Analyse

Trotz Risiken spricht vieles für die Lockerung der Massnahmen gegen das neue Coronavirus

Solche Szenen wird es ab dem 11. Mai wieder geben können. (Archivbild)

Solche Szenen wird es ab dem 11. Mai wieder geben können. (Archivbild)

Der Leitartikel zum Entscheid des Bundesrates, die Massnahmen gegen das neue Coronavirus schneller aufzuheben als geplant.

Der Bundesrat gibt dem Druck der Wirtschaft nach. Ab dem 11. Mai dürfen in der Schweiz neben Einkaufsläden und den obligatorischen Schulen auch Restaurants, Museen und Bibliotheken ihre Tore wieder öffnen. Die Kehrtwende war so bis vor kurzem nicht absehbar. Mitte April hatte die Landesregierung signalisiert, dass die Gastrobetriebe frühestens ab dem 8. Juni wieder Gäste bewirten dürfen.

Gesundheitsminister Alain Berset begründete dies mit der Notwendigkeit, die Entwicklung der Fallzahlen abzuwarten. Mit dem nun beschleunigten Ausstieg aus dem Lockdown endet für Zehntausende Schweizer Betriebe und ihre Angestellten eine bald zweimonatige Phase der Ungewissheit. Die Unternehmen hoffen, dass sie die Umsatzverluste der vergangenen Wochen zumindest teilweise kompensieren können. Für Euphorie ist es leider zu früh: Betriebswirtschaftlich verunmöglichen die strengen Schutzregeln grosse Sprünge.

Niemand kann die Entwicklung der Fallzahlen vorhersagen

Die beschlossene Lockerung birgt auch erhebliche Risiken. Kein Epidemiologe, kein Krisenstab und auch kein Bundesrat kann verlässlich vorhersagen, wie sich die Aufhebung des Lockdown auf die Zahl der Neuinfektionen auswirken wird. Je nach Modell bleibt sie auf dem aktuellen tiefen Niveau, oder es kommt zu einem erneuten exponentiellen Anstieg der Ansteckungskurve mit Tausenden zusätzlichen Todesfällen. Eine solche zweite Welle wäre mit einem weiteren Lockdown verbunden und könnte laut Ökonomen zu einer langen Rezession und einer Finanzkrise führen.

Trotzdem wäre es falsch, noch Monate zuzuwarten. Es gibt gute Argumente, um jetzt einen stufenweisen Ausstieg aus dem Lockdown zu wagen. Die Zahl der täglichen Neuansteckungen mit dem neuen Coronavirus sinkt kontinuierlich; die Intensivstationen verzeichnen kaum neue Patienten mit schweren Symptomen; die Spitäler können ihre Kapazitäten bei Bedarf rasch wieder hochfahren; auch medizinische Fachleute halten eine Lockerung für verantwortbar. Die Bevölkerung hat sich derweil an die Einhaltung der Hygiene- und Distanzregeln gewöhnt, und auch Unternehmen mit direktem Kundenkontakt zeigen sich gewillt, mit Schutzkonzepten weitere Infektionen zu verhindern, oder tun dies wie im Fall der Coiffeur-Branche bereits aktiv.

Glaubwürdigkeit des Bundesamtes für Gesundheit ist angeschlagen

Erheblichen Aufholbedarf gibt es bei den Bundesbehörden. Der Bundesrat hat am Mittwoch zwar angekündigt, dass sich künftig auch junge Menschen mit leichten Symptomen und ohne Vorerkrankung auf eine Ansteckung testen lassen dürfen; er hat versprochen, dass die Kantone mittels Contact-Tracing die Kontaktpersonen von infizierten Menschen aufspüren werden; und er hat in Kooperation mit den ETH Zürich und Lausanne eine freiwillige Smartphone-Applikation angekündigt, welche ihre Nutzer informiert, wenn sie sich in der Nähe einer infizierten Person befunden haben.

Aber wenn man bedenkt, dass es das Bundesamt für Gesundheit mehrere Monate nach dem Ausbruch der Pandemie immer noch nicht schafft, einzelne Ansteckungsfälle automatisiert zu erfassen, stellen sich berechtigte Fragen. So tauchte in der Todesfallstatistik des Bundesamtes für Gesundheit vor wenigen Tagen ein neunjähriges Mädchen auf, das sich auf Nachfrage von Journalisten als Eingabefehler herausstellte: Mitarbeiter des Bundesamtes hatten statt das Jahr 1911 das Jahr 2011 als Geburtsdatum in die Datenbank eingetragen. Tatsächlich war eine 109-jährige Frau gestorben.

Schaden nahm die Glaubwürdigkeit des Bundesamtes für Gesundheit auch im Zusammenhang mit den widersprüchlichen Aussagen des Covid-19-Delegierten Daniel Koch zur Wirksamkeit von Gesichtsmasken als Schutzmassnahme und zur Ansteckungsgefahr, die von Kleinkindern ausgeht.

Bevor der gestaffelte Wiedereinstieg in die Normalität am kommenden 11. Mai beginnt, sollte der Bundesrat alles daransetzen, das verlorene Vertrauenskapital zurückzugewinnen. Denn ohne die Kooperation der Bevölkerung ist jede noch so ausgeklügelte Eindämmungsstrategie wirkungslos.

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