Umwelt
Dioxine im Boden: In Lausanne sind grüne Oasen verseucht - droht dieses Schicksal auch anderen Städten?

Weil zu viel Dioxine im Lausanner Boden sind, müssen Anwohner nun besonders auf ihre Kleinkinder achten, Gemüse wegwerfen und auf Eier verzichten. Im Quartier, in dem einst die Kehrichtverbrennungsanlage stand, die wohl schuld am Übel trägt, bleibt man dennoch gelassen.

Dominic Wirth
Drucken
Teilen
Achtung, Dioxin: Solche Tafeln finden sich an vielen Orten in Lausanne.

Achtung, Dioxin: Solche Tafeln finden sich an vielen Orten in Lausanne.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Eben war da noch Stadt. Verwinkelte Gassen, weite Plätze, stark befahrene Strassen. Doch dann, nur ein paar Schritte später, gleich oberhalb der Altstadt, wechselt Lausanne plötzlich die Farbe. Grün statt grau. Verschlungene Pfade winden sich nun durch Wald und Wiesen.

In Lausanne ist man stolz auf das grüne Herz der Stadt. Den Parc de l’Hermitage. Den Wald von Sauvabelin, ihn erst recht. Dort gibt es einen kleinen See und einen Tierpark, der viele Familien anlockt. Hinter einem Zaun grasen Schafe. Hinter einem anderen gackern Hühner. Doch ihre Eier darf niemand mehr essen. Und die Erde sollen die Lausannerinnen und Lausanner schon länger meiden, besonders gilt das für die Kinder. Das verkünden Warnschilder, die an Wegen und Spielplätzen stehen, rot umrandet.

Lausanne ist eine grüne Stadt, das gilt wortwörtlich, und es gilt auch politisch. Und sie ist auch: die verseuchteste im Land. «Hier wurde eine Verschmutzung mit Dioxinen entdeckt», so steht es auf den Schildern im Wald von Sauvabelin.

Ab 100 Nanogramm wird saniert, gemessen: 600

Zutage gefördert haben das Untersuchungen. Schon im Mai gaben die Behörden erste Ergebnisse bekannt und sperrten gewisse Spielplätze und Sportanlagen. Seit dieser Woche weiss man nun genauer, wie sehr die Lausanner Böden belastet sind. An manchen Stellen wurden Dioxinwerte von über 600 Nanogramm pro Kilogramm Boden gemessen. Schon Werte von über 20 gelten als potenziell gefährlich für Mensch und Tier; übersteigen sie die 100er-Grenze, werden laut Gesetz Bodensanierungen notwendig. Vertreter des Kantons sprachen diese Woche von einer Situation, wie sie in der Schweiz noch nie angetroffen worden sei.

Weite Teile des Stadtgebiets sind betroffen. Lausanne ist nun eine Stadt der Gefahrenzonen. Dort, wo die Belastung am höchsten ist, sind die Leute angehalten, die Eier ihrer Hühner nicht mehr zu essen, die Kürbisse wegzuwerfen, Wurzelgemüse wie Karotten gut zu waschen und zu schälen. Eltern sollen darauf achten, dass ihre Kinder keine Erde essen. In den weniger belasteten Gebieten gelten abgeschwächte Regeln.

Die Stadt Lausanne hat nun weitere Massnahmen auf ihren Parzellen vorgeschlagen. Dazu gehört auch die Schliessung eines städtischen Gartens. In zwei Kitas soll der Boden mit Holzspänen abgedeckt werden.

Das Quartier Vallon liegt gleich neben dem grünen Herzen von Lausanne. Dort steht Dominique Hugon, er zeigt auf ein Stück Land, das sein Quartier prägt, seit vielen Jahren schon. Und auch heute noch, obwohl dort eigentlich gar nichts mehr ist. Büsche und Sträucher überwuchern das Areal, Container, Mulden und parkierte Autos stehen da.

Schuld ist wohl ein Kehrichtverbrennungsanlage, die längst nicht mehr steht

Hugon hat ein Bild aus der Vergangenheit mitgebracht. Darauf ragt ein Kamin in die Höhe, er spuckt Rauch aus, graue Gebäude umstehen ihn. Das Bild zeigt die alte Kehrichtverbrennungsanlage Vallon. «Sie stand genau an dieser Stelle», sagt Hugon. Er ist Mitglied im Komitee des Quartiervereins Vallon; seit 15 Jahren lebt er hier. Die Behörden vermuten, dass die Anlage der Grund dafür ist, dass in Lausanne seit dem Frühling eine Art Ausnahmezustand gilt. Die Dioxin-Rückstände auf dem Stadtgebiet, so der Verdacht, stammen von ihr. Bis 2005 war sie in Betrieb. Dann wurde sie abgerissen. Die hochgiftigen Dioxine, nur schwer abbaubar, sind immer noch da.

