Strafjustiz
Lauber-Nachfolge: Vorteil für die zwei Frauen im Rennen – aber vor einem Mann zittern die Platzhirsche besonders

Zwei sehr unterschiedliche Frauen wollen Bundesanwältin werden – beide haben intakte Chancen.

Henry Habegger
Merken
Drucken
Teilen
Wollen Lauber-Nachfolge antreten: Félix Reinmann, Lucienne Fauquex (Mitte), Maria-Antonella Bino.

Wollen Lauber-Nachfolge antreten: Félix Reinmann, Lucienne Fauquex (Mitte), Maria-Antonella Bino.

ZVG/Keystone/ZVG

Die Meinungen bei Mitarbeitenden der Bundesanwaltschaft (BA) gehen auseinander. «Alle drei wären Fehlbesetzungen», findet ein Ex-Staatsanwalt. «Ich könnte mir alle drei gut vorstellen», sagt ein anderer.

Die drei, das sind die zwei Frauen und der Mann, die sich in der zweiten Ausschreibung bei der Gerichtskommission des Bundesparlaments für die Nachfolge von Bundesanwalt Michael Lauber beworben haben. Maria-Antonella Bino (54), die bis 2013 kurzzeitig stellvertretende Bundesanwältin war, dann aber zu einer Bank wechselte. Lucienne Fauquex (61), einst Chefin der Zweigstelle Zürich, jetzt Leiterin Rechtsdienst der Bundesanwaltschaft. Und Félix Reinmann (50), lange Staatsanwalt bei der BA, jetzt Generalsekretär im Departement für wirtschaftliche Entwicklung in Genf.

Bino mit einem wendigen Fürsprecher im Rücken

Als «klare Favoritin» und «Frau mit Biss» handelt der «Tages-Anzeiger», der schon Lauber bis in den Untergang unterstützte, die Genferin Bino. Sie kann auch auf Support des Genfer Wirtschaftsanwalts Christian Lüscher zählen, der schon Laubers tatkräftigster Fürsprecher war. Der FDP-Nationalrat vertritt seine betuchte Kundschaft immer wieder in Strafverfahren, trotzdem kann er als Mitglied der Gerichts- und der Rechtskommission bisher unbehelligt Einfluss auf Wahlen von Richtern und Bundesanwälten nehmen.

Maria-Antonella Bino.

Maria-Antonella Bino.

ZVG

Die gut vernetzte Bino, «sehr charmant und sehr ich-bezogen», wie eine ehemalige Mitarbeiterin sagt, hinterliess laut Beobachtern bei der ersten Anhörung in der Gerichtskommission einen zwiespältigen Eindruck. Darauf angesprochen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten würde, blieb sie wortreich im Ungefähren. Fauquex und Reinmann dagegen hätten klare Aussagen und Vorstellungen präsentiert.

Derzeit absolvieren die Bewerber externe Eignungsbeurteilungen bei einem spezialisierten Unternehmen. Nächste Woche soll die Gerichtskommission die Wahl in Kenntnis der Testresultate vorspuren, die für März durch die Bundesversammlung geplant ist.

Bankjob entsprach ihr mehr

FDP-Mitglied Bino gilt gerade BA-intern als «weibliche Version von Lauber». Weil auch sie, derzeit bei einer Cryptobank tätig, als sehr bankennah ist. «Ihr könnte die Macht in den Kopf steigen», sagte eine Insiderin, die alle drei Bewerber kennt. Zudem hat Bino wie Lauber, Stichwort Fifa-Verfahren, den Ruf, besser anzukünden als vollenden zu können. Bevor sie die Verfahren zum «arabischen Frühling» und blockierten Diktatorengelder zu Ende führte, wechselte sie 2013 als Chefin Compliance und Rechtssachen zur Bank BNP Paribas in Genf.

Man habe ihr «eine neue Rolle angeboten, die meinen Überzeugungen und Ansprüchen mehr entspricht», liess sie im Januar 2013 wissen. Wohin sie ging, sagte sie nicht, das werde ihr neuer Arbeitgeber «zu gegebener Zeit» tun. Erst fünf Monate später wurde ihr neuer Arbeitgeber durch eine Mitteilung der Paribas öffentlich. «Damit hatte Bino bis zum Ende ihrer Tätigkeit bei der BA Zugriff zu Informationen ihrer künftigen Kunden», sagt ein kritischer Beobachter.

Nicht wiedergewählt, jetzt wieder im Rennen

Als hartnäckiger Strafverfolger dagegen gilt Reinmann, in Genf geborener Sohn Berner Eltern. Unter Lauber wurde ihm das zum Verhängnis. Er gehörte 2015 zu jenen fünf Staatsanwälten, die ohne vorgängige Verwarnung nicht wiedergewählt wurden. Ungerechtfertigt, im Fall von Reinmann verurteilte das Bundesverwaltungsgericht die BA zur Zahlung von 14 Monatslöhnen. Lauber hatte offenbar im Februar 2015 angeordnet, dass pro Abteilung eine Person entlassen wurde.

Félix Reinmann

Félix Reinmann

ZVG

Im Hinblick auf seine eigene Wiederwahl im Sommer 2015 wollte er Stärke markieren. Reinmann, der sich vor allem um Bekämpfung der organisierten Kriminalität kümmerte, wird von Mitarbeitern als «sehr korrekt und mutig» beschrieben. Ihn traf es laut Beobachtern, weil er dem nicht sattelfesten Bundesanwalt und dessen Adlaten wiederholt offen widersprach. So wehrte er sich dagegen, dass gewisse Strafverfahren eingestellt werden sollten.

In der Dienststelle Zürich traf die Säuberungsaktion 2015 offenbar die Chefin selbst, Lucienne Fauquex. Sie wurde laut Insidern vor die Wahl gestellt, entweder zum Rechtsdienst nach Bern zu wechseln oder entlassen zu werden. Offenbar hatte es gewisse Führungsprobleme in Zürich gegeben, aber Beobachter glauben, dass Fauquex in den Rechtsdienst weggemobbt wurde.

Zurückhaltend und kompetent

Ein unverdächtiger Zeuge schildert sie als «kluge, integre Frau, die fachlich einen guten Job machte». Sie habe Stil und sei sehr zurückhaltend, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin, die auch Bino kennt. Fauquex sei in mancher Hinsicht, fachlich und im Auftreten, das Gegenteil der «perfekten Verkäuferin in eigener Sache», so Bino.

Lucienne Fauquex.

Lucienne Fauquex.

Keystone

Schaffen Fauquex oder Reinmann die Wahl, werden einige Herren zittern, die Lauber unkritisch zudienten. Namentlich die Mitglieder der Geschäftsleitung, die Stellvertreter Ruedi Montanari und Jacques Rayroud, Generalsekretär Mario Curiger und Pressechef André Marty.

Vor allem Reinmann, der unter sehr zwielichtigen Umständen gefeuert wurde, hat noch einige Rechnungen offen. Aber auch Fauquex litt zuletzt, das bestätigen Insider unisono, unter den Selbstherrlichkeiten von Lauber und dessen Generalsekretär Mario Curiger. Das Duo umging den Rechtsdienst systematisch, weil dieser immer wieder rechtliche Vorbehalte gegen das Vorgehen der BA-Leitung anmeldete. So liefen etwa die Beschaffungen am Rechtsdienst vorbei.

Frauen scheinen derzeit im Vorteil

Einiges deutet derzeit darauf hin, dass eine Frau das Rennen macht. Links-Grün tendiert auf eine Frau, aber beispielsweise auch die FDP-Frauen drängen in diese Richtung. Die bisher einzige Bundesanwältin war Carla del Ponte. Wobei Beobachter auch nicht ausschliessen, dass Reinmann der lachende Dritte sein könnte. Viel hängt jetzt jedenfalls auch vom Resultat der externen Beurteilungen ab.

Ein Vorteil könnte für Fauquex sein, dass sie angesichts ihres Alters nur eine Übergangschefin für einige Jahre sein könnte. Das wäre just etwa für die Zeit, die das Parlament benötigt, um die Bundesanwaltschaft neu auszurichten. So werden derzeit die derzeit immensen Kompetenzen des Bundesanwalts oder der Bundesanwältin überprüft. Entschieden muss auch werden, ob weiterhin das Parlament für die Wahl zuständig ist oder ob dies wieder wie früher Sache des Bundesrats wird.