Reportage vom Rütli

Sommaruga ehrt an Bundesfeier 54 Corona-Helden: «Ich hätte am liebsten die ganze Schweiz eingeladen»

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga lobte in ihrer 1. August-Rede die Schweizer Bevölkerung für ihr Verhalten im Zusammenhang mit dem Corona-Virus.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga lobte in ihrer 1. August-Rede die Schweizer Bevölkerung für ihr Verhalten im Zusammenhang mit dem Corona-Virus.

Coronabedingt sind an der Bundesfeier auf der Rütliwiese nur 200 Gäste zugelassen. Umso mehr rücken dadurch die Menschen in den Vordergrund, die für ihren Einsatz in der Coronazeit geehrt werden. Wir stellen zwei von ihnen vor.

Es ist bereits brütend heiss, als das Extraschiff «Titlis» die Schiffstation Rütli im Kanton Uri erreicht. Gegen 30 Grad zeigt das Thermometer an. Und auf die Gäste der Bundesfeier zum Schweizer Nationalfeiertag wartet noch ein fünfminütiger Marsch bergauf zur Rütliwiese.

Doch dieser lohnt sich: Die Feiernden werden mit einem Ständchen der Militärmusik empfangen. Und fast wichtiger: Tische und Stühle im Schatten stehen bereit. Bald darauf werden Wasser und Weisswein ausgeschenkt.

Nachdem die Gäste mit einem Risotto verköstigt wurden, wird die Feier eröffnet. Traditionsgemäss spricht dafür der Präsident der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), welche die Rütlifeier seit 2011 organisiert, sein Grusswort aus.

Dass heuer jedoch Jean-Daniel Gerber auf die Bühne tritt, mag überraschen. Denn an der letztjährigen Rütlifeier hatte der langjährige Präsident seinen Abschied verkündet. Wegen Corona habe jedoch kein Nachfolger gewählt werden können, erklärt Gerber. Und fügt an:

Die ersten Lacher sind ihm gewiss.

Corona machte indes nicht nur der Präsidentenwahl einen Strich durch die Rechnung, sondern zwang auch die Organisatoren der Bundesfeier zu Veränderungen. Nur rund 200 Personen wurden auf die Rütliwiese zugelassen – das sind mehr als zehnmal weniger als letztes Jahr. Damals wurde mit 2200 angemeldeten Besuchern ein neuer Rekord aufgestellt.

54 Coronahelden werden geehrt

Das Coronavirus ist denn auch der Schwerpunkt von Gastrednerin Simonetta Sommaruga. Die Bundespräsidentin stellt in ihrer Rede jene Menschen ins Zentrum, die sich während des Lockdowns für die Gesellschaft eingesetzt haben. «Am liebsten hätte ich die ganze Schweiz auf das Rütli eingeladen», sagt Sommaruga.

Da dies nicht möglich ist, wurde stellvertretend je eine Frau und ein Mann aus jedem Kanton und aus der «Fünften Schweiz» ausgewählt. So zum Beispiel ein Postautofahrer aus dem Kanton Appenzell, eine Ärztin aus Locarno oder ein Postbote aus Zug. Sie alle werden von Sommaruga geehrt und erhalten einen Apfelbaum überreicht, den sie in ihrem Kanton pflanzen können.

1. August: Heldinnen und Helden des Alltags auf dem Rütli geehrt

1. August: Heldinnen und Helden des Alltags auf dem Rütli geehrt

Viele der Coronahelden hätten überrascht auf die Einladung reagiert und sich gefragt, warum gerade sie ausgewählt worden seien, sagt Sommaruga in ihrer Rede. «Ich habe doch gar nichts Besonderes geleistet», war eine häufige Reaktion. Sommaruga findet dies typisch für unser Land:

Sommaruga mahnt: Coronakrise ist noch nicht vorbei

Tatsächlich wollen die Geehrten von sich selbst nicht als Helden sprechen. «Ich habe einfach nur meinen Job gemacht», sagt der Nidwaldner Heilpädagoge Arnold Hurschler. Und Restaurantinhaber Olivier Schaffter aus Delémont, der während des Lockdowns Mahlzeiten an das Pflegepersonal im nahegelegenen Spital spendiert hat, fügt hinzu: «Es sind die Organisatoren, die uns Coronahelden nennen.» Und weiter:

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga lobte in ihrer 1.-August-Rede die Schweizer Bevölkerung für ihr Verhalten im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga lobte in ihrer 1.-August-Rede die Schweizer Bevölkerung für ihr Verhalten im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Sommaruga betont in ihrer Rede weiter, dass die Schweiz nicht nur im Innern, sondern auch über die Grenze hinaus funktioniert habe. «Wir brauchen benachbarte Staaten genauso, wie wir unsere Nachbarn im Quartier brauchen», so die Bundespräsidentin. Dann wird sie ernst und mahnt: «Die Coronakrise ist noch nicht vorbei. Es braucht auch jetzt wieder jede und jeden von uns.» Nur gemeinsam könne man eine erneute Verbreitung des Virus stoppen.

Gegen Ende der Feier, die von der Sängerin Marie-Claude Chappuis, der Alphornistin Lisa Stoll, dem Chor «Les voix de la Gruyère» und dem Fähndlerclub Weggis untermalt wird, steht traditionsgemäss das Singen der Schweizer Nationalhymne an. Mittlerweile zeigt sich der Himmel bedeckt und ein Gewitter kündigt sich an. Just mit dem Schlusswort des SGG-Präsidenten Gerber fängt es dann an zu regnen.