Laut der Gefahrenkarte des Kantons gehört Vallon zu den Quartieren, die am stärksten mit Dioxinen verseucht sind. Beim Spielplatz an der Place du Nord wurden 211 Nanogramm Dioxin pro Kilo gemessen. Büsche und Rasenflächen liegen hinter orangem Absperrband. Auch hier hängen Warnschilder.

Die Anwohner Myriam Daetwyler und Dominique Hugon: Keine Panik, aber etwas tun muss sich nun schon.

Die Anwohner Myriam Daetwyler und Dominique Hugon: Keine Panik, aber etwas tun muss sich nun schon.

Dominic Wirth / Aargauer Zeitung

Myriam Daetwyler hat mit ihrem sechsjährigen Sohn schon viele Stunden auf dem Platz verbracht. Dass hier die Erde verseucht ist, hat sie nicht gerade in Panik versetzt. «Aber nachdenklich gemacht hat es mich schon», sagt sie. Die Geschichte ihres Quartiers, sagt sie, rücke ins Bewusstsein, dass der Mensch eben nicht nur die Luft verschmutzt habe. Sondern auch die Erde.

Ein SVPler fordert eine Anlaufstelle für Betroffene

Vallon ist kein glamouröses Quartier. Es gab hier früher viel Industrie. Heute beheimatet es ein Fixerstübli und eine Notunterkunft für Obdachlose. Hugon sagt, es gebe einige Leute, die sich sehr ins Zeug legen für die paar Häuserzeilen, die sich in ein kleines Tal zwängen. Er und Daetwyler – auch sie ist Mitglied des Quartierverein-Komitees – gehören zu ihnen.

Sie sagen, im Quartier gingen die meisten gelassen um mit der Situation. So wie der junge Vater, der sagt, er schaue einfach, dass sein Töchterchen die Hände gut wasche. Oder die alte Dame, die schon lange in Vallon lebt und am Telefon berichtet, wie schmutzig der Rauch früher war – und dass es ihr bis heute dennoch gut gehe. Eines aber wollen Daetwyler und Hugon auch festgehalten haben. «Wir erwarten schon, dass es jetzt vorwärts geht, dass man die Böden saniert, wo es nötig ist», sagt Daetwyler. Das Gift soll aus den Böden, und zwar schnell.

Fabrice Moscheni, Gemeinderat

Fabrice Moscheni, Gemeinderat

Bild: SVP

Das sieht auch Fabrice Moscheni so. Er sitzt für die SVP im Lausanner Gemeinderat. Und spart nicht mit Kritik an den Behörden. Er sagt, zehntausende Menschen seien jahrzehntelang verseuchten Böden ausgesetzt gewesen. «Für sie braucht es eine Anlaufstelle, die medizinische Tests anbietet», sagt Moscheni. Und weist auf gesundheitliche Risiken wie Krebs oder Unfruchtbarkeit hin.

Die Behörden betonten allerdings mehrfach, dass keine unmittelbare Gefahr bestehe. Und auf Moschenis Vorwurf, dass längst etwas hätte passieren müssen, weil die Stadt schon in den 1990ern von Dioxin-Resten wusste, entgegnet die zuständige Stadträtin Natacha Litzistorf, dass die Böden lange so etwas wie «die Stiefkinder der Umweltpolitik» gewesen seien. So sei etwa rechtliche Rahmen mit Grenzwerten erst spät gekommen. «Das hat die Sensibilisierung nicht gefördert», sagt sie. Nun werde aber alles getan, um rasch Lösungen zu finden.

Dass man im Lausanne dem Dioxin auf die Spur kam, liegt an einem Zufall. Eine Privatperson untersuchte ihr Land und stiess auf hohe Dioxinwerte. In der Folge wurden Stadt und Kanton aktiv. Der «Fall Lausanne» wirbelt einigen Staub auf. Verschiedene Kantone haben bereits angekündigt, bei ihren Kehrichtverbrennungsanlagen ebenfalls Messungen vorzunehmen. In Lausanne rückt derweil die Frage, welche Böden wie saniert werden sollen und wer bezahlt, auf die Agenda. Im Rest der Schweiz schaut man genau hin.

Aktuelle Nachrichten