Porträt
SP-Nationalrätin statt Nonne: Ada Marra - die Schweizermacherin

Die SP-Nationalrätin Ada Marra kämpft für die erleichterte Einbürgerung von Terzos. Zu Beginn ihrer Karriere wollte sie eigentlich gar nicht in die Politik.

Jonas Schmid
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Utopistin wie Pragmatikerin: Ada Marra schlägt sich auf die Seite der sozial Benachteiligten.

Utopistin wie Pragmatikerin: Ada Marra schlägt sich auf die Seite der sozial Benachteiligten.

KEYSTONE

Mit zwölf wollte Ada Marra Nonne werden. Stattdessen ist sie Nationalrätin geworden, für die Sozialdemokraten. «Die christlichen Werte führten mich direkt zu den Begriffen der Französischen Revolution», sagt die praktizierende Katholikin: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Linke staune, dass sie gläubig sei. Die Kirche frage sich, warum sie so links politisiere: «Ich bin frei und lasse mich nicht in ein Schema pressen», sagt die 43-Jährige. Dazu passt, dass sich die Tochter italienischer Einwanderer nicht als Angehörige der zweiten Generation bezeichnen will. «Ich bin Lausannerin und trage nicht die Verantwortung für die Migrationsgeschichte meiner Eltern.»

Jeder bestellt an diesem eiskalten Januartag in einem Berner Café ein heisses Getränk. Marra trinkt ein Glas Cola Zero mit Eiswürfeln. Im Gespräch purzeln die Worte. Die Waadtländerin spricht laut und unterstreicht ihre Argumente gestenreich. Eine Reminiszenz an ihre italienische Herkunft. Ist sie nicht in Bern, bewege sie sich fast ausschliesslich auf Lausanner Stadtgebiet. Im Moment ist aber alles anders. Marra tourt durch die Schweiz, um für die erleichterte Einbürgerung der dritten Generation zu werben, die sie 2008 mit ihrer parlamentarischen Initiative angestossen hat.

Sie selbst hat den roten Pass mit dem weissen Kreuz erst mit 22 Jahren beantragt. Im Studium habe sie damit begonnen, sich für mehr Gerechtigkeit zu engagieren. «Ich wollte politisch mitbestimmen», sagt sie. Drei Jahre dauerte das Verfahren, bis sie den roten Pass in den Händen hielt. Sie, die studierte Politologin, musste einen Test in Staatskunde ablegen. Ob das nicht entwürdigend sei, vor einer fremden Kommission die sieben Bundesräte aufzählen zu müssen? «Für mich nicht», sagt Marra. Sie verstehe aber alle, die so empfinden. «Wieso müssen wir eine Prüfung absolvieren und unsere Schweizer Freunde nicht?» Die Zeit integriere einen Menschen, nicht eine Prüfung.

Flucht aus der Küche

Aufgewachsen ist Marra im Lausanner Banlieue. Nicht in Renens mit seinem hohen Ausländeranteil, sondern in Paudex, wo sich ärmere und reichere Familien mischten. Der soziale Mix habe es ihr ermöglicht, den Horizont zu erweitern, sagt sie rückblickend. «Als Kind begriff ich früh, dass wir nicht alle gleich waren, doch eifersüchtig auf die anderen war ich nicht.» Zuhause kämpfte sie gegen die Macho-Kultur. «Während meine Brüder vor dem Fernseher sassen, sollte ich den Abwasch erledigen», sagt sie. «Ich begriff sofort: Die sollten etwas lernen und ich die gute Hausfrau spielen. Aber nicht mit mir!» So kam es, dass sie im Fernsehen Debatten des damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand verfolgte, während ihre Brüder in der Küche standen.

Das erste Mal fremd gefühlt hat sie sich als Waadtländer Grossrätin. Ein SVP-Kollege habe sich über ihren Namen gewundert, der kein typischer Schweizer Vorname sei. Sie habe ihm erklärt, dass die Bezeichnung ein Akronym des italienischen Addolorata sei, was so viel heisst wie die Betrübte. Der Grossrat habe erwidert: «Für eine Italienerin sprichst du aber gut Französisch.»

Nein, betrübt ist Marra nicht. Sie ist eine Kämpferin, die sich auf die Seite der sozial Benachteiligten schlägt. FDP-Nationalrat Christian Lüscher, der Marra aus der Kommission für Wirtschaft und Abgaben kennt, teilt ihre politische Position nicht, schätzt aber ihre Persönlichkeit: «Sie ist aufrichtig und direkt.» Sie sei keine Strategin, sondern eine, die auch unpopuläre Haltungen einnimmt. So überzeugte sie die Partei, hart zu bleiben und auch den Gegenvorschlag zur Ausschaffungsinitiative abzulehnen. Das Ergebnis ist bekannt, die Initiative wurde angenommen.

«Scheinlösungen wie das Minarettverbot und möglicherweise bald auch ein Burkaverbot, meinetwegen», sagt sie. Sie sei aber Sozialdemokratin geworden, um das Leben der Menschen grundlegend zu verbessern. Zum Beispiel mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Marra ist aber nicht nur Utopistin, sondern auch Pragmatikerin. Ihr gelang das Kunststück, im Parlament Mehrheiten für die erleichterte Einbürgerung zu zimmern. Um den bürgerlichen Widerstand zu brechen, verzichtete sie auf einen Automatismus. Eingebürgert wird weiterhin nur auf Antrag und nach strengen Kriterien. Mit dem Vorwurf, massenhaft Menschen einbürgern zu wollen, kann sie deshalb nichts anfangen. Betroffen seien nur gerade 2500 Personen pro Jahr bei einem Ausländeranteil von knapp zwei Millionen.

2000 Franken pro Burkaträgerin

Marra erlangte jüngst Bekanntheit, als sie einen Finderlohn in der Höhe von 2000 Franken für das Ausfindigmachen einer Burkaträgerin der dritten Generation anbot. Ein Jux im welschen Radio, wie sie sagt. Sie habe aus der Islam-Debatte ausbrechen wollen. Nun werde sie dauernd von Deutschschweizer Journalisten gefragt, ob sie schon zahlen musste. Fünf Mails habe sie erhalten, keiner konnte Beweise für eine Burkaträgerin der dritten Generation erbringen.

Ein Ja am 12. Februar wäre für sie ein wichtiges Zeichen an all jene, die sich auch ohne roten Pass für die Schweiz einsetzen, sagt Marra. «Wie aber würden wir der dritten Generation ein Nein erklären?» Eine Antwort darauf hat sie nicht. Was nachher kommt, weiss sie nicht. Jedenfalls plant sie keine weiteren Erleichterungen bei der Einbürgerung. Auch ein höheres Amt strebt Marra nicht an. Sie wolle nahe bei den Menschen sein. So kann sie sich vorstellen, Todkranke spirituell zu begleiten. Hauptsache, sie mache etwas Sinnvolles. Der Entscheid, ob Glaube oder Politik, ist also noch nicht endgültig gefallen.

Es ist dunkel geworden. Marra zieht ihre schwarzen Lederschuhe aus und montiert rote Sneakers. Sie freut sich auf die Rückkehr in den Lausanner Mikrokosmos. Mit der Deutschschweiz ist sie noch nicht ganz warm geworden.

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