Dunkle Wolken ziehen gegen Ende der Feier auf der Rütliwiese auf.

Dunkle Wolken ziehen gegen Ende der Feier auf der Rütliwiese auf.

Gäste loben gesetzten Corona-Schwerpunkt

Dass der Anlass coronabedingt im kleinen Rahmen gefeiert wird, hat auch seine guten Seiten. Zwar fehlt dem Anlass etwas der «Volksfestcharakter», doch rückt die behandelte Thematik umso mehr ins Zentrum. Das gefällt den Gästen: Barbara Schmid-Federer, Vizepräsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes, sagt: «Als ich für die Rütlifeier angefragt wurde, habe ich sofort zugesagt.»

Dies entspräche auch dem Geist des Roten Kreuzes.

Auch Yvonne Schärli gefällt, dass der Schwerpunkt bei den Helfenden gesetzt wurde. Die ehemalige SP-Regierungsrätin aus dem Kanton Luzern hebt zudem die Bescheidenheit der Nationalfeier in der Schweiz hervor: «Es ist toll, dass wir keine riesige Militärparade fahren, sondern dezentral im überschaubarem Rahmen feiern.» Dass Schärli eingeladen wurde, hat seinen guten Grund: Im nächsten Jahr wird die Bundesfeier auf dem Rütli dem 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts in der Schweiz gewidmet. Als Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen gestaltet Schärli die Feier mit. Sie sagt:

Insgesamt 54 Corona-Helden und -heldinnen werden auf dem Rütli von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga geehrt. Wir haben zwei von ihnen porträtiert:

Luzerner Corona-Heldin hilft Sans-Papier in Not

Regula Erazo hat sich für Sans Papiers eingesetzt.

Regula Erazo hat sich für Sans Papiers eingesetzt.

Der Lockdown hat Menschen, die ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz leben und arbeiten, besonders stark getroffen. Viele wurden von ihren Arbeitgebern entlassen – ohne jegliche Erwerbsausfallzahlungen. Entsprechend stieg die Zahl der Hilfesuchenden bei der Beratungsstelle für Sans-Papiers in Luzern an.

«Fast jeden Tag standen zwei Dutzend Menschen in Not vor unserer Tür. So mussten wir innerhalb von drei Wochen über 120 Dossiers bearbeiten», sagt Regula Erazo, die das vierköpfige Team der Beratungsstelle während der Corona-Zeit unterstützt hat. Sie hat Erstgespräche mit Betroffenen geführt und die Notleidenden an ihrem Wohnort aufgesucht.

Für ihr freiwilliges Engagement wird die 64-Jährige an der Bundesfeier auf dem Rütli geehrt. Erazo betont, dass es ihr bei der Ehrung nicht um ihre Person gehe: «Ich finde es wertvoll, dass die Thematik in den Mittelpunkt rückt.» Die Schicksale der Sans-Papiers würden sie «zutiefst betrübt» machen, sagt Erazo.

«Niemand von ihnen hat eine Krankenkasse oder einen Arbeits- oder Mietvertrag, weshalb die Sans-Papiers während des Lockdowns akut von Obdachlosigkeit und Hunger bedroht waren.» Um dies zu verhindern, hat der Verein Kontakt- und Beratungsstelle für Sans-Papiers Luzern zu Beginn des Lockdowns einen Spendenaufruf gestartet. Regula Erazo ist aktuell als Pensionierte im Vorstand des Vereins tätig.

Geehrter Nidwaldner Heilpädagoge: «Ich habe nur meinen Job gemacht»

Heilpädagoge Arnold Hurschler wird für seinen Einsatz während des Lockdowns geehrt.

Heilpädagoge Arnold Hurschler wird für seinen Einsatz während des Lockdowns geehrt.

Aus dem Kanton Nidwalden wird an der Bundesfeier Arnold Hurschler für sein Engagement in der Corona-Zeit geehrt. Der Heilpädagoge arbeitet auf der Orientierungsstufe der Schule Wolfenschiessen mit Jugendlichen zusammen, die in einem sonderpädagogischen Setting sind. «Solche Schüler müssen nah begleitet werden, damit sie ihre Lernziele erreichen können», erklärt Hurschler.

Es sei eine Herausforderung gewesen, den persönlichen Kontakt mit Telefon und Videotelefon zu ersetzen. Einige der Schüler aus der Abschlussklasse mussten zudem bei der Lehrstellensuche unterstützt werden. Obwohl er schon über 40 Jahre an der Schule Wolfenschiessen arbeite, habe er in den vergangenen Monaten vieles dazu gelernt, so Hurschler. «So viel wie ich telefoniert habe, könnte ich in ein Call Center wechseln», fügt er mit einem Lachen an.

Für Hurschler selbst ist die Coronakrise mit Unsicherheiten verbunden. Der 64-Jährige gehört wegen einer Vorerkrankung zur Risikogruppe. Gleichwohl sagt Hurschler, dass er sich nicht als Corona-Held fühle: «Ich habe einfach meinen Job gemacht, wie viele andere auch». Nur dank des gemeinsamen Engagements von Lehrern, der Schulleitung und Eltern sei die Zeit gut gemeistert worden.

Meistgesehen

Artboard 1