Kurt Aeschbacher
Spätes Debut als Politiker: Warum der ehemalige Fernsehmoderator gegen den EU-Rahmenvertrag kämpft

Bisher äusserte sich der 72-jährige Moderator politisch nicht. Nun ändert sich das: Kurt Aeschbacher engagiert sich neben anderen prominenten Gesichtern für das Komitee «Kompass Europa» und damit gegen das EU-Rahmenabkommen.

Francesco Benini
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Enttäuscht von Cassis: Moderator Kurt Aeschbacher

Enttäuscht von Cassis: Moderator Kurt Aeschbacher

Lucia Hunziker / www.13photo.ch

Einige dachten an einen Scherz, als das Komitee «Kompass Europa» vor Tagen mitteilte: Kurt Aeschbacher und Bernhard Russi machen mit im Kampf gegen das EU-Rahmenabkommen. Aeschbacher und Russi? Haben sich der vormalige Fernsehmoderator und der vormalige Skirennfahrer je in der Öffentlichkeit politisch geäussert?

Das haben sie nicht. Russi scheint die Sache nicht ganz geheuer. «Ich glaube, dass dieses Abkommen besser verhandelt werden muss», teilt er mit. Weiter will er sich nicht äussern, denn es solle nicht der Eindruck entstehen, dass er auf einmal etwas von Politik verstehe.

Aeschbacher, wie Russi 72 Jahre alt, gibt sich selbstbewusster:

Wenn man für das Fernsehen im Showbereich tätig ist, bedeutet das nicht, dass man kein Hirn hat.

Er habe sich immer für Politik interessiert. Seine Verträge mit dem Schweizer Fernsehen hätten aber öffentliche politische Stellungnahmen ausgeschlossen. Daran habe er sich gehalten.

Aeschbacher hörte 2018 als Moderator seiner wöchentlichen Talkshow auf. Er tat das unfreiwillig, wie er verschiedentlich zu verstehen gab. Der damalige Fernsehchef Rudolf Matter war nicht als Ausbund an Einfühlsamkeit bekannt. Er teilte Aeschbacher, der zu den bekanntesten Fernsehgesichtern gehörte, die Absetzung seines Programms am Telefon mit. Und befand sich dabei auf dem Flughafen Wien. Selbst Aeschbachers Kritiker, die seinen Moderationsstil für betulich hielten, fanden das stillos.

TV-Moderator Kurt Aeschbacher
9 Bilder
Montserrat Caballe, rechts, spricht mit Kurt Aeschbacher, links, auf der grossen Bühne des Theaters Basel im November 2006.
Kurt Aeschbacher mit Liselotte Pulver.Der TV-Moderator überreichte der Actress im Januar 2012 den Lifetime Award bei den Swiss Awards.
Kurt Aeschbacher als Werbemaskottchen: Zusammen mit Miss Schweiz Mahara McKay wirbt er fürs Stassenmagazin Surprise.
Aeschbacher und Ursi National an der Millenniumsparty am 31. Dezember 1999 in Bern.
Kurt Aeschbacher und Starkoch Anton Mosimann im Jahre 1998.
Aeschbacher moderierte zu Beginn seiner Karriere die Sendung «Karussell». Mit dem damals fast unvermeidlichen Schnauz der 80er-Jahre.
Aeschbacher und weitere Paradiesvögel in «Casa Nostra» von 1995 bis 2000, eine Samstagabend-Show.
Bundespräsident Alain Berset zu Gast in in Aeschbachers «Labor».

TV-Moderator Kurt Aeschbacher

Zvg Srf

Eine Freundschaft hat zum Engagement geführt

Der Berner moderiert nun Veranstaltungen – die seit dem Ausbruch der Pandemie aber eine nach der andern abgesagt werden. Langweilt sich Aeschbacher? Schliesst er sich einem politischen Komitee an, weil er das Rampenlicht vermisst?

«Ich bin seit langem befreundet mit der Familie Gantner. Es gibt immer wieder spannende Gespräche mit Fredy Gantner», sagt er. So sei es dazu gekommen, dass er sich beim «Kompass Europa» engagiere.

