer des Lago Maggiore. «Das Locarnese ist die letzte Grossagglomeration der Schweiz, die nicht an das Nationalstrassennetz angebunden ist», sagt Claudio Zali (Lega), Direktor des kantonalen Bau-, Verkehrs- und Umweltdepartements.

Erster Anlauf blieb erfolglos

Der Tessiner Verkehrsdirektor hat vor Jahren einen neuen Anlauf für die Schnellstrasse genommen, nachdem das unter seinem Vorgänger Marco Borradori ausgearbeitete Projekt – die so genannte Variante ’95 - im September 2007 in einer kantonalen Volksabstimmung gebodigt worden war. Zentraler Bestandteil des neuen Projekts ist ein 6,5 Kilometer langer Umfahrungstunnel – mit zwei einspurigen Röhren plus Pannenstreifen- auf der linken Seite der Magadino-Ebene. So könnten die Dörfer durch den Berg umfahren werden. Der Konsens war gross. Auch Naturschützer und Grüne stimmten dieser Linienführung zu, die stolze 1,5 Milliarden Franken kostet.

Ein kleines Teilstück bringt noch keine Entlastung: Kreisel beim Flugplatz Magadino.

Ein kleines Teilstück bringt noch keine Entlastung: Kreisel beim Flugplatz Magadino.

Keystone

Allerdings ist die Zukunft dieses 2018 eingereichten und mittlerweile verfeinerten Projekts unsicher, wie Marco Fioroni, Leiter der Filiale Südostschweiz des Bundesamtes für Strassen (Astra), dieser Tage in einem Interview mit dem Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI) erklärte. Denn seit Januar 2020 ist das Astra für diese Strassenverbindung nach Locarno zuständig und hat die Planungshoheit.

Die Auenlandschaft steht dem aktuellen Projekt im Weg

Grund für die unklare Zukunft des Projekts ist die Kritik des Bundesamtes für Umwelt (Bafu): Die Einfahrtsbereiche zum Nord- und Südportal seien problematisch. Im Süden steht die Querung des Flusses Tessin mit einer 30 Meter breiten Brücke in der Kritik. Diese würde parallel die neue Schnellstrasse, die alte Kantonsstrasse sowie einen Velostreifen aufnehmen. Für das Amt ist eine so breite Brücke ein No-Go, da sie über das Naturschutzgebiet Bolle di Magadino führt, eine international anerkannte Auenlandschaft. Das Projekt wäre demnach unvereinbar mit den Schutzvorschriften für solche Gebiete.

Die 30 Meter breite Brücke über den Fluss Tessin ist dem Bundesamt für Umwelt zu breit: Sie verstosse gegen den Naturschutz.

Die 30 Meter breite Brücke über den Fluss Tessin ist dem Bundesamt für Umwelt zu breit: Sie verstosse gegen den Naturschutz.

Bild: Projektskizze des Kantons Tessin

Ebenfalls problematisch ist das Projekt auf der Nordseite des Tunnels, wo bei Camorino der Autobahnanschluss durch eine Tieferlegung der Strasse erreicht werden soll. Hier zeigen sich logistische Probleme bei der baulichen Umsetzung. «Mit einer Verlängerung des Tunnels liesse sich dieses Problem vielleicht grundsätzlich lösen», so Marco Fioroni. Sicher ist jedenfalls: Das Projekt ist nicht soweit ausgearbeitet, um vom Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds (NAF) finanziert zu werden.

Die angestrebte Inbetriebnahme im Jahr 2035 ist jedenfalls jetzt schon Makulatur. Von 2040 ist mittlerweile die Rede. Der Tessiner Nationalrat Fabio Regazzi (Mitte) glaubt sogar, dass das ganze Projekt scheitern könnte. Weniger pessimistisch ist Verkehrsdirektor Zali, aber auch SP-Nationalrat Bruno Storni, welcher in der projektbegleitenden Arbeitsgruppe einsitzt. «Man wird versuchen, die kritischen Punkte auszubügeln», so Storni.

Für Touristen und Pendler wird sich die Situation zwischen Bellinzona und Locarno/Ascona folglich auf absehbare Zeit nicht ändern. Dieses Jahr haben sich zumindest Touristen davon nicht abschrecken lassen. Zwischen März und Mai boomte die Branche im Tessin, Spitzenreiter bei den Übernachtungen war just die Region Locarnese. Die dortige Tourismusorganisation zählte 444353 Logiernächte – das entspricht einem Plus von fast 60 Prozent gegenüber dem Vor-Coronajahr 2019. Allerdings nicht alle Touristen kommen mit dem Auto nach Locarno. Insbesondere Deutschschweizer reisen häufig mit der Bahn an. Die Zugverbindungen nach und von Locarno haben sich mit der Umstellung auf den Fahrplan 2021 deutlich verbessert. Die Südostbahn (SOB) führt sogar wieder umsteigefreie IR-Direktverbindungen von Basel und Zürich nach Locarno.

Aktuelle Nachrichten