Künstlich am Leben
Sterbehilfe: Wann darf der Arzt den Stecker ziehen?

Eine Familie stritt vor dem Gerichtshof für Menschenrechte darüber, ob die Nahrungszufuhr des Angehörigen abgestellt werden darf. Seit sieben Jahren ist er querschnittsgelähmt. Sein Zustand verbessert sich nicht.

Anna Wanner
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Der Franzose Vincent L. lebt seit einem Verkehrsunfall 2008 in einem Zustand minimalen Bewusstseins und ist auf künstliche Ernährung angewiesen.

Der Franzose Vincent L. lebt seit einem Verkehrsunfall 2008 in einem Zustand minimalen Bewusstseins und ist auf künstliche Ernährung angewiesen.

Keystone

Vincent L. geriet vor sieben Jahren in einen Verkehrsunfall. Dabei erlitt der Franzose derart schwere Kopfverletzungen, dass er zunächst in ein Koma fiel, dann zwar aufwachte, aber bis heute nicht richtig bei Bewusstsein ist. Die Ärzte reden im Fall des 39-Jährigen von einem «minimalen Bewusstseinszustand». L. kann Schmerz empfinden, und im Unterschied zu einem Wachkoma-Patienten bewegt er die Augen.

Allerdings können die Ärzte nicht mit Sicherheit sagen, ob er versteht, was mit ihm passiert und ob seine Reaktionen zufällig oder bewusst sind. Mehrere Anläufe, mit L. zu kommunizieren, sind in den letzten Jahren gescheitert.

Weil sich sein Zustand nicht verbessert und L. auf lebenserhaltende Massnahmen angewiesen ist, stellt sich nun den Angehörigen die schwierige Frage, ob L. weiterhin via Schlauch ernährt und ihm Flüssigkeit zugeführt werden soll. Kurz: Soll der Patient künstlich am Leben erhalten werden?

Familie bricht in Streit aus

Der Arzt, der ihn behandelt, sagt Nein. Abgesehen davon, dass L. zu Lebzeiten lebenserhaltende Massnahmen abgelehnt hatte, beobachteten seine Betreuer vor drei Jahren, dass L. sich gegen seine tägliche Pflege zu wehren begann. In Absprache mit L.s Ehefrau entschied der Arzt daraufhin, die Ernährung einzustellen und die Flüssigkeitszufuhr zu reduzieren. Doch die Eltern von L. wehrten sich dagegen. Sie verlangten vom Arzt, die künstliche Ernährung fortzuführen, und gingen mit dieser Forderung in Frankreich vor ein Gericht.

Der Richter sprach sich 2014 gegen den Entscheid des Arztes aus und gab den Eltern Recht. Der Richter hielt ausserdem fest, dass die Familie über das weitere Vorgehen entscheiden soll. Der Grund: L. hat vor seinem Unfall weder eine Patientenverfügung verfasst noch eine Vertrauensperson ausgewählt. Das Problem: Die Familie von L. ist gespalten. So hat die Ehefrau den Entscheid der Eltern angefochten, weil sie ihren Sohn einzig aus religiösen Gründen am Leben halten wollten. Da keine Einigung in Sicht ist, muss heute der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) über die Zukunft von L. entscheiden. Eine Premiere. (Update siehe unten)

Schweiz kennt klare Regeln

Was bedeutet das Urteil für die Schweiz? Die Situation, dass sich Angehörige bei einer derart schwierigen Frage nicht einigen können, hält Ethikprofessor Markus Zimmermann für «nicht untypisch», weil «manche Angehörige den Willen des Patienten mit dem eigenen verwechseln».

Zimmermann, der sich in der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin mehrfach mit der Thematik befasst hat, beurteilt die Situation des französischen Falls aus Schweizer Perspektive: «Wenn keine Patientenverfügung vorliegt, muss sich der Arzt am mutmasslichen Willen des Patienten orientieren.» Bloss ist dieser bei L. nicht erkennbar.

Während in Frankreich ein Streit unter den Familienangehörigen ausbricht, weil keine klaren Regeln vorliegen, ist in der Schweiz das Prozedere, wer über die lebenserhaltenden Massnahmen entscheidet, im ZGB genau geregelt: Können sich Angehörige nicht einigen, muss ein aussenstehender Beistand den Entscheid fällen. Zimmermann sagt, dass sich dieser in den meisten Fällen auf den Rat der Ärzte und des Pflegepersonals stütze.

Für die Schweiz hat das Urteil kaum Folgen, wie Zimmermann vermutet. Weil die Regeln schon heute sehr klar seien, werde der EGMR hiesige Regelung kaum beeinflussen können.

Update: Freitag, 11:50 – Gerichtshof für Menschenrechte erlaubt Sterbehilfe für Wachkoma-Patienten

Im Streit um passive Sterbehilfe für einen Querschnittsgelähmten hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) einem Ende der künstlichen Ernährung zugestimmt.

Die Strassburger Richter lehnten am Freitag die Beschwerde der streng katholischen Eltern und zweier Geschwister des Franzosen ab, die sich gegen ein Ende der künstlichen Ernährung zur Wehr setzten.

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