Alfred Gantner

Alfred Gantner

Gian Marco Castelberg / 13 Photo

Fredy Gantner ist Mitgründer der milliardenschweren Partners Group, einer Gesellschaft, die auf Vermögensverwaltung spezialisiert ist und ihren Sitz im zugerischen Baar hat. Gantner lehnt das EU-Rahmenabkommen ab. Er hält dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse vor, dass er vor allem die Interessen multinationaler Konzerne wahrnehme und darum den Vertrag befürworte. Gantner kündigte im vergangenen Herbst an, dass er ein Komitee aus Wirtschaftsleuten zusammenstelle, die sich gegen das Abkommen aussprächen.

Überraschenderweise präsentierte der «Kompass Europa» vor wenigen Tagen auf seinem Onlineportal dann nicht nur Unternehmer und Manager, sondern auch bekannte Figuren aus anderen Bereichen. Den Schriftsteller Rolf Dobelli zum Beispiel. Den Musiker (und Unternehmer) Dieter Meier. Den Kunsthändler und Galeristen Iwan Wirth. Und eben Bernhard Russi und Kurt Aeschbacher.

«Cassis hat den Resetknopf nicht gefunden»

Nun denn, Herr Aeschbacher, was stört Sie am institutionellen Rahmenabkommen? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: «Bundesrat Cassis erklärte, er betätige in der Europapolitik den Resetknopf. Leider scheint er ihn nicht gefunden zu haben. Der Bundesrat machte einen riesigen Fehler, als er im Sommer 2019 erklärte, es brauche nur noch Klärungen beim Lohnschutz, der Unionsbürgerrichtlinie, den staatlichen Beihilfen. Dabei ist das Kernproblem des Rahmenabkommens die dynamische Rechtsübernahme und die vorgesehene Rolle des Europäischen Gerichtshofs. Das schränkt den Handlungsspielraum der Schweiz extrem ein.»

Uff! Aeschbacher redet weiter ohne Punkt und Komma, kritisiert die ausgeweitete Guillotineklausel und fügt an, mit dem jetzigen Rahmenvertrag könnte die Schweiz «grad so gut der EU beitreten.» Das ist eine gewagte Aussage. Es ist aber unverkennbar, dass sich der Moderator vertieft mit der Materie auseinandersetzt. Er kennt die Tücken des Vertrages. Und es wirkt nicht aufgesetzt, wenn er betont: «Die Einschränkung der Handlungsfreiheit der Schweiz betrifft mich als Bürger dieses Landes.»

Bekommt er Geld? «Niemals. Das wäre eine Todsünde»

Befürchtet er nicht, Moderationsaufträge zu verlieren, wenn er sich politisch positioniert? «Jä nu, das nehme ich in Kauf. Wir leben in einem Land der freien Meinungsäusserung.» Hat Herr Gantner ihm etwas bezahlt dafür, dass er beim Komitee mittut? «Das wäre eine Todsünde. Ich liesse mich doch nie kaufen für politische Haltungen.»

Aeschbacher versuchte als Moderator stets, seine Gäste mit Empathie zum Reden zu bringen. Ein Politiker darf vor der Konfrontation nicht zurückschrecken. Es ist darum unklar, ob Aeschbacher als Politiker reüssieren würde. Anderseits formuliert er geschliffen – und er ist sechs Jahr jünger als der neue Präsident der USA. Er sollte es vielleicht versuchen. Für welche Partei? Die SVP? Für Aeschbacher kommt das nicht in Frage: «Wenn jemand behauptet, ich stehe der SVP nahe, ist das eine boshafte Unterstellung. Ich vertrete liberales Gedankengut.»

Unterhändlerin Livia Leu spricht nun mit der EU

Die Schweizer Chefunterhändlerin Livia Leu war diese Woche in Brüssel. Sie versucht, mit der EU Änderungen am Rahmenvertrag auszuhandeln. Über ihr Mandat schweigt sich der Bundesrat aus. Er hatte 2019 mitgeteilt, dass er von Brüssel Klärungen bei der Unionsbürgerrichtlinie, dem Lohnschutz und den staatlichen Beihilfen fordere. Die Gegner des Abkommens halten das aber für nicht ausreichend. Sie kritisieren die Rolle des Europäischen Gerichtshofs bei der Streitbeilegung. (be